Aktion

Wermelskirchener demonstrieren unter dem Motto: „Impfen bedeutet Solidarität“

Jürgen Ingendahl stellte sich gegen 18 Uhr auf die Bank und hielt seine Ansprache unter dem Motto „Impfen bedeutet Solidarität“. Foto: Doro Siewert
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Jürgen Ingendahl stellte sich gegen 18 Uhr auf die Bank und hielt seine Ansprache unter dem Motto „Impfen bedeutet Solidarität“.
  • Susanne Koch
    VonSusanne Koch
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Mehr als 50 Menschen trafen sich Montagabend, um für das Impfen zu werben.

Wermelskirchen. Die beiden Gruppen, die sich am Montagabend vor dem Rathaus an der Telegrafenstraße aufstellten, waren gut zu unterscheiden. Die etwas mehr als 50 „Impfbefürworter“ trugen alle medizinische Masken. Die „Spaziergänger“ trafen sich maskenlos, viele hielten einen roten Valentin-Herz-Ballon in der Hand. Es waren rund 100 Menschen.

Am Rande des Zusammentreffens beider Gruppen an der Telegrafenstraße entwickelte sich eine Diskussion, in dem ein AfD-Mitglied den Umstehenden erklärte, dass sich Ärzte kaum noch trauen würden, Atteste den Menschen auszustellen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können. „Es hat in Leverkusen schon Durchsuchungen von Arztpraxen gegeben.“ Das Motto der „Spaziergänger“: „Impfen ist meine Entscheidung“. Der AfD-Mann hatte zuvor noch zwei weibliche „Impfbefürworter“ angepöbelt: „Na, habt Ihr Angst?“

„Was ist es für ein Glück, dass wir so schnell Impfstoffe zur Verfügung hatten.“

Jürgen Ingendahl

Jürgen Ingendahl, der den Aufruf zur Gegendemonstration zu den „Spaziergängern“ gemacht hatte, bestieg gegen 18 Uhr die Bank, um seine Rede für die Menschen zu halten, denen „Impfen Solidarität bedeutet“. Er betonte, dass die Zahlen des Robert-Koch-Instituts aus den vergangenen Wochen zeigten, dass 72 Prozent der auf den Intensivstationen an Corona gestorbenen Patienten Ungeimpfte gewesen sind. Der größte Teil davon sei mehr als 60 Jahre alt, manche hatten auch Vorerkrankungen. An der Spanischen Grippe seien vor über 100 Jahren zwischen 20 und 50 Millionen Menschen gestorben, die meisten waren zwischen 20 und 40 Jahre alt. Damals habe es keinen Impfstoff gegeben. Jürgen Ingendahl betonte: „Impfen bedeutet Solidarität“. Das gelte natürlich genauso für Impfungen gegen Kinderlähmung, Masern, Diphtherie, Röteln, Tuberkulose und so weiter. „Was ist es für ein Glück, dass wir so schnell Impfstoffe zur Verfügung hatten.“

Er selbst habe sich bereits mit dem Schild „Impfen bedeutet Solidarität“ montags unter die Spaziergänger gemischt. „Besonders markant waren zwei Personen, die behaupteten, sich in einem totalitär besetzten Staat zu befinden und alle unsere Gesetze seinen aufdiktiert oder aus der Kaiserzeit“, betont er. „Und einer der Spaziergänger wollte mir sogar die Anwesenheit verbieten.“ Dazu passe, dass auch Bürgermeisterin Marion Lück in anonymen Mails bedroht wurde, weil sie die Wermelskirchener Erklärung unterstützt hat. Und auf dem Internet-Portal „Forum Wermelskirchen“ gab es einen anonymen Kommentar mit einem Aufruf zum Boykott eines Wermelskirchener Einzelhändlers. „Wir setzen dagegen auf Vernunft und den Respekt vor den Menschen und ihrer Gesundheit“, sagt Ingendahl.

„Ich bin dem Aufruf gefolgt, um der schweigenden Mehrheit Ausdruck zu verleihen.“

Bernd Luchtenberg

Unter den Demonstranten befand sich auch Gisela Löhmer. Sie betonte: „Ich muss hier einfach mitgehen und mich solidarisch verhalten. Warum muss alles politisch vermischt werden, das finde ich nicht gut. Die Spaziergänger haben sich als Zeitraum den Montag ausgesucht, da liefen auch immer die Demonstrationen von Pegida.“

Bernd Luchtenberg sagte: „Ich bin dem Aufruf gefolgt, um der schweigenden Mehrheit Ausdruck zu verleihen.“ Die Quertreiber und Leerdenker hätten die Straße erobert. „Wir müssen uns ihnen entgegenstellen.“

Nach der Rede von Jürgen Ingendahl ging die Demonstrationsgruppe, begleitet von zwei Polizeibeamten die Carl-Leverkus-Straße hinunter. Die „Spaziergänger“ wurden von einer größeren Gruppe Polizisten begleitet. Sie gingen die Telegrafenstraße hoch.

Erklärung

Die Wermelskirchener Erklärung: Sie ist übertitelt mit „Für Zusammenhalt und Solidarität, für Demokratie, Aufklärung und Stadtkultur“. In der Erklärung wird für das Impfen geworben. Weiter steht unter anderem geschrieben: „Wir marschieren nicht mit, wenn Initiator*innen der ,Freiheitsmarsch‘-Impf-Proteste die Pandemie als Vorwand nutzen, Wissenschaftsfeindlichkeit zu verkünden, Unruhe zu stiften, Ängste zu schüren und unsere Demokratie zu gefährden.“

Standpunkt: Zwei Welten treffen sich

susanne.koch@rga.de

Kommentar von Susanne Koch

Deutlich wurde am Montagabend, dass sich mit den Spaziergängern und der Gegen-Demonstrationsgruppe zwei sehr unterschiedliche Welten getroffen hatten. Eigentlich bleibt da nicht mehr viel zu sagen. Dabei ist es doch gerade das, was unsere Gesellschaft so dringend braucht. Wir müssen miteinander reden für die Zukunft unserer Gesellschaft und die unserer Kinder. Die Voraussetzung ist aber, dass der einzelne Mensch das auch möchte. Und leider gibt es auf beiden Seiten Sticheleien gegen die jeweils andere Seite. Es wäre schon sinnvoll, das künftig einzustellen. Doch leider sind es nicht nur Impfbefürworter und Menschen, die für das freie Recht an der Impfung eintreten, die aufeinanderstoßen. Sondern die Spaziergänger sind eine, von den Einstellungen her, wild durchmischte Gruppe. Um das, was jetzt in der Corona-Pandemie begonnen hat, gesellschaftlich aufzufangen, brauchen wir Projekte, die bereits schon in den Kindertagesstätten anfangen und sich dann das ganze Schulleben durchziehen. Da muss es um Streitkultur, um die Grundregeln der Demokratie, um die Akzeptanz des jeweils anderen gehen.

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