Säuglinge unter den Opfern

Missbrauchsfall erschüttert Wermelskirchen

Die Ermittler gaben heute in Köln eine Pressekonferenz zum Wermelskirchener Missbrauchskomplex.
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Die Ermittler gaben heute in Köln eine Pressekonferenz zum Wermelskirchener Missbrauchskomplex.
  • Anja Carolina Siebel
    VonAnja Carolina Siebel
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Der 44-jährige Wermelskirchener soll mit unfassbarer Brutalität vorgegangen sein. Er sitzt seit Dezember in Untersuchungshaft.

Wermelskirchen. Zunächst führte die Spur der Ermittler nach Berlin - von dort aus aber recht schnell in den Rheinisch-Bergischen Kreis. Es geht um sexuellen Missbrauch an Kindern. Ein 44-jähriger Wermelskirchener soll in mehreren Fällen Kinder, zum Teil Säuglinge und Kinder mit Behinderung, brutal missbraucht haben. Über einen seiner Geschäftspartner in Berlin kamen die Ermittler auf den Mann aus Wermelskirchen, der jetzt als Hauptbeschuldigter gilt.

„Ein solches Ausmaß an Brutalität gegenüber kleinen Kindern, ihren Schmerzen und ihren Schreien ist mir noch nicht begegnet“, sagte Kölns Polizeipräsident Falk Schnabel sichtlich erschüttert am Montag auf einer Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft.

Das Perfide: Der selbst kinderlose Wermelskirchener, der mit seiner Ehefrau im Frühjahr 2021 von Wuppertal nach Wermelskirchen gezogen war, hatte im Internet über 14 Jahre lang nebenberuflich seine Dienste als Babysitter angeboten. Auf 3,5 Millionen bei dem Mann bisher sichergestellten Fotos und 1,5 Millionen Videos seien „brutalste Vergewaltigungen von Babys und Kleinkindern“ zu sehen, die der Wermelskirchener nicht nur an andere Tatverdächtige aus ganz Deutschland verschickte, sondern auch mit Hilfe von Listen als Datenbank in seinem Arbeitszimmer in Tente akribisch archivierte.

Missbrauchsfall in Wermelskirchen: Verdacht war zunächst noch begrenzt

Der verheiratete, aber kinderlose Angestellte wurde bereits im Dezember bei einem SEK-Einsatz in seinem Einfamilienhaus festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Seine Ehefrau hatte nach WGA-Informationen das gemeinsame Haus bereits nach Bekanntwerden der Vorwürfe verlassen. Der mutmaßliche Täter hatte zuvor als unbescholten gegolten. Die Arbeitskollegen, mit denen der Mann beim Eintreffen des Spezialeinsatzkommandos im Dezember in einer Videokonferenz gesessen hatte, hatten zunächst an Einbrecher im Haus gedacht, als die Beamten das Arbeitszimmer stürmten.

Der Verdacht gegen den Mann damals lautete: sexueller Missbrauch an einem Kind. Im Zuge der Ermittlungen hätte sich indes ein gesamter Missbrauchskomplex herauskristallisiert, in dem Beamte bisher 73 Verdächtige und 33 Opfer ermitteln konnten, erklärte Kriminalhauptkommissar Jürgen Haese, der die Ermittlungen unter dem Namen „BAO Liste“ (Besondere Aufbauorganisation) leitet. „Liste“ deshalb, weil der Täter mit Listen sein pornografisches Material archivierte.

In seinem Ausmaß und seiner Brutalität unterscheide sich der aktuelle Missbrauchsfall noch einmal von der so genannten „BAO Berg“. Diese Sonderkommission war ins Leben gerufen worden, als Ende 2019 die Polizei bei einem inzwischen verurteilten pädophilen Familienvater aus Bergisch Gladbach Unmengen an Daten aus einschlägigen Chatgruppen fand. Haese: „Die pädophilen Täter damals lehnten Gewalt ab, versuchten viel mehr , mit perfiden Erziehungsmethoden, ihre Kinder für den Missbrauch gefügig zu machen. Im aktuellen Fall geht es eher um Einzeltäter, die mit menschenverachtender Brutalität und gefühlloser Gleichgültigkeit Kindern gegenüber agieren.“ Die Opfer, die zum Teil heute schon erwachsen sind, würden aus dem Kölner Umfeld stammen. Das jüngste von ihnen sei gerade einen Monat alt gewesen.

In der direkten Nachbarschaft in Tente herrscht Verunsicherung. Man sei froh, „dass der endlich weg“ sei, hieß es am Montag in einem Medienbericht. Verunsichert werden aber sicher auch Eltern sein, die von den Greueltaten des 44-Jährigen aus ihrer Heimatstadt gehört haben - und nun an ihre eigenen Kinder denken. „Solche Fälle lösen immer Entsetzen aus, rufen aber bei Eltern auch oft Sorge um die eigenen Kinder hervor“, sagt Christian Tholl, Sprecher der Polizei Rhein-Berg, auf Nachfrage. Die Kreispolizei kläre deshalb regelmäßig zu dem Thema Kindesmissbrauch auf, zuletzt gab es im November eine große Info-Kampagne. Tholl: „Das Wichtigste ist, im Gespräch zu bleiben.“
https://rheinisch-bergischer-kreis.polizei.nrw/artikel/praevention-von-kinderpornografie

Hintergrund

Derzeit werde laut Staatsanwaltschaft Köln geprüft, ob der Wermelskirchener in Sicherungsverwahrung genommen werden könne. Ein psychiatrisches Gutachten sei ebenfalls in Auftrag gegeben worden. Der Schwerpunkt der Taten liege mit 26 Verfahren in NRW.

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