Martin Luthers Botschaft ist topaktuell

Seit Oktober ist Antje Menn neue Superintendentin. Sie sagt: „Was Luther geschafft hat, dafür bewundere ich ihn heute.“ Archivfoto: Michael Schütz
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Seit Oktober ist Antje Menn neue Superintendentin. Sie sagt: „Was Luther geschafft hat, dafür bewundere ich ihn heute.“ Archivfoto: Michael Schütz

Superintendentin Antje Menn über den Geist der Reformation – Und wie er heute noch im Alltag spürbar ist

Von Melissa Wienzek

Heute ist der 31. Oktober. Kein gewöhnlicher Samstag, sondern ein ganz besonderer Tag im evangelischen Jahreskalender. Was sich dahinter verbirgt, erklärt die Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Lennep, Antje Menn (47).

Was feiern wir heute am Reformationstag?

Um das zu verstehen, ist eine kleine Zeitreise nötig: Es ist der 31. Oktober 1517. Der Mönch Martin Luther hat gerade seine 95 Thesen an das Portal der Wittenberger Schlosskirche angeschlagen. Seine Thesen kamen so schnell in die Öffentlichkeit – man sagt, das sei der Beginn der Reformation. „Für mich geht es in diesen Thesen im Kern darum, dass Luther gegen die Autoritäten die gängigen Vorstellungen von Glauben und Kirche hinterfragt. Er hatte Gott neu entdeckt. Als den barmherzigen Gott, dessen Zuwendung und Liebe ich mir nicht irgendwie verdienen muss“, sagt Antje Menn. „Die Zeit der Reformation war eine stark verunsicherte Welt, ähnlich wie heute. Die Welt machte den Menschen Angst, aber auch die Vorstellungen von Gott.“ Luther sorgte also für eine Wende – weg von dieser Angst. Das bekannte Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“, übrigens auch von Martin Luther geschrieben, drücke genau das aus: „Ein Ort, an dem ich sicher und geborgen bin. Wo ich in Not Hilfe bekomme“, beschreibt es die Superintendentin. Martin Luther habe so für eine innere Stärkung und eine innere Freiheit der Menschen gesorgt. „Was Luther geschafft hat, dafür bewundere ich ihn heute“, sagt Antje Menn. Nämlich eine verständliche Sprache zu finden, dem „Volk aufs Maul zu schauen“, wie er es selbst nannte. Das gelang ihm besonders bei seiner Übersetzung der Bibel ins Deutsche. So konnten zum ersten Mal alle selbst lesen, was in der Bibel stand, sich damit auseinandersetzen. Ein starkes Stück Mündigkeit. Zudem bediente Luther sich eines neuen Mediums: des Buchdrucks. „Das ist genial“, findet Menn. „Dieses damals neue Medium sorgte für eine schnelle und weite Verbreitung von Luthers Schriften. Solch einen Drive würde ich mir heute für die digitale Kirche wünschen.“

Was bedeutet der Reformationsgedanke für uns heute?

Die Aktualität der reformatorischen Einsichten sieht die Superintendentin in der von Gott geschenkten inneren Freiheit. Also mit Zuversicht leben können und auch in der aktuellen und anderen Krisenzeiten der Angst nicht das letzte Wort geben. Aus dieser Haltung heraus dann auch handeln. Kirche am 31. Oktober 2020 müsse sich fragen, wer sie sein wolle, wenn Menschen heute in Angst vor Corona leben oder im Mittelmeer ertrinken. „Wie können wir Trost geben und Hilfe sein, Nähe trotz Distanz leben?“ Nachbarschaftshilfe, Telefonketten und Messenger-Botschaften in der Coronakrise – das sei gelebte Gemeinschaft im Sinne des evangelischen Glaubens. „Dann ist es mitnichten egal, wie es meinem Nachbarn geht.“ Die Reformation – ein topaktuelles Thema.

Das heißt, wir feiern dieses Fest eigentlich jeden Tag?

„Ja“, sagt Menn. „Reformation ist nichts rein Institutionelles, sondern jeder Einzelne füllt es jeden Tag mit Leben“, beschreibt die Frau an der Spitze des Kirchenkreises.

Drängt Halloween das Reformationsfest in den Hintergrund?

Eigentlich sei das gar nicht so, sagt die Superintendentin. „Statistiken sagen: Seit Halloween bei uns beliebter wird, nimmt auch die Zahl der Reformationsgottesdienste zu. Es scheint also eine wechselseitige Sache zu sein.“ Natürlich sei Halloween im Alltag sichtbarer – was man in Geschäften sehe, in der Schule, im Internet, alles sei voll von Halloween. „Kinder und Jugendliche schlüpfen dabei in Rollen, die Angst verkörpern, da sieht man Zombies, Totenmänner und mehr. Vom Ursprung her geht es auch da um die Frage: Haben diese Mächte das letzte Wort? Ich finde, das ist ein spielerischer Umgang mit dem Bösen, was ich nicht grundsätzlich schlimm finde“, bekennt die 47-Jährige, selbst Mutter von drei Kindern. „Als Christen haben wir darauf eine Antwort: Wir glauben an Gott, der stärker ist als alles Böse, auch als der Tod.“ Reformationstag und Halloween könnten gut nebeneinander existieren, findet die Superintendentin.

Wie können wir den Reformationstag heute erleben?

Traditionell gibt es einen Jahresempfang des Evangelischen Kirchenkreises Lennep am Vorabend, am 30. Oktober – coronabedingt fällt er dieses Jahr aus. Aber es gibt einige festliche Gottesdienste und auch eine Gemeinde, die gemeinsam Kottenbutter isst – der Reformationsgedanke sei von Gemeinschaft und Teilhabe geprägt. Das gehörte auch für Luther zum Kernstück des christlichen Glaubens. „Laut Luther gibt es keine starre Hierarchie, sondern eine Gemeinschaft aller.“

Was sollte Kirche im Sinne der Reformation also 2020 tun?

„Eine verständliche Sprache suchen, in Angstzeiten Halt geben und Barmherzigkeit leben“, fasst es Antje Menn zusammen.

Hintergrund

Person: Antje Menn ist seit Oktober neue Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Lennep. Sie stammt aus Radevormwald und war zuvor Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Lennep. Die 47-Jährige ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.

Kirchenkreis: Der Evangelische Kirchenkreis Lennep zählt 16 Gemeinden, unter anderem in Remscheid, Wermelskirchen, Radevormwald und Hückeswagen.

www.ekir.de/lennep

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