Medizin

Lieferengpässe bei Kinder-Fiebersäften

Apotheker Zafer Arslan misst im Labor seiner Apotheke an der Post in Wermelskirchen den Wirkstoff für einen Fiebersaft ab. In die rote Flasche wird dann das fertige Präparat abgefüllt.
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Apotheker Zafer Arslan misst im Labor seiner Apotheke an der Post in Wermelskirchen den Wirkstoff für einen Fiebersaft ab. In die rote Flasche wird dann das fertige Präparat abgefüllt.

Medikamente auf Basis der Wirkstoffe Paracetamol und Ibuprofen sind in Apotheken knapp.

Von Arnd Janssen

Wermelskirchen. Die Grippe-Welle ist nach drei Jahren zurück: Früher und womöglich heftiger als zuvor rollt sie in diesem Herbst an, höchst unangenehme Symptome wie Fieber bei den Erkrankten inklusive. Nun häufen sich Meldungen über Lieferengpässe bei Fiebersäften für Kinder. Manchen Apotheken seien über Wochen bei Fertig-Arzneien ausverkauft.

Roland Krassnig von der Montanus-Apotheke bemerkt die Lieferschwierigkeiten. Er mischt keine Präparate zur Bekämpfung von Fieber selbst, erhält diese aber aus der Partnerfiliale Adler-Apotheke in Burscheid. „Es liegt nicht nur an den Säften. Auch Zäpfchen sind nicht da. Man hat keine Alternativen“, sagt Krassnig.

Medikamente auf Basis der Wirkstoffe Paracetamol und Ibuprofen scheinen allgemein knapp zu sein. „Die Nachfrage ist permanent. Zwischendurch haben wir mal ein paar Flaschen, die sind aber schnell weg“, berichtet Krassnig. Auch andere Medikamente seien seit Wochen schwer lieferbar, aber bei Kinder-Fiebersäften falle es besonders auf. Auch teure Alternativpräparate, etwa aus Österreich, seien schnell vergriffen.

Eine etwaige Lieferproblematik von Fiebersäften entkräftet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) zwar nicht, versucht aber zu beruhigen: „Es ist nicht weniger auf den Markt gekommen, das ist schlichtweg falsch. Über einen Lieferabriss haben wir keine Kenntnis“, sagt ein Bfarm-Sprecher. Und ein Lieferengpass sei noch kein Versorgungsengpass, betont der Sprecher weiter.

Das Bfarm deutet eine Verteilproblematik an, gibt aber zur abschließenden Beurteilung der Problematik keine Angaben. „Die Darreichungsform, der fertige Saft kann im Regal mal nicht vorhanden sein, aber das Kind kann behandelt werden, wenn es bedürftig ist“, sagt ein Sprecher. Apotheker vor Ort könnten selbst Arzneien auf Nachfrage herstellen, andere Präparate mit den nötigen Wirkstoffen wie Tabletten oder Zäpfchen seien zudem noch reichlich vorhanden.

Das sieht der Apothekerverband etwas anders. „In Wirklichkeit haben wir eklatante Lieferprobleme“, beschreibt Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein auf Nachfrage unserer Redaktion. „Apotheken können diese Säfte herstellen, aber nur mit großem Aufwand. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis bestimmte Rohstoffe oder Verpackungsmittel fehlen“, so Preis.

Eine unterbrechungsfreie Versorgung sei nur unter großen Anstrengungen möglich. Eine einzige Flasche könne in der Selbstproduktion eine Stunde dauern, dabei dürfe nur auf Rezept hergestellt werden. Eine Produktion auf Vorrat sei nicht erlaubt. Dazu könnten Rezepte für ein Fertig-Arzneimittel nicht ohne Weiteres in der Apotheke mit einem Eigenpräparat eingelöst werden. Der Arzt müsse erst wieder sein Okay geben und ein neues Rezept ausstellen. „Wirtschaftlich ist das für die Apotheken nicht zumutbar“, so Preis.

Bereits jetzt würde das Thema Lieferengpässe allein in NRW den Apotheken Zehntausende zusätzliche Arbeitsstunden bereiten. Und da seien nur die Kundenberatungen über mögliche Alternativen und noch gar nicht die Herstellung der Medikamente inbegriffen.

Fiebersaft ist nur ein Beispiel für ein größeres Problem, das sich noch lange bemerkbar machen wird. „Wir haben zu wenige Hersteller. Deutschland ist nicht mehr die Apotheke der Welt. Das ist der Anfang einer steilen Entwicklung“, sagt Preis. Die Lieferwege seien zu weit, die Lieferketten durch Corona und Ukraine-Krieg gestört. Das Problem beruht also auf mehreren Faktoren. Die Lieferprobleme seien aber gravierend und Versorgungsengpässe seien zukünftig nicht auszuschließen.

Auch Udo vom Stein, Apotheker der Ratsapotheke, leidet darunter. „Wir mischen die Medikamente selber auf Rezept, da haben wir uns mit den Kinderärzten geeinigt“, sagt vom Stein. Ohne gehe es derzeit nicht mehr, da Großhändler die gewünschten Mengen nicht liefern würden – manchmal seien es auch mal nur drei Fiebersäfte in einer Charge. Die Apotheke versucht aber, flexible Lösungen anzubieten. Dazu gehört auch, mal auf eine mögliche geringere Dosierung der Arznei hinzuweisen, wenn das Kind noch kleiner sei. Was vom Stein derzeit noch mehr Sorge bereitet, ist die Möglichkeit längerer Stromausfälle im Winter auch in den Apotheken. „Da lagern Medikamente im Wert von Tausenden Euro in den Kühlschränken, da darf die Kühlkette nicht unterbrochen werden. Wo kriege ich jetzt noch Stromgeneratoren her?“, sagt der Apotheker.

Zafer Arslan von der Apotheke an der Post bekommt immer nur kleine Mengen vom Großhandel. Auf neue Produktionschargen der Hersteller würden alle Apotheken aktuell warten. „Viele gehen manchmal auch leer aus“, sagt Arslan.

Die Apotheke muss selbst Fiebersäfte zubereiten, sei darauf aber gut vorbereitet. Andere, gerade beliebte Arzneien, wie Hustensäfte, seien nicht betroffen. „Dadurch, dass ein stärkerer Mangel bei dem Wirkstoff Paracetamol, also sowohl bei Zäpfchen als auch bei Säften, herrscht, ist eine gesteigerte Nachfrage an Ibuprofen zu sehen“, sagt Arslan. Bei Ibuprofen-Zäpfchen habe man demnach einen großen Vorrat eingekauft. Etwa zehn bis 15 Säfte stelle man täglich im Labor frisch her, so könne man bisher allen Kunden helfen, so Arslan.

Datenbank

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) informiert online zu aktuellen Verknappungen, unter anderem bei Fiebersäften. Auch Schmerzmittel oder das Krebsmedikament Tamoxifen sind betroffen. Der Großhandel werde laut Bfarm jederzeit mit Fiebersaft beliefert, aber es gebe regionale Unterschiede.

bfarm.de/lieferengpaesse

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