Interview

„Man sollte wieder angstfrei werden“

Dr. Volker Launhardt ist Chefarzt der Inneren Medizin.
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Dr. Volker Launhardt ist Chefarzt der Inneren Medizin.

Klinikleiter des Krankenhauses in Wermelskirchen spricht über den künftigen Umgang mit dem Coronavirus.

Von Wolfgang Weitzdörfer

Herr Dr. Launhardt, aktuell liegt die Hospitalisierungsinzidenz in NRW bei über 11,0. Was bedeutet das?

Dr. Volker Launhardt: Das ist ein Wert, der eine Vergleichbarkeit unterschiedlicher Regionen in Deutschland über die Anzahl der Menschen bringen soll, die mit einer Corona-Infektion ins Krankenhaus müssen. Dieser Wert hängt von vielen statistischen Einflussgrößen ab – und hat dadurch nur eine sehr eingeschränkte Aussagekraft. Hier hinein fallen etwa auch Patienten, die nur mit Corona, aber nicht deswegen im Krankenhaus sind. Er ist ein Baustein, der mit in die Bewertung der Lage einfließen – von dem isoliert man aber nicht irgendwelche Maßnahmen ableiten sollte. Er ist in der medizinischen Szene aufgrund dieser Ungenauigkeiten auch nicht unumstritten.

Was heißt das für Wermelskirchen?

Launhardt: Das sagt vergleichsweise wenig aus. Denn es sagt uns nicht, ob die Patienten wegen Corona hier sind und ob sie einen schweren oder leichten Verlauf haben – oder ob sie nur im Rahmen unserer vorsichtigen Aufnahme einen Abstrich bekommen haben, positiv getestet wurden, aber eigentlich wegen eines gebrochenen Arms hier sind. Unter Umständen macht dieser Wert, salopp gesagt, Alarm – obwohl die Corona-Positivität im Krankenhaus überhaupt nicht das Problem ist. Wir hatten in den vergangenen Wochen wiederholt Phasen, in denen wir mehr coronapositive Patienten hatten, bei denen die Infektion durch Zufall aufgefallen ist, als tatsächlich internistische Corona-Patienten, die wegen ihrer Erkrankung hier waren. Insofern wäre die Hospitalisierungsinzidenz zu diesen Zeitpunkten sehr hoch gewesen – ohne, dass es tatsächlich größere Versorgungsprobleme gegeben hat.

Wie ist die Lage im Krankenhaus im Moment?

Launhardt: Wir haben momentan ein gut beherrschbares Maß an erkrankten, stationär behandelten Patienten. Glücklicherweise kommen seit geraumer Zeit keine schweren Verläufe mehr vor. In der Mitarbeiterschaft haben wir einen saisonal bedingt etwas höheren Krankenstand, der auch etwas höher als vor Corona ist. Indes ein großes Problem ist, dass die Krankheitsdauer der Mitarbeitenden mit einer Corona-Erkrankung länger ist, was auch an der oft langen Zeitdauer bis zu einem wieder negativen Test liegt – das heißt, dass die Mitarbeitenden eigentlich schon wieder arbeitsfähig wären, der Test aber noch schwach positiv und somit ein Einsatz nicht möglich ist.

Sollte man überhaupt noch in „Wellen“ über Corona sprechen?

Launhardt: Ich würde mir wünschen, dass wir uns endlich wieder ein bisschen von der Überschrift Corona lösen könnten. So lange ich denken kann, haben wir jahreszeitlich bedingt von Erkältungs-, Grippe- oder Schnupfen-Wellen gesprochen. Letztlich sind das jetzt alles vergleichbare Erkrankungen, die von unterschiedlichen Atemwegsviren ausgelöst werden und in der Intensität variieren, ohne dass schwere Verläufe gehäuft auftreten. Ich wäre sehr froh, wenn das Thema Corona ein wenig seine Sonderposition verlieren würde. Meiner Meinung nach ist diese vor allem in Deutschland gelebte Sonderposition nicht mehr gerechtfertigt. Es wird im Herbst und Winter weiterhin „Wellen“ geben deren Management aber meiner Einschätzung nach zunehmend an den Umgang mit anderen Atemwegserkrankungen angeglichen werden kann. Wir haben glücklicherweise durch die Impfungen, durch eine veränderte Immunitätslage und durch eine Abschwächung des Erregers eine andere Lage und sollten Corona aus der Sonderposition, die es zwei Winter innehatte, mehr und mehr herausnehmen.

Wie sollte man sich denn aktuell verhalten?

Launhardt: Klug. Man sollte wieder angstfrei werden – anders als in den vergangenen zwei Jahren. Man sollte klug anwenden, wie man sich infektionsvermeidend verhält. Indem man eine besondere Hygiene und Rücksicht walten lässt – wenn man etwa erkältet ist, sich selbst isoliert oder eine Maske trägt. Man sollte mit Augenmaß und kluger Zwischenmenschlichkeit Infektionswege abschneiden. Wovor ich dringend warne, ist, dass wir immer mehr gesellschaftlich verhärten. Wir können sorgsam und rücksichtsvoll normal weiterleben – und was trotzdem an Corona auftritt, wird sich von dem nicht grundlegend unterscheiden, was trotz aller Sorgfalt an Erkrankungen durch andere Atemwegsviren auftritt.

Die Aussagen sind vielfältig – wann kann man wohl davon ausgehen, dass Corona normal geworden ist?

Launhardt: Corona wird nie vorbei sein. Genauso wenig wie Influenza, RS-Viren, Rhinoviren oder „Magen-Darm-Viren“ wie das Norovirus. Wir sollten zusehen, dass wir Corona einen ähnlich normalen Status wie dem Influenzavirus geben. Es gibt schlimmere und weniger schlimme Grippe-Jahre – und genauso wird es auch bei Corona sein. Das ist ganz normal und würde meiner Meinung nach der aktuellen Lage gerecht werden. Ein großes Problem der Corona-Thematik ist meiner Meinung nach dies: Dass die Freiheit der Meinungsäußerung der Fachleute ab Monat zwei der Pandemie nicht mehr existierte. Viele Fachleute, die zu einer mäßigeren Einschätzung der Gefahrenlage kamen, haben ihre Meinung aus Angst vor einer unbegründeten Abstempelung als Coronaleugner oder unbegründeten Zuordnung zu unappetitlichen politischen Randgruppen nicht mehr geäußert. Ich befürchte, dass uns dadurch viel Kompetenz und Qualität im Krisenmanagement verloren gegangen sind. Insbesondere nach dem Höhepunkt der Krise um den Jahreswechsel 2020/21 wäre aus meiner Sicht rückblickend mehr Spielraum für eine kontroverse Diskussion des Krisenmanagements gegeben gewesen. Ich möchte aber ausdrücklich betonen, dass man hinterher immer schlauer ist. Und ich möchte das Handeln der seinerzeit politisch Verantwortlichen ausdrücklich nicht mit nun sicherem zeitlichem Abstand verurteilen.

Wer sollte sich jetzt zum vierten oder auch fünften Mal impfen lassen?

Launhardt: Ich würde in keinem Fall liberaler impfen wollen, als das Fachgremium „Ständige Impfkommission – STIKO“ das empfiehlt. Ich glaube, dass die Empfehlung bereits jetzt schon sehr liberal gefasst ist und hoffe sehr, dass sich die STIKO sich zum Thema „Corona“ wie auch bei anderen Impfempfehlungen politisch unbeeinflusst und unabhängig positioniert. Impfungen sind eine tolle medizinische Maßnahme, die aber auch ihre Nebenwirkungen haben.

Man spricht immer über die Prävention – wie sieht es eigentlich mit der Behandlung von Corona aus?

Launhardt: Corona behandelt man nach den gleichen intensivmedizinischen Kriterien wie alle andere Virus-Multisystemerkrankungen auch. Es gibt ein erstes Medikament – Pavloxid –, das die Virusausbreitung im Körper bremst. Da sind wir aber bei Corona noch in den Kinderschuhen der Forschung, die Datenlage ist hier noch sehr dünn. Erste Publikationen lassen vermuten und deuten an, dass unter bestimmten Bedingungen bei älteren Menschen ein gewisser Nutzen resultieren kann. Es ist noch keine Wunderwaffe, sondern nur eine momentane Behandlungsoption.

Zur Person

Dr. Volker Launhardt gehört bereits seit 2008 zum Chefarzt-Teams des Krankenhaus Wermelskirchen. Im Frühjahr 2009 wurde er zum Ärztlichen Direktor gewählt. Neben der Inneren Medizin ist er auch Chefarzt der Gastroenterologie, Kardiologie, Intensivmedizin und Schlafmedizin.

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