„Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“

Polizeihauptkommissar Uwe Ortmann ist Verkehrssicherheitsberater bei der Kreispolizei in Bergisch Gladbach. Foto: Jürgen Moll
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Polizeihauptkommissar Uwe Ortmann ist Verkehrssicherheitsberater bei der Kreispolizei in Bergisch Gladbach.

Polizeihauptkommissar Uwe Ortmann erklärt, wie der Nachwuchs geschützt werden kann

Das Gespräch führte Wolfgang Weitzdörfer

Herr Ortmann, nehmen die Verkehrsunfälle in der dunklen Jahreszeit grundsätzlich zu?

Uwe Ortmann: Ja, das ist definitiv so. Wir haben extra mal einen Vergleich angestellt – Zahl der Sonnenstunden und Zahl der Verkehrsunfälle. Je weniger es tagsüber hell ist, umso höher ist die Zahl der Unfälle im Verkehr. Dazu kommen allerdings erschwerend die sogenannten widrigen Umstände – Nebel, nasse Fahrbahnen oder natürlich Schnee.

Passieren dann auch mehr „Schulwegunfälle“?

Ortmann: Zum Glück haben wir in den vergangenen vier Jahren nur fünf „Schulwegunfälle“ in Wermelskirchen gehabt. Da sind wir also zum Glück hier sehr gut aufgestellt. Aber natürlich werden die Kinder von uns auch entsprechend geschult.

Und wie ist derzeit insgesamt die Bilanz in Verkehrsunfällen für Wermelskirchen?

Ortmann: In den vergangenen sechs Jahren von 2015 bis 2020 – die aktuellen von 2021 gibt es noch nicht als Statistik – haben wir 113 Unfälle mit Personenschaden gehabt. Insgesamt waren es rund 800. Und das sind über den beobachteten Zeitraum immer in etwa gleichbleibende Zahlen. Was die Kinder angeht, sind die Zahlen erfreulich niedrig – auch wenn jedes verunfallte Kind natürlich eines zu viel ist. Hier haben wir zwischen vier und zehn aufs Jahr betrachtet.

Wie sollten sich gerade Schulkinder im Herbst und Winter auf dem Schulweg kleiden?

Ortmann: Jedes Jahr im Oktober beginnt die dunkle Jahreszeit, und wir hoffen, dass sie einigermaßen glimpflich verläuft. In den vergangenen Jahren hatten wir hin und wieder tödliche Verkehsunfälle, bei denen dunkel bekleidete Fußgänger beteiligt waren. Von dem her ist das für mich ein wichtiges Thema. Früher wurde uns ja beigebracht, möglichst helle Kleidung in der dunklen Jahreszeit zu tragen, um bestmöglich gesehen zu werden. Studien haben aber belegt, dass man in dunkler Kleidung etwa 25 Meter vorher gesehen wird – in heller nur 40 Meter vorher. Eine Notbremsung bei Tempo 50 hat einen Bremsweg von 28 Metern – in dunkler Kleidung hat man da keine Chance. Daher raten wir – und wünschen es uns auch! – zu Reflektoren. Da wird man schon aus 150 Metern Entfernung gesehen. Da reichen auch kleine Reflektoren – etwa am Tornister. Übrigens gibt es mittlerweile Jacken, die wie ganz normale graue Jacken aussehen – die aber bei Einstrahlung leuchten. Die ganze Jacke war offensichtlich ein einziger Reflektor – den man ohne Lichteinstrahlung gar nicht gesehen hat. An dieser Stelle sind die Eltern besonders gefordert, ihre Kinder mit Reflektoren an der Kleidung oder eben dem Tornister auszustatten.

„Autofahrer müssen immer vorsichtig fahren – und in der dunklen Jahreszeit eben angepasst.“

Beraten Sie hierzu auch an den Schulen und Kindergärten?

Ortmann: Unser Hauptarbeitsfeld im Kindergarten ist zwischen den Herbst- und Osterferien. Da gehen wir durch die Kindergärten und arbeiten mit den kleinen Kindern und den Vorschulkindern – und mit den Eltern. Die bekommen nämlich auch eine Beratungseinheit, in der es genau um diese Themen geht: Wie sollte man sie anziehen? Worauf müssen sie achten? Was muss man ihnen erklären – Kinder sind keine kleinen Erwachsenen! Mir ist an dieser Stelle besonders wichtig: Liebe Eltern, ihr seid verantwortlich! Polizei, Kindergarten und Schule helfen. Aber nur unterstützend. Die Hauptarbeit und die Verantwortung liegen bei den Eltern. Zwischen den Oster- und den Sommerferien machen wir die Fahrradausbildung in den vierten Klassen. Und zwischen den Sommer- und Herbstferien ist die Fahrradausbildung in den sechsten Klassen. Beides auch mit Elternbeteiligung.

Ab wann können Kinder alleine in Kindergarten oder Schule gehen?

Ortmann: Diese Frage bekommen wir in jeder Elternversammlung gestellt. Viele Eltern wünschen sich eine Checkliste, die sie abhaken können – der Polizist hat dies und das gesagt. Mein Rat an die Eltern ist immer: Ihr seid die Experten für eure Kinder! Ihr könnt das selber einschätzen. Es gibt Kinder, die kann man schon früh alleine losschicken, ältere vielleicht noch nicht. Wichtig ist, dass Kinder schon früh Erfahrungen im Straßenverkehr sammeln können – also nicht immer mit dem Auto vor die Schultür fahren. Allerdings würden wir nie raten, ein Siebenjähriges mit dem Rad alleine zur Schule fahren zu lassen. Das ist schon eine Grenze. Aber Sechs- oder Siebenjährige können durchaus schon alleine zur Schule gehen. Unser Tipp ist immer – üben und beobachten. Aber dabei ganz in der Nähe bleiben, so nahe, um notfalls eingreifen zu können.

Müssen Autofahrer in der dunklen Jahreszeit anders fahren?

Ortmann: Mein erster Gedanke war: Die sollen noch vorsichtiger fahren. Der zweite war: Nein, die sollen ja immer vorsichtig fahren. Autofahrer müssen immer vorsichtig fahren – und in der dunklen Jahreszeit eben angepasst an die jeweiligen Bedingungen. Was übrigens auch der Gesetzgeber fordert, etwa in Bezug auf die Geschwindigkeiten.

Kommen Sie hierzu mit Autofahrern ins Gespräch?

Ortmann: Es ist nicht einfach, an Autofahrer heranzukommen. Wir können mal einen anhalten und dann mit ihm reden – aber an die ganze Gruppe kommt man so nicht ran. An einem Beispiel wird allerdings deutlich, dass es definitiv hohen Gesprächsbedarf gibt. Und zwar am Beispiel von Zebrastreifen. Die Erfahrung, die wir machen: Der Autofahrer rollt langsam an den Zebrastreifen heran und betätigt die Lichthupe. Damit kann kein Kind was anfangen. Ein Kind hat mich neulich gefragt: Warum macht der Mann das Licht an und aus? In der Erwachsenenwelt sind diese Dinge völlig klar, aber Kinder verstehen sie nicht. Sie warten, bis die Autos stoppen. Dann gehen sie über die Straße, nachdem sie den Fahrer kurz angeguckt haben. Kinder brauchen ein wenig länger, um alles so abzuchecken, dass sie die Straße überqueren. Mein Appell daher an die Autofahrer: Wenn ihr an die Überquerungshilfen heranfahrt und dort stehen Kinder – komplett den Wagen stoppen! Und dann warten, auch wenn es ein bisschen länger dauert als bei Erwachsenen.

Wie sieht allgemein die Beratungsarbeit der Abteilung Verkehrsprävention aus?

Ortmann: Die Radfahrausbildung in der vierten und sechsten Klasse und die Kindergartenbesuche sind sozusagen unsere Basisarbeit. Dann machen wir noch den sogenannten Crash-Kurs für die Oberstufen, also die künftigen Fahranfänger. Da erzählen Polizei, Notarzt, Rettungsdienst, ein Notfallseelsorger und von Verkehrsunfällen direkt betroffene Menschen aus ihrer jeweiligen Erfahrung heraus. Das sind immer sehr eindrucksvolle und bewegende Momente. Außerdem haben wir noch Fahrradfahrer und Motorradfahrer mit Veranstaltungen und Informationen im Blick sowie die Senioren. Nicht zuletzt machen wir Projekte – zuletzt während Corona etwa das Projekt QR-Code. Da hingen solche Codes an den Ampeln, die man einscannen konnte und über unsere Arbeit und Wissenswertes aus dem Verkehr informieren.

Können Kontrollen der Bezirksbeamten helfen, etwa morgens an Schulen?

Ortmann: Ja, es gibt da die Schulwegsicherung, was sehr wichtig ist. Zum einen kommen wir mit den Eltern und Kindern ins Gespräch – und auf der anderen Seite sehen die Autofahrer auch, dass kontrolliert wird.

Hintergrund

Aufgabe: Jede Polizeibehörde in Deutschland hat eine Abteilung für die Verkehrsprävention. Das Ziel der Arbeit ist dabei die Reduzierung der Anzahl von Verunglückten bei Unfällen im Straßenverkehr. Neben Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen übernehmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abteilung auch ein umfangreiches Präventionsangebot.

Behörde: Die Kreispolizeibehörde im Rheinisch-Bergischen Kreis ist in der Verkehrsprävention mit insgesamt sechs Beamtinnen und Beamten aufgestellt.

Kontakt: An der Gohrsmühle 25, 51465 Bergisch Gladbach; Tel. (0 22 02) 20 58 50; E-Mail:

verkehrsunfallpraevention. rheinisch-bergischer-kreis@polizei.nrw.de

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