Lockerungen bringen etwas Erleichterung

Gabriele van Wahden (Buchhandlung) macht Frühjahrsputz und darf am Montag ihre Kunden begrüßen. Archivfoto: Gabriele van Wahden
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Gabriele van Wahden (Buchhandlung) macht Frühjahrsputz und darf am Montag ihre Kunden begrüßen.

Nicht für jeden bietet die neue Version der Corona-Schutzverordnung Chancen

Von Anja Carolina Siebel

Carsten Gatzsche vom Reisebüro Travellounge kann noch nicht aufatmen. Er ist seit einem Jahr im Dauer-Lockdown.

Mitte der Woche wollte sie es noch gar nicht so recht glauben, am Freitag ist Buchhändlerin Gabriele van Wahden aber „total aufgeregt“: Am kommenden Montag dürfen sie und ihre Buchhändler-Kollegen die Läden wieder aufsperren. Mit Hygienekonzept und strengen Abstandsregeln, aber sie dürfen öffnen. „Wir müssen am Wochenende erstmal Frühjahrsputz machen“, sagt van Wahden lachend. Ab Montag dürfen dann jeweils vier Kunden den Laden betreten. „Ich freue mich wie Bolle, dass ich endlich meine Kunden wieder sehen und live beraten darf“, sagt die rührige Buchhändlerin.

Aber Gabriele van Wahden wäre nicht Gabriele van Wahden, wenn sie sich nicht auch Gedanken um die anderen Händler machen würde. „Der Zusammenhalt war in Wermelskirchen im vergangenen Jahr wirklich beispielhaft. Das sind eben die Vorteile von einer kleineren Stadt. Ich freue mich für die anderen Händler, dass sie ab Montag zumindest „meet & collect“ anbieten können.

„Meet & collect“, das heißt, der Kunde meldet sich im Laden telefonisch oder via Internet an und kann sich dann dort umschauen oder gezielt etwas kaufen. Laut der aktuellen Version der Coronaschutzverordnungen dürfen Händler dieses System bei einer kreisweiten Inzidenz von 50 bis 100 anbieten. Wermelskirchener Händler wollen das nutzen.

Zum Beispiel Jörg Michels. Der Betreiber der „Hochzeitsstraße“, des „Ringkönig“ und des Bekleidungsgeschäfts „Sweetex“ kommt gut klar mit der Entscheidung, die Bund und Länder am vergangenen Mittwoch gefällt haben. Zumindest, was die teilweise Öffnung seiner Geschäfte betrifft. „Wir werden das anbieten. Meine Mitarbeiter und ich bereiten jetzt alles vor – und haben auch schon die ersten Kunden, die sich angemeldet haben.“ So hätte eine Dame sich gleich am Montagmorgen zum Frühjahrsmodeshoppen angemeldet – und 25 Bräutigame, die sich bei Michels für ihre Hochzeit einkleiden möchten.

Michels hatte sich zuvor bitter beklagt, dass ihm aufgrund der fehlenden Einnahmen der Existenzverlust drohe. Fixe Kosten würden weiterlaufen, Mitarbeiter müssten bezahlt werden. „Umso mehr freuen wir uns jetzt alle, dass es weitergehen kann“, ist der Unternehmer erleichtert.

Anders sieht es bei Carsten Gatzsche im Reisebüro „Travellounge“ an der Eich aus. „Ich bin quasi seit einem Jahr im Dauer-Lockdown“, sagt der Unternehmer. Und auch jetzt, nach den aktuellen Verhandlungen, ist für den Wermelskirchener keine Erleichterung in Sicht. „Ich bin enttäuscht, dass zu den Perspektiven der Tourismusbranche von Bund und Ländern kein Wort verloren wurde, gleichwohl da auch 3 Millionen Arbeitsplätze dranhängen“, sagt Gatzsche. Dass er sein Ladenlokal nicht öffnen darf, ist für ihn dabei weniger dramatisch. „Es bucht ja eh niemand eine Reise. Da spielt es überhaupt keine Rolle, ob meine Türen offen oder verschlossen sind.“

Jörg Michels (Sweetex) hat nächste Woche schon einige Kunden zu Gast, unter anderem 25 Bräutigame.

Während es im Sommer und Herbst noch einige Reisewillige gewagt hätten, die Koffer zu packen, hätte er jetzt „wenn es hochkommt drei Anrufer in der Woche“. Dabei, findet Gatzsche, gäbe es durchaus Reisen, die man auch jetzt risikolos antreten könnte. „Kreuzfahrtanbieter haben tolle Angebote. Jeder Reisende wird vorher und während der Tour mehrfach getestet, so dass die Reise unbeschwert möglich ist.“ Auch versteht er nicht, warum Reisende nicht in Ferienwohnungen wohnen dürfen. „Da hätte man doch auch mit niemand anderem Kontakt als mit seiner Familie.“

Wie es für ihn und sein Reisebüro weitergeht, Gatzsche kann es derzeit nicht sagen. Er glaubt aber auch nicht an die Versprechen großer Reiseveranstalter, die für den Sommer einen Wiederanstieg der Reiseaktivität voraussagen. „Das kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt absolut nicht vorstellen.“

Jungunternehmer wartet noch auf finanzielle Hilfe

Jörn Schneider hat im Oktober 2020 erst sein Küchenstudio am Schwanen eröffnet – und ist ähnlich frustriert. „Die Selbstständigkeit habe ich von langer Hand geplant, dass eine Pandemie mich ausbremsen würde, damit hatte ich nicht gerechnet“, sagt er. Er versteht nicht, warum ihm bisher zwar erlaubt war, zum Kunden nach Hause zu gehen und dort die Beratung vorzunehmen. „Aber auf meinen 270 Quadratmetern durfte ich keinen empfangen. Was ja viel gefahrloser wäre.“ Auf die zugesagte Hilfe vom Staat wartet der Jungunternehmer immer noch. Dass „meet&collect“ ab Montag möglich ist, braucht er „erstmal schwarz auf weiß. Eher glaube ich daran nicht.“

Standpunkt: Nur ein Anfang

Von Anja Carolina Siebel

anja.siebel@rga-online.de

Des einen Freud und des anderen Leid. So oder so ähnlich kann man vielleicht das beschreiben, was gerade in den Gemütern der Wermelskirchener Unternehmer bezüglich der ab Montag geltenden Lockerungen bei den Corona-Maßnahmen vorgeht. Mit dem System „meet & collect“, das jene Einzelhändler, die noch nicht komplett öffnen, anbieten dürfen, könnte es für sie zumindest ein bisschen Entspannung geben. Denn vielleicht sehnt sich ja der eine oder andere danach, nach Herzenslust nach Frühjahrsmode zu stöbern. Er oder sie darf das nun mit Termin tun. Allerdings ist das alles nur ein Anfang und leider sicher auch nur der berüchtigte Tropfen auf den heißen Stein.

Denn die vom Bund versprochenen finanziellen Hilfen für die Unternehmer sind zum Teil noch gar nicht eingetroffen. Gastronomen, die Tourismusbranche, Messebauer und viele andere warten immer noch auf ihre Perspektive. Und schließlich warten alle auf die rettende Insel Impfung. Aber auch an dieser Stelle geht es sehr schleppend voran. Von Aufatmen kann also – leider – noch lange nicht die Rede sein. Aber es ist schon mal ein Anfang.

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