Gesundheit

„Kein Sparen auf Kosten der Patienten“

Sie wollen nicht auf Kosten ihrer Patienten an den Prothesen sparen: (v. l.) Dr. Jens Rudzewski, Chefarzt Dr. Hans Goost und Patrick Lahmer. Foto: Markus Schumacher
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Sie wollen nicht auf Kosten ihrer Patienten an den Prothesen sparen: (v. l.) Dr. Jens Rudzewski, Chefarzt Dr. Hans Goost und Patrick Lahmer.

Dr. Hans Goost informiert über billige Prothesen – und warum sie im Krankenhaus eher nicht eingebaut werden.

Von Markus Schumacher

„Von Sparen auf Kosten der Patienten kann hier bei uns keine Rede sein“, betonte Privatdozent Dr. Hans Goost gestern bei einem Pressegespräch im Krankenhaus Wermelskirchen. Den Chefarzt der Orthopädie hatte der Jahresbericht des Endoprothesenregisters Deutschland 2020 alarmiert: Demnach bekommen nur 8,6 Prozent aller Patienten eine hochwertige Gleitpaarung eingebaut, beim überwiegenden Teil werden billigere Prothesen eingebaut. „Das ist so als ob sie ein teures Auto bestellen, aber dann nur mit Winterreifen fahren“, brachte Goost ein Beispiel. Patienten des Krankenhauses Wermelskirchen seien hier in einer besseren Position: „Fast ein Drittel aller Patienten konnte mit einer Keramik-Keramik-Gleitpaarung und fast 60 Prozent mit einer Gleitpaarung mit Keramikkopf und mit der Keramik fast gleichwertigem, ultrahochvernetztem Polyethylen versorgt werden.“

Er und sein Team um die Oberärzte Dr. Jens Rudzewski, Patrick Lahmer, Dr. Guido Lück und OP-Arzt Dr. Mate Borsos sind der Überzeugung, dass ein Patient die angemessene und für ihn beste Prothese verdient. Dass dies am Standort gehe, verdanke man dem Träger.

„Wir erhalten die Prothesen nicht billiger, aber schneller.“

Dr. Hans Goost, Chefarzt

Man arbeite eng mit Endoprothesenfirmen wie DePuy-Synthes (USA), Implantcast (Buxtehude) und Peter Brehm (Erlangen) zusammen und könne daher für fast alle Erkrankungssituation spezifische Prothesen und Materialien vorhalten: „Wir erhalten die nicht billiger, aber schneller“, sagte Goost. Vom jung gebliebenen Breitensportler bis zum hochbetagten Senior, von der Prothesenimplantation bis zum Prothesenwechsel bei Lockerung oder sturzbedingtem Bruch. Goost brachte das Beispiel einer 58-jährigen Wermelskirchenerin, die vom Joggen übers Reiten beim Golfen angelangt war, bis das auch nicht mehr ging: wegen Hüftgelenksverschleiß. Krankenkassen zahlen für eine Operation an der Hüfte pauschal 6500 Euro. Nun gebe es Prothesen für 800 bis 100 Euro, die normalen Modelle aus Keramik für etwa 1500 Euro und noch welche mit großem Keramikkopf für etwa 2500 Euro. „Sie hat die teure bekommen“, berichtete Dr. Goost, „und ihr geht es jetzt gut.“ Von den 6500 Euro der Krankenkasse blieb da nicht viel übrig. Zumal es jedes Jahr ein bisschen weniger Geld für die Operationen gebe.

„2019 hatten wir rund 300 Operationen an Hüfte, Knie oder Schulter“, berichtete Goost. Bei mancher reichten auch billigere Prothesen, „man muss eben den Mix hinbekommen, um wirtschaftlich arbeiten zu können“, sagte Goost.

Durch Corona sei man im vergangenen Jahr nur noch auf etwa die Hälfte der OPs gekommen. „Wir waren ja gezwungen, einige Eingriffe abzusagen, weil wir Kapazitäten vor allem auf der Intensivstation freihalten mussten“, begründete Geschäftsführer Christian Madsen. Zwei- bis dreimal im Jahr sind die Wermelskirchener Ärzte auf Kongressen. Da gebe es immer neue Erkenntnisse und Methoden. „Und wir können hier alles anbieten“, betonte Goost. Auch zum Beispiel sogenannte Schlittenprothesen: Dabei wird nur ein Teil des Kniegelenks ersetzt.

Madsen betonte, dass man sich hinter „großen“ Krankenhäusern keinesfalls zu verstecken brauche: „Am Ende sind die dort auch in kleine Fachabteilungen spezialisiert.“ In Wermelskirchen werde gerne mal eine Zweit- und Drittmeinung eingeholt und auch eingefordert: „Diese Philosophie gefällt mir sehr.“ Und Goost ergänzte: „Man muss hier ja meist nur 20 Meter zum nächsten Büro gehen, um einen Experten zu befragen. Bei uns kann jeder auch zur Not noch ein Blutgefäß nähen, wir haben alle noch eine chirurgische Ausbildung gehabt.“ Dagegen kursiert anderswo schon der Scherz, dort gebe es Spezialisten für die linke und welche für die rechte Hand.

Gesundheitstipp

„Am besten gehen Sie zum Arzt, sobald das Knie zwickt und zwackt“, rät Patrick Lahmer. Nach einer etwa 60 Minuten langen Operation am Knie, verbringe man eine Woche im Krankenhaus und drei Wochen in einer Reha. Danach sei man noch etwa ein halbes Jahr lang krankgeschrieben, bei einer Hüft-OP meist kürzer. „Aber wir lassen die Patienten schon am ersten Tag wieder aufstehen“, betonte Goost.

Standpunkt: Gut angelegtes Geld

Von Markus Schumacher

markus.schumacher@rga.de

Viele Kliniken müssen bei der Implantation von künstlichen Gelenken sparen. Denn die Vergütung der Krankenkassen für endoprothetische Eingriffe an Hüfte und Knie sinken stetig, jedes Jahr ein bisschen. Um dies aufzufangen, werden andernorts billige Prothesen verwendet. Vor allem die Verwendung der hochwertigen „Gleitpaarung“ mit Keramikpfanne und Keramikkopf wird dann eingeschränkt. Dabei entsteht bei der Verwendung von Keramik kaum Abrieb – und diese Prothesen halten wesentlich länger. Im Krankenhaus Wermelskirchen will man bei diesem Spielchen nicht mitmachen. Mit Erfolg: Dem umfangreichen Behandlungsspektrum und der nachgewiesenen Versorgungsqualität wurde jetzt im Februar 2021 durch die nunmehr fünfte Verleihung der Auszeichnung „Endoprothesenzentrum“ der Fachgesellschaft DGOOC (Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie) Rechnung getragen. Langfristig könnten die Kosten für billige Prothesen sogar teurer werden: Wenn nämlich schnell wieder operiert werden muss, weil die Prothesen verschlissen sind.

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