Marie-L. Lichtenberg veröffentlicht Buch "wider das Vergessen"

Diese Aufnahme hat Marie-Louise Lichtenberg gemacht und während einer Ausstellung gezeigt, in der Schüler ihre gemeinsame Reise nach Auschwitz aufarbeiteten. Die Weiche ist auch Titelbild ihre Buches "Zwischen Glück und Grauen".©
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Diese Aufnahme hat Marie-Louise Lichtenberg gemacht und während einer Ausstellung gezeigt, in der Schüler ihre gemeinsame Reise nach Auschwitz aufarbeiteten. Die Weiche ist auch Titelbild ihre Buches "Zwischen Glück und Grauen".<br><i>©

"Fast alle mahnten eindringlich: Geben Sie das weiter. Lassen Sie unser Schicksal nicht in Vergessenheit geraten. In ein paar Jahren (...) müssen Menschen wie Sie diese Aufgabe des Erinnerns übernehmen."Menschen wie Marie-Louise Lichtenberg (58), seit 1976 Lehrerin in Wermelskirchen, Fotokünstlerin. Kunst war ihr Fach, schon im Studium. Fotografiert hat sie damals nicht, nicht künstlerisch.

Im Laufe der Zeit erkannte sie, dass "ich offenbar einen Blick dafür habe" zu erkennen, wann der Blick des Gegenübers die Fassade hat fallen lassen. Das kann dauern. Das kann unangenehm sein. Eine Gesprächspartnerin wollte nicht, dass Marie-Louise Lichtenbergs Foto-Porträt von ihr ins Buch kommt. In die Ausstellung ja, aber ins Buch nicht. Im Buch ist die Fassade.

Marie-Louise Lichtenberg macht eine Zäsur nach vier Jahren Herkules-Arbeit. Im Sommer 2006 war sie zum erstenmal in Auschwitz, im Konzentrationslager. "Das hat mich so erschüttert", sagt sie, "dass gleich klar war: Da darf nichts in Vergessenheit geraten!" Die Pädagogin: "Dieser erste Besuch hat ganz viel ausgelöst." Seither kämpft sie gegen das Vergessen. Sie hat Schüler so erreicht, dass die von sich aus mit ihr nach Auschwitz wollten. In ihrer Freizeit fuhr Marie-Louise Lichtenberg zu Menschen in Deutschland und Europa, die diese Epoche der Nazi-Diktatur erlitten und überlebt haben.

Sie machte Termine und führte in ganz Europa - Schweiz, Niederlande, Tschechische Republik, Spanien, Frankreich, Österreich, Polen, England und Deutschland - Gespräche mit diesen Menschen. Ihre Kamera erleichtert den Zugang nicht, im Gegenteil. Darum standen im Vordergrund die Gespräche, der Zugang zu den Menschen. Es waren mitunter "aufwühlende Treffen", wie Lichtenberg etwa an die Zusammenkunft mit Elke-Hannah Dutton erinnert, zu der sie kurzentschlossen nach London flog. Erst gegen Ende kamen die Porträt-Sitzungen an die Reihe. "Gute Porträts blicken hinter die Fassade."

Die Fotokünstlerin will ja auch "die Situation ausdrücken". Heraus kommen können durchaus Überraschungen. Franz-Josef Müller ("Weiße Rose") zum Beispiel war mit dem Porträt einverstanden. Seine Familie aber nicht. Es zeigt natürlich auch die Erschöpfung dieses Menschen.

Denn "ich möchte die Geschichte erzählen, die sich dahinter verbirgt", sagt die Wermelskirchener Fotokünstlerin. "Und in die Zukunft blicken" - getreu ihrem Vorsatz "wider das Vergessen".

In einer Auflage von zunächst 1 000 Exemplaren hat der Münchner Verlag das Buch gedruckt, weil die Autorin und Fotokünstlerin die Hälfte auf eigene Rechnung gekauft hat.

Das ist Teil des auch finanziell enormen Aufwands, den Marie-Louise Lichtenberg betreibt. Zu den Aufnahmen der Ausstellung sind Texte in den Sprachen zu sehen, die die Überlebenden sprechen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Polnisch und Niederländisch. Neben dem deutschen Text ist dieser stets auch jeweils in der Landessprache des Betroffenen zu lesen. Die Ausstellung zeigt 36 Aufnahmen, davon 26 Porträts mit zehn Überlebenden aus neun Lagern, dazu einen Spiegel mit allen sowie drei Geschichten ohne Bilder. Zwei wollten anonym bleiben; vom Dritten, einem Lehrer, existiert kein einziges Foto (mehr).

Auf ihn - Leo Spors - stieß Marie-Louise Lichtenberg über eine Schwägerin in ihrem Geburtsort Trier. Die Gestapo hatte den Lehrer aus dem Unterricht heraus abgeholt, weil er das Kruzifix wieder aufgehängt hatte. Bei der Verwirklichung "wider das Vergessen" arbeitet sie ähnlich wie im Unterricht: "Konzeptionell gehe ich natürlich auch als Pädagogin ran", sagt sie. Und hat deshalb den Reportage-Stil für ihre Texte gewählt. Um dichter dran sein zu können - wie mit den Porträts.

Ihr System ist zugleich, "möglichst viele Facetten" und Auswirkungen der Nazi-Diktatur und ihres Rassenwahns aufzuzeigen. Dass es eigentlich bis heute kein Buch gebe, "das so weit gefasst ist", bestätigten ihr kürzlich bei einer Sitzung der Friedenspreis-Jury Mitglieder, die professionell in der Literatur-Branche arbeiten.

- Die Ausstellung wird am Freitag, 12. November (19 Uhr), im Rathaus eröffnet und ist bis 17. Dezember zu sehen. Die Ausstellung soll, geht es nach der Fotokünstlerin, in ganz Europa zu sehen sein, zum Beispiel auch in der französischen Partnerstadt Loches. Die erste Station der Wanderung ist Trier (25. Januar bis 18. Februar). Aktuell steht das Friedensmuseum in Guernica (baskisch Gernika) mit Marie-Louise Lichtenberg in Verhandlung für eine Ausstellung 2012.

- Das Buch ist ab sofort im Buchhandel und bei der Autorin erhältlich: "Zwischen Glück und Grauen", 332 S., sw-Porträts, ISBN 978-3-86906-141-2, (24 Euro).

- Aus dem Vorwort:

Mein oberstes Ziel ist es, zu erinnern und gegen das Vergessen zu arbeiten. Ich möchte aber auch warnen, für Toleranz und gegenseitigen Respekt werben, offen machen, sich auf andere Menschen und Schicksale einzulassen, auf Probleme und Missstände hinweisen, zu eigenen Aktivitäten anregen und, dass wir alle aus dem Gestern für das Heute und Morgen lernen.

- (sn). Zwischen Glück und Grauen:

Die Ausstellung hat den längeren Titel ". . . Goldap und Gernika". Dazu muss man zum einen wissen, dass Gernika die baskische Schreibweise des berühmten Ortes Guernica ist. Und zum anderen:

Das Buch hat ein viertes Kapitel ("Flucht und Vertreibung") - von der Autorin nicht aufgenommen, um aufzurechnen, sondern um das Bemühen insbesondere des Wermelskircheners Willi Gerlach um Versöhnung zwischen Deutschen und Polen hervorzuheben.

Dieses Kapitel erklärt den Namen des polnischen Landkreises "Goldap" im Untertitel: Die Wermelskirchenerin Eve-Marie Minna Czyttrich stammt dorther.

Drei Kapitel widmet die Autorin "Opfern der irrsinnigen Rassenlehre der Nazis von 1933 bis 1945", acht Menschen aus dem "Widerstand in Europa" sowie "Kriegs- und Opfern der Bombenangriffe".

Zur Illustration der Leidenswege der deportierten Juden in den Viehtransporten sind Karten sehr behilflich. Zehn KZs, Auffang- und Durchgangslager sowie das Getto Theresienstadt nennt die Autorin und fügt Internet-Adressen zur eigenen Recherche hinzu.

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