Gericht

Missbrauch: Zeuge hatte „komisches Bauchgefühl“

Vater eines Opfers lehnt Schmerzensgeld von Marcus R. ab.

Von Claudia Hauser

Der Familienvater Jürgen K. (Name geändert) war irritiert, als sich neben einigen jugendlichen Mädchen aus der Nachbarschaft auch ein erwachsener Mann auf ein Inserat meldete, mit dem er und seine Frau im Frühjahr 2015 einen Babysitter für den kleinen Sohn suchten.

Aber sie luden den Interessenten zum Kennenlern-Gespräch ein, er machte einen vernünftigen Eindruck, hatte gleich einen guten Draht zu den Kindern und Erfahrung im Babysitten. So erzählt K. es am Dienstag im Zeugenstand des Kölner Landgerichts. „Es kam mir aber schon komisch vor, dass er sich eine halbe Stunde ins Auto setzte, um zu uns zu kommen – da rechnet sich ja noch nicht mal der Sprit“, sagt der 49-Jährige. Doch  Marcus R. aus Wermelskirchen wischte Bedenken beiseite und erklärte seine Motivation damit, dass er sehr gerne mit Kindern arbeite, weil er und seine Frau noch keine hätten. Als er zum ersten Babysitter-Einsatz mit einer Reisetasche erschien, fand K. auch das seltsam. „Ich habe ihn gefragt, er meinte, da sei Essen, Trinken und ein Tablet drin“, sagt er. Nachgesehen habe er natürlich nicht. Heute weiß man, dass Marcus R. seine „Babysittertasche“ oft voll gepackt hatte mit Utensilien, die er für den sexuellen Missbrauch der Kinder, die ihm anvertraut worden waren, benutzte.

Angeklagter bat Chef um Bonus für seine Arbeit im Jahr 2022

Jürgen K. schildert, dass der Angeklagte nur ein- oder zweimal auf seinen Sohn, der damals noch kein Jahr alt war, aufgepasst habe. „Ich weiß noch, dass meine Frau und ich früher als abgemacht nach Hause gefahren sind, weil ich ein komisches Bauchgefühl hatte.“ Zu Hause habe R. dann aber mit dem Jungen auf dem Boden gesessen und gespielt. Trotzdem habe er ihn nicht noch einmal angefragt.

Erst acht Jahre später stellte sich heraus, dass das ungute Bauchgefühl des Vaters richtig war: Ein Kripo-Beamter kontaktierte ihn im vergangenen Jahr. So erfuhr K. von den schweren Vorwürfen gegen Marcus R. „Ich habe zu dem Beamten gesagt: Da haben wir ja noch mal Glück gehabt, der war höchstens zweimal bei uns.“ Doch der Ermittler entgegnete: „Da muss ich Sie leider enttäuschen.“ Auch der kleine Junge wurde missbraucht.

Als der Angeklagte sich bei dem Zeugen entschuldigt und dessen Sohn Schmerzensgeld anbietet, lehnt der Zeuge ab. „Das ist für mich schmutziges Geld. Machen Sie eine Therapie, werden Sie ein besserer Mensch – was Sie getan haben, ist unmenschlich.“

An diesem Prozesstag begegnet der Angeklagte auch seinem ehemaligen Chef wieder, der als Zeuge geladen ist. Marcus R. hat mit ihm bei der Bayer AG in Leverkusen gearbeitet, hatte dort als IT-Experte zuletzt eine Leitungsposition. Nach seiner Verhaftung Anfang Dezember 2021 hätten viele Kollegen sich nach R. erkundigt, erzählt der Ex-Vorgesetzte: „Sie wollten sich bei ihm melden, ihm Karten schicken, weil wir erst einmal gesagt hatten, er sei erkrankt.“ R. sei ein guter Mitarbeiter gewesen, immer engagiert, kommunikativ, hilfsbereit und fleißig. „So wie man sich jemanden wünscht als Chef“, sagt er.

Als durchsickerte, warum Marcus R. tatsächlich weg war, habe das „Schockwellen durch die Organisation gesendet“, sagt der Zeuge. Niemand habe auch nur das Leiseste geahnt. Wenige Tage nach der Verhaftung bekam der Chef einen Brief von Marcus R. Darin bekundete der, unbedingt im Unternehmen bleiben zu wollen, und bat um die Möglichkeit, ein Sabbatical einlegen zu können. „Wenn ich Burnout hätte, wäre ich ja auch plötzlich weg“, schrieb er. Das habe er als sehr befremdlich empfunden, so der Zeuge. Doch Marcus R. wollte noch etwas: Er bat um einen Bonus für seine Arbeit im Jahr 2022, einen „Top Performance Award“, wie eine solche Sonderzahlung im Unternehmen heißt. Geantwortet habe er nie auf den Brief, sagt der Zeuge.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

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