Fußball-WM in Katar

Kaum Vorfreude auf die WM spürbar

Einen Publikumsmagneten, wie hier das Public Viewing im Gemeindehaus Tente bei der WM 2014 in Brasilien, wird es dieses Jahr vermutlich eher nicht geben.
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Einen Publikumsmagneten, wie hier das Public Viewing im Gemeindehaus Tente bei der WM 2014 in Brasilien, wird es dieses Jahr vermutlich eher nicht geben.

Kneipen und Sportvereine wollen die deutschen WM-Spiele nur im kleinen Rahmen übertragen.

Von Jakub Drogowski und Arnd Janssen

Wermelskirchen. Normalerweise sind die Wochen vor einer Fußball-WM geprägt von freudig-gespannter Erwartung bei Fans, Veranstaltern und Gastronomen. Doch dieses Jahr ist vieles anders. Nicht nur die ungewöhnliche Jahreszeit der ersten Winter-WM der Geschichte, auch die kritischen Töne gegen die Menschenrechtssituation im Gastgeberland Katar bestimmten die Diskussion. Dazu zieht ein Turnier, das im Winter stattfindet, in einem Land ohne lange Sport-Tradition ohnehin weniger Interesse an. Wie mittlerweile bekanntgeworden ist, boykottieren viele Gastronomen die Ausstrahlung der WM und auch in Wermelskirchen ist eine große WM-Party nicht zu erwarten.

Unklarheit, ob überhaupt etwas ausgerichtet werden soll, besteht bisher im Haus Eifgen, dessen Liveübertragungen auf großer Leinwand bei vergangenen Turnieren schon eine gewisse Tradition haben. „Wir befassen uns erst noch damit“, sagt Michael Dierks, Vorsitzender der Kulturinitiative Wermelskirchen als Betreiberverein des Haus Eifgen. Wenn es nach ihm gehen würde, würde man die Veranstaltung boykottieren, sagt er. Möglicherweise könne das Haus Eifgen etwas mit dem SV 09 planen, denn: „Die Fußballabteilung wird die Deutschland-Spiele im Vereinsheim schauen“, sagt „Nullneun“-Geschäftsführerin Kirsten Buchner. Sie selbst würde am liebsten auch auf dieses Turnier verzichten. Der Vorsitzende Karl-Heinz Fleischer sagt: „Wer kommen möchte, darf gerne dazu kommen.“ Auch wenn die Übertragung per Beamer eher internen Charakter habe. Die Verantwortung für die WM sieht er eher bei der Fifa, die dieses Turnier gar nicht erst hätte nach Katar vergeben sollen. „Die Jungs freuen sich auf die WM und wollen Fußball gucken.“

Auch Tura Pohlhausen will seiner Public-Viewing-Tradition treu bleiben. Dank des großflächig projizierenden Beamers seien besonders die Auftritte der deutschen Nationalmannschaft stets ein emotionales Erlebnis, wie es der Tura-Geschäftsführer Dirk Hohlmann beschreibt. Umso betrübter sei er daher über die politisch belastete WM-Vergabe und die damit einhergehenden Diskussionen gewesen, die den Sport in den Hintergrund drängten. „Wir hatten im Vorstand intensive Gespräche darüber, wie wir mit der umstrittenen WM umgehen wollen. Es gab viele Bedenken, kritische Stimmen, aber letztendlich haben wir uns für den Sport entschieden“, betont Hohlmann. „Ich persönlich halte die Entscheidung, die WM in Katar auszutragen, für falsch. Dennoch wollen wir unseren Mitgliedern das Umfeld bieten, den Fußball zu genießen.“

Viele Gastronomen in Großstädten wollen aus Protest keine WM-Spiele zeigen. In zwei Wermelskirchener Kneipen allerdings werden zumindest alle Deutschland-Spiele gezeigt. Seine Gäste seien bei ihm, um Fußball zu gucken, nicht für das Politische, sagt Horst Eisenmenger, Wirt der Gaststätte Höller. Und Ioannis Tsiomos, Inhaber der „J&K Sportsbar“ am Busbahnhof, sieht vor allem auch die wirtschaftliche Komponente für Gastronomen: „Wir haben schon schwere Corona-Jahre hinter uns, das Geschäft ist jetzt wichtig für uns“, sagt der gebürtige Grieche. In der Bar mit angeschlossenem Wintergarten werden die Deutschland-Spiele und, sofern die Nachfrage da ist, auch weitere Spiele gezeigt. Mit allzu großer Nachfrage rechnet er aber nicht. „Die Leute wollen auf den Weihnachtsmarkt gehen – aber im Winter Fußball gucken?“, sagt Tsiomos. Zwar gehe ihm die Menschenrechtslage in Katar gegen den Strich. Aber einerseits hätte man die WM nicht in dieses Land vergeben müssen und anderseits wäre es an der Politik gewesen, schon längst einen Boykott anzuregen.

Auch Wermelskirchens größter Sportartikelverkäufer Intersport Middendorf hält sich bei der WM-Euphorie zurück. Schon aus betriebswirtschaftlichen Gründen. Denn das bereits im Sommer bestellte neue DFB-Sortiment samt aktuellen Trikots scheint sich bisher im Vergleich zu vorherigen Endrunden als Ladenhüter zu erweisen. Geschäftsführer Kai Middendorf erwartet keine kurzfristige Umsatzsteigerung in den kommenden Wochen und sieht die Nachfrage längst nicht so stark wie sonst: „Ich denke nicht, dass wir ein Zusatzgeschäft haben werden. Wir waren auch bei den Bestellungen im Sommer vorsichtig.“

Middendorf begründet das gebremsten Kaufverhalten seiner Kunden neben der „unberechenbaren Wirtschaftslage“ auch mit einem „aus ethischen Gründen vollzogenen Boykott“.  Einen weiteren Indikator für die geringere Begeisterung erkenne er im Online-Geschäft: „Dort unterbieten sich die Händler mit ihren Verkaufspreisen immer weiter.“

Hintergrund

Allgemeines: Am 10. November gab Bundestrainer Hansi Flick den 26-köpfigen Kader für das Turnier bekannt. Am 14. November flog die Nationalmannschaft für ein letztes Testspiel in den Oman, am heutigen Donnerstag, 17. November, wird sie in Katar eintreffen. Das Trainingsgelände ist 125 Kilometer von der Hauptstadt Doha entfernt.

Gruppenphase: Am Mittwoch, 23. November, um 16 Uhr deutscher Zeit findet das erste Gruppenspiel der deutschen Nationalelf gegen Japan statt. Weiter geht es am Sonntag, 27. November, um 20 Uhr mit dem zweiten Spiel gegen Spanien. Am Donnerstag, 1. Dezember, findet um 20 Uhr das dritte Gruppenspiel gegen Costa Rica statt.

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