Wermelskirchen

Missbrauchskomplex Wermelskirchen: Anklage erhoben - „unvorstellbares Ausmaß“

Eine Ermittlerin sitzt vor Monitoren mit unkenntlich gemachten Fotografien, die teilweise sexuellen Missbrauch zeigen. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
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Eine Ermittlerin sitzt vor Monitoren mit unkenntlich gemachten Fotografien, die teilweise sexuellen Missbrauch zeigen.

Die Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben. Allein die Anklageschrift umfasst 136 Seiten und 124 Taten, die ein heute 45-jähriger Wermelskirchener begangen haben soll. Von ihm breitet sich das Netz möglicher weiterer Täter aus.

Wermelskirchen. Es seien Bilder und Videos von einer „nicht vorstellbaren Brutalität“. Selbst gestandene Ermittler sprachen von einem nicht vorstellbaren Ausmaß an Taten. Was die Ermittler im Mai 2022 bei einem Mann in Wermelskirchen fanden, sprengte jeden bis dato bekannten Rahmen. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Köln Anklage gegen den 45-Jährigen erhoben. Allein der Umfang der Anklageschrift spricht für sich. Der Prozess im Missbrauchsfall Wermelskirchen beginnt am 6. Dezember 2022 vor dem Landgericht Köln.

124 Taten wirft die Staatsanwaltschaft dem Mann vor. Die Anklageschrift zum Missbrauchskomplex Wermelskirchen umfasse 138 Seiten, bestätigt das Landgericht Köln, wo der Prozess stattfinden wird. Ereignet haben sollen sich die Taten zwischen dem 17. März 2005 und dem 4. September 2019, also über einen Zeitraum von fast 15 Jahren hinweg. Laut seines Anwalts, dem Kölner Christian Lange, hatte der Mann die Taten gestanden.

Festnahme während Videokonferenz - Ermittler sichern riesige Datenmenge

Es ging in den Ermittlungen vor allem um sexuellen Missbrauch, auch in schweren und besonders schweren Fällen. Zudem fanden die Ermittler unvorstellbare Mengen an pornografischen und kinderpornografischen Bildern und Videos bei dem verheirateten Mann. Zugeschlagen hatten die Ermittler im Mai, während einer Videokonferenz des Mannes mit Kollegen - Ziel war es, ihn am offenen Rechner zu überraschen, um alle Daten sichern zu können.

In Wermelskirchen stellten die Ermittler allein auf einer einzigen Festplatten-Partition 3,5 Millionen Bild- und 1,5 Millionen Video-Daten sicher. Sie alle ließen keinerlei Spielraum für Interpretationen. Es handele sich zu einem großen Teil um die Dokumentation schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern „in einer nicht vorstellbaren Brutalität“, sagten die Ermittler im Mai. Allein die Sicherung des gesamten Materials auf Datenträgern dauerte mehrere Tage.

Missbrauch Wermelskirchen: Das steht in der Anklage

Ausgehend von den sichergestellten Beweismitteln kommen nun 99 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern zur Anklage, davon 89 schwere Fälle, in einem Fall soll ein betroffenes Kind körperlich schwer misshandelt worden sein. In 74 Fällen soll der Mann die Widerstandsunfähigkeit des betroffenen Kindes ausgenutzt haben. In 9 Fällen davon soll zusätzlich kinderpornographisches Material hergestellt worden sein. In 6 Fällen davon soll tateinheitlich eine Vergewaltigung vorliegen, in einem Fall eine gefährliche Körperverletzung. In weiteren 15 Fällen geht es im Wesentlichen um Beihilfevorwürfe zu erheblichen Missbrauchstaten anderer Personen.

Die verbleibenden 10 Fälle betreffen ebenfalls Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, auch gegenüber Jugendlichen (14-17 Jahre), oder kinderpornographische Schriften. In einem Fall davon soll der Beschuldigte eine Person zu einem schweren sexuellen Missbrauch von Kindern angestiftet haben.

Die Anklage geht von 13 geschädigten Kindern (mehr Jungen als Mädchen) in einer Alterspanne von 11 Monaten bis zu 13 Jahren aus, die durch den Angeschuldigten selbst geschädigt worden sein sollen. Durch die Beihilfe- und Anstiftungstaten, die dem Angeschuldigten vorgeworfen werden, sollen sieben weitere Kinder geschädigt worden sein. In drei Fällen richteten sich die Taten gegen 14-jährige Jungen, teilt das Landgericht Köln auf Anfrage mit.

Prozess: Beginn voraussichtlich im Dezember

Stattfinden wird der Prozess gegen den 45-jährigen Wermelskirchener voraussichtlich ab Dezember vor der 2. großen Strafkammer als Jugendschutzkammer am Landgericht Köln. Zahlreiche Opfer befanden sich im Säuglings- und Kleinkindalter, das älteste soll 14 Jahre alt gewesen sein.

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Angeklagter bot sich als Babysitter an

Zugang zu seinen Opfern verschaffte sich der Wermelskirchener offenbar, indem er sich als Babysitter über Onlineportale anbot.

Weitere Verdächtige in 14 Bundesländern

Die Taten des Mannes aus Wermelskirchen wurden in der Folge anderer Ermittlungen in Berlin aufgedeckt. Dabei war der damals 44-Jährige ins Visier der Ermittler geraten war. Er führte ausführliche Listen von Pädophilen. Der Fall Wermelskirchen wiederum führt ebenfalls zu zahlreichen weiteren Ermittlungen. Im Mai sprachen die Ermittler von bislang 74 Verdächtigen, 33 Opfer waren bis dahin identifiziert worden. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln in 14 von 16 deutschen Bundesländern. In Wermelskirchen selbst soll der Angeklagte nach damaligen Erkenntnissen keine Taten begangen haben.

Angeklagter lebte vorher in Wuppertal

In Wermelskirchen lebte der Mann erst seit rund einem Jahr. Nach Informationen unserer Redaktion war er aus Wuppertal mit seiner Frau hierher gezogen. Eigene Kinder soll er nicht gehabt haben. Nachbarn beschrieben ihn als ruhigen, durchaus sympathischen Mann. Noch kurz vor der Tat soll er angeboten haben, sich im Viertel engagieren zu wollen. red

Dazu auch: Interview: Täter sind weltweit vernetzt

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