Prozess

Misbrauchs-Komplex: Was für ein Mensch ist Marcus R.?

Der Angeklagte Marcus R. im Gerichtssaal.
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Der Angeklagte Marcus R. im Gerichtssaal.

Im Missbrauchsprozess will das Landgericht Köln herausfinden, wie der Angeklagte tickt – Ex-Freundin sagt aus.

Von Claudia Hauser

Wermelskirchen. Als ihre Schwester versuchte, Melanie H. (Name geändert), mit ihrem Nachbarn zu verkuppeln, sagte sie zu ihr: „Der wohnt zwar noch zu Hause, aber der fährt ein gutes Auto – der kann sich bestimmt auch eine Mietwohnung leisten.“ So erzählt Melanie K. es im Kölner Landgericht. Der Mann, um den es ging, ist Marcus R. Er sitzt nun auf der Anklagebank, wegen vielfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern.

Die 2. Große Strafkammer hat viele Personen aus seinem Umfeld als Zeugen geladen, um zu erfahren: Was für ein Mensch ist Marcus R.?

Melanie H. ließ sich im Herbst 2009 nach dem Verkupplungsversuch ihrer Schwester auf ein Treffen mit ihm ein. „Ich wollte mal einen netten Freund“, sagt sie. Ihr Ex sei eben das nicht gewesen. Dass Marcus R. mit 33 Jahren noch bei seinen Eltern lebte, habe sie nicht gestört. Dass er sich sämtliche Kleidung von der Mutter kaufen ließ, schon. „Er sah darin aus wie sein Vater“, sagt die 37-Jährige.

Überhaupt sei der kleine, schmächtige Mann optisch nicht ihr Typ gewesen. Doch bei den ersten Dates sei er charmant gewesen, selbstbewusst, witzig und interessiert an ihrem Leben. „Und superintelligent“, sagt sie. „Das hat mir imponiert.“

Nach dem dritten Date und einem ersten Kuss seien sie ein Paar geworden. Melanie H. wurde aber bald klar, dass ihr neuer Freund andere Prioritäten hat. Er arbeitete viel, angeblich auch abends und nachts, beschäftigte sich mit Computern und seinem neuen Audi – und bei den Treffen der beiden waren meist Freunde dabei. „Ich hatte das Gefühl, der will gar nicht mit mir alleine sein“, sagt sie.

Er habe prüde auf sie gewirkt. Melanie K. fühlte sich weder begehrt noch gesehen. „Er kündigte mal eine große Überraschung an und fuhr dann mit mir zu einem Wald zu einer Geocaching-Tour“, erzählt sie.  Dass sie auf hochhackigen Schuhen und im schicken Outfit keine GPS-Schnitzeljagd im Wald machen wolle, sei Marcus R. nicht in den Sinn gekommen. „Ich dachte, wir gehen schick essen“, sagt sie.

Marcus R. hatte zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Babysitter-Jobs. Seiner Freundin erzählte er davon aber nichts. Dass er diese Jobs nach Feierabend annahm, um Kinder sexuell zu missbrauchen, hat er im Prozess bereits gestanden. Dass R. die Nähe zu Kindern suchte, blieb auch Melanie H. nicht verborgen.

R. war oft bei ihrer Schwester zu Besuch, die mit Mann und Kindern in der Nachbarschaft lebte. Er las dem kleinen Sohn Gute-Nacht-Geschichten vor, nahm ihn auf den Schoß, wenn er sein Auto putzte. Der Junge spürte aber, dass diese Nähe einen sexuellen  Hintergrund hatte, und sagte seiner Mutter, er wolle nicht mehr, dass Marcus R. ihm vorlese.

Auch der jüngere Bruder von Melanie K. erzählte irgendwann, R. habe ihn so berührt, dass es ihm unangenehm gewesen sei. „Das habe ich damals nicht ernst genommen“, sagt die Zeugin. Sie habe ihre Schwester auch für verrückt erklärt, als die ihr erzählte, dass Marcus R. Windeln aus dem Mülleimer neben dem Haus geklaut hätte. „Warum sollte das jemand tun?“, habe sie sie gefragt.

Die Beziehung zwischen den beiden dauerte ein halbes Jahr. Melanie K. machte Schluss, weil sie das Gefühl hatte: „Sein Auto war ihm wichtiger als ich.“ An einem Tag, als er ihr gesagt habe, er müsse arbeiten, habe er sieben Stunden lang sein Auto geputzt. „Heirate doch dein Auto“, habe sie nach dieser Lüge gedacht.

Marcus R. habe „ein paar Kullertränchen“ geweint, als sie Schluss gemacht habe und zu ihr gesagt: „Meine Mutter mochte dich so.“ Da habe sie sich gedacht: „Und du?“ Gefragt habe sie ihn aber nicht. Der Angeklagte blickt während der Aussage seiner Ex-Freundin kein einziges Mal auf, geschäftig macht er sich unentwegt Notizen.

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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