Interview

„Mein Leben ist heute ganz anders“

„Ich sterbe wohl eher an einem Herzinfarkt im Straßenverkehr, weil ich mich immer so aufrege“: Steffie Simon hat den Kampf gegen den Brustkrebs gewonnen.
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„Ich sterbe wohl eher an einem Herzinfarkt im Straßenverkehr, weil ich mich immer so aufrege“: Steffie Simon hat den Kampf gegen den Brustkrebs gewonnen.

Steffie Simon entdeckte Weihnachten 2021 einen Knoten in ihrer Brust – Sie erzählt wie der Kampf gegen den Krebs sie verändert hat.

Von Theresa Demski

Wermelskirchen. Es ist eigentlich ein gemütlicher Tag. Ein Samstag. Kurz vor Weihnachten. Steffie Simon und ihr Mann wollen ihren Hochzeitstag feiern. Tochter Joleen, damals gerade vier, freut sich auf den Tag mit Mama und Papa. „Als ich aus der Dusche stieg, sagte mein Mann: Was hast du denn da für eine Beule“, erinnert sich Steffie Simon. Zum ersten Mal entdeckt sie in diesem Moment die Schwellung an ihrer Brust. „Es war für mich undenkbar, dass es Krebs sein könnte“, sagt sie.

15 Jahre zuvor hatten die Ärzte bei ihrer Mutter Brustkrebs diagnostiziert: Und mit diesem Tag hatte sich auch das Leben von Steffie Simon grundlegend verändert. Keine Vorsorgeuntersuchung hatte sie ausgelassen. Schon damals mit 18, als sie begann ihre sterbende Mutter zu pflegen, hatte sie sich auf das BRCA-Gen testen lassen – um ein erhöhtes Risiko für Brust- oder Eierstockkrebs auszuschließen. Heute weiß man: Es gibt zwei „Brustkrebs-Gene“. Der BRCA-Test 1 fiel damals negativ aus.

Und trotzdem sitzt sie im Dezember 2021 in der Notaufnahme im Sana. „Als der Arzt mir beim Ultraschall plötzlich tröstend über den Oberarm strich, da wusste ich es“, erzählt Steffie Simon. Sie wolle das Bild sehen, insistiert sie noch im Krankenhaus. Der Arzt ist zurückhaltend, selber im Notdienst, kein Spezialist. „Das ist mein Tumor, ich will ihn sehen“, erklärt Steffie Simon. Das Bild kommt ihr erschreckend vertraut vor. „Es sah genauso aus, wie bei meiner Mutter“, sagt sie. Und damit schleicht sich noch in diesem Moment eine Überzeugung ein: „Ich werde sterben. Da war ich mir in diesem Moment ganz sicher.“

Im Auto weint sie, dann ruft sie ihren besten Freund und ihren Papa an, bevor sie ihren Mann mit der Nachricht konfrontiert. „Er sagte: Es wird alles gut“, erzählt die heute 34-Jährige. Das habe sie damals nicht gefühlt. Und drei Monate später, mitten im Kampf um ihr Leben, verbannen sie und ihr Mann diesen Satz auf die schwarze Liste. Stattdessen geht sie abgeklärt und pragmatisch in diesen Krieg gegen den Krebs. „Uns war klar: Unserer Tochter gegenüber würden wir nichts verschweigen. Wir würden nicht lügen“, erzählt sie. Am Anfang sei sie zum Weinen auf die Toilette gegangen. Aber dann fragt ihre Tochter eine Erzieherin in der Kita, die ankündigt aufs Klo zu müssen,: „Musst du auf der Toilette weinen?“ Und Steffie Simon entscheidet: Ihre Gefühle lassen sich vor ihrer Tochter nicht verbergen. Also ist Joleen dabei, als sie die Haare abrasiert. Die damals Vierjährige darf Fragen stellen und mit ihrer Mutter weinen.

Mitten in der Corona-Pandemie stehen die erste Operation, die Chemo und die Bestrahlung auf dem Programm. „Ich musste das alles alleine machen, niemand durfte mit in die Klinik“, erzählt Steffie Simon. Die Auflagen sind streng – aber zumindest machen die Befunde Hoffnung. Der Krebs ist schnellwachsend, reagiert aber auf Hormone. Und er hat nicht gestreut. Inzwischen liegt auch der Test auf das BRCA 2-Gen vor: Positiv. „Mein erster Gedanke war: Was habe ich meiner Tochter jetzt vererbt?“, fragt sich Steffie Simon. Aber im Frühling 2022 ist sie bereits im Kampfmodus: Aufgeben sei keine Option gewesen und die Angst habe sie entschieden verbannt – selbst als die zweite Operation „unglücklich“ verläuft, eine Notoperation nötig wird. Auch als die Chemo und dann die Bestrahlung mit ihren Nebenwirkungen den Alltag der Familie völlig auf den Kopf stellt.

„Ich habe gestrickt“, so Steffie Simon. Jahre zuvor hatte sie sich über YouTube das Stricken beigebracht und dann den Kontakt zum Wollkreis im Gemeindehaus Heisterbusch gefunden. „Mit Glaube hatte ich nichts am Hut“, sagt sie. Aber das Stricken und die Gemeinschaft: Beides hilft ihr. Und dann sagt Steffie Simon diesen Satz, der nachwirkt: „So viel mir diese Krankheit genommen hat, so viel hat sie mir auch gegeben.“ Sie habe eine Antwort auf das „Warum?“ ihrer Jugend gefunden, als sie ihre krebskranke Mutter pflegte. „Ich musste das mit ihr durchstehen, damit ich das heute hier schaffen kann“, sagt sie.

Und vor allem hat sie echte Unterstützung erlebt in ihrer Krankheit, treue Freunde und starken Rückhalt: Die Patentante ihrer Tochter nahm sich mittwochs frei, um Joleen von der Kita abzuholen. Ihr Mann verlegte das Büro ins Wohnzimmer. „Und ich haben meinen Glauben gefunden. Mitten in der Krankheit“, erzählt sie. Mit diesem Gen-Defekt habe Gott nichts zu tun, ist sie sich heute sicher. Sie glaube daran, dass sich Gott bei ihr etwas gedacht habe – was die Welt dann an Krankheiten bereithalte, sei eine andere Sache. „Aber Gott ist in diesen Situationen da“, ist sie sicher.

Der Krebs ist inzwischen besiegt. Sie hat sich die Brüste und die Eierstöcke entfernen lassen. Im nächsten Jahr steht noch der Wiederaufbau ihrer Brust an. „Mein Leben ist heute ganz anders“, sagt sie, „ich schiebe nichts mehr auf. Ich mache das, was geht. Und ich rechtfertige mich auch nicht mehr.“ Ihren Beruf im Einzelhandel kann sie nicht mehr ausüben, aber sie hat eine neue Perspektive am Empfang einer Ergotherapiepraxis gefunden. „Nächstes Weihnachten werde ich ein wunderschönes, tief ausgeschnittenes Kleid tragen“, sagt sie, „das ist mein Weihnachtswunsch.“

BRCA-Gen

Gen BRCA-positiv: Rund fünf bis zehn Prozent aller Krebserkrankungen gehen auf diese genetische Fehlbildung zurück. Träger haben eine größere Wahrscheinlichkeit, Brust- und Eierstockkrebs zu bekommen.

Test: Wird der Bluttest zur Feststellung des BRCA-Defekts wegen familiärer Vorbelastung nötig, bezahlt meist die Krankenkasse. Die Kostenübernahme sollte frühzeitig geklärt werden. Für Beratung kommen die Kassen meist nicht auf. Das Krankenhaus Wermelskirchen bietet das Gespräch kostenlos an.

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