Kasse warnt vor Unterversorgung

Tobias Hopff ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Sprecher der Ärzteschaft in Wermelskirchen. Archivfoto: Jürgen Moll
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Tobias Hopff ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Sprecher der Ärzteschaft in Wermelskirchen. Archivfoto: Jürgen Moll

AOK-Gesundheitsbericht: Wermelskirchen ist Schlusslicht beim Thema Hausärzte

Von Theresa Demski

Wie geht es den Menschen im Rheinisch-Bergischen Kreis? Mit welchen gesundheitlichen Problemen haben sie zu kämpfen? Und wie sehen die Voraussetzungen für die Versorgung bei Ärzten und in Krankenhäusern aus? Auf 145 Seiten gibt die Gesundheitskasse AOK Rheinland/Hamburg in ihrem aktuellen Gesundheitsbericht Antworten. Die meisten Zahlen beziehen sich auf die 28 Kreise und kreisfreien Städte im AOK-Bereich – genau einmal taucht die Stadt Wermelskirchen davon losgelöst auf. Mit einem unrühmlichen Ergebnis: Sie ist das Schlusslicht beim Thema hausärztliche Versorgung.

Keine Stadt im AOK-Bereich erreicht einen schlechteren Versorgungsgrad: Ein Hausarzt pro 1671 Einwohner wünscht sich die Kassenärztliche Vereinigung. Der Versorgungsgrad in Wermelskirchen liegt bei 76,2 Prozent. Die AOK warnt vor einer „drohenden Unterversorgung“ – die ab 75 Prozent eintreten würde. Sie empfiehlt Fördermaßnahmen, sollte eine Unterversorgung zu erwarten sein. Zum Vergleich: In den Nachbarkommunen liegen die Zahlen deutlich höher als in Wermelskirchen. Radevormwald hat einen Versorgungsgrad von 106,8 Prozent, Remscheid von 105 Prozent und Leichlingen von 101,4 Prozent.

„Wermelskirchen ist einfach nicht so ganz beliebt, obwohl wir es hier so schön haben.“

Tobias Hopff, Ärztesprecher

„Ich nehme aber zumindest gefühlt eine Verbesserung wahr“, sagt Wermelskirchens Ärztesprecher Tobias Hopff. Neue Hausarztpraxen hätten in den vergangenen Jahren eröffnet. „Und wir müssen nicht von einem Notstand ausgehen“, sagt er. Aber: Es sind noch freie Arztsitze vorhanden. „Wermelskirchen ist einfach nicht so ganz beliebt“, sagt er und spricht vom ländlichen Raum, „obwohl wir es hier so schön haben.“ Dennoch geht er davon aus, dass alle Patienten, die einen neuen Hausarzt suchen auch fündig werden. „Wir haben alle gut zu tun“, sagt Hopff. Und sicher komme es auch mal vor, dass ein Arzt keine neuen Patienten mehr annehme. Das habe auch damit zu tun, dass die Zahl älterer Patienten steigt und damit der Aufwand für die Ärzte.

Bei der fachärztlichen Versorgung im Kreisgebiet lohnt ein Blick auf die Fachrichtungen: Während der Versorgungsgrad etwa für Psychotherapie bei 153 Prozent liegt und auch für Chirurgie und Orthopädie bei 142 Prozent, ist die Augenheilkunde mit 99 Prozent vergleichsweise schwach vertreten. Auch bei Krankenhausbetten und Intensivbetten rangiert der Kreis eher am Ende der Tabelle: Während etwa Remscheid 934 Krankenhausbetten je 100 000 Einwohner hat, sind es im heimischen Kreis 412 Betten. Intensivbetten werden im Kreis 14 je 100 000 Einwohner gezählt – in Solingen sind es 48. Besser sieht es bei der Versorgung mit Apotheken aus: 21,2 Apotheken pro Einwohner zählt der Kreis – ein Mittelfeldplatz.

Spitzenreiter unter allen Kreisen im AOK-Bereich ist der Rheinisch-Bergische Kreis bei der Zahl ambulant tätiger Hebammen: Die AOK zählt 53,4 Hebammen auf 1000 Geburten. 67,4 Prozent der Frauen im Kreis haben eine Wochenbettbetreuung durch Hebammen in Anspruch genommen. Unterm Strich wird im AOK-Bereich nur jede zweite Mutter nach der Geburt von einer Hebamme betreut – die regionalen Unterschiede seien eklatant, heißt es bei der AOK. Der Anteil der Kaiserschnitte lag im Kreis bei 27,7 Prozent und damit niedriger als in den meisten anderen Kreisen.

Im Bereich Pflege liegen die Zahlen im Kreis im Mittelfeld: 5737 Pflegebedürftige zählt die AOK je 100 000 Einwohner, 949 leben in Einrichtungen der stationären Pflege. 28,3 Prozent aller Pflegebedürftigen im Kreis haben eine Demenz.

Auf der anderen Seite der Generationsskala fällt auf: 14,8 Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 17 Jahren leiden unter Allergien, deutlich weniger als in vielen anderen Regionen. 6,7 Prozent der Kinder leiden unter Adipositas – also einem krankhaften Übergewicht, damit liegt der Kreis knapp unter dem Durchschnitt im AOK-Bereich. Anders als bei den ADHS-Zahlen: 4,3 Prozent der Kinder und Jugendlichen bis 17 Jahren haben im Kreis die Diagnose ADHS erhalten. Der Landesdurchschnitt liegt bei 3,6 Prozent. Spitzenreiter ist der Rheinisch-Bergische Kreis beim Thema Masernimpfung: 98 Prozent der Kinder des Geburtsjahrs 2015 haben sich bis 2019 gegen Masern impfen lassen – so viele wie in keinem anderen Kreis.

Ganz oben in der Liste taucht der Kreis auch bei der Zahl der Sechsjährigen auf, die noch keine Füllungen in den Zähnen haben: Mit 68,5 Prozent setzt sich der Kreis deutlich ab. Auch Früherkennungs-Untersuchungen für Kinder werden häufig in Anspruch genommen. Wer einen Blick auf die Krankheitsbilder der Erwachsenen wirft, wird im Bericht vor allem beim Thema Migräne aufmerksam: Der Kreis rangiert hinter Solingen auf Platz zwei. 16,8 Prozent der Versicherten haben 2019 eine medikamentöse Behandlung wegen akuter Migräne-Attacken erhalten. 4,4 Prozent der Versicherten leiden unter Asthma, sieben Prozent unter einer Chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD), 12,8 Prozent unter Adipositas. Die Vorsorge-Angebote werden übrigens deutlich häufiger von Frauen als von Männern angenommen.

Die guten Nachrichten zum Schluss: Nirgendwo im AOK-Bereich haben Männer eine bessere Lebenserwartung als in Rhein-Berg. Hier werden sie durchschnittlich 79,5 Jahre alt. Frauen werden nur in Bonn und Leverkusen älter: Im Kreis haben sie aktuell eine Lebenserwartung von 83,8 Jahren.

Hintergrund

Vorerkrankungen: Etwa 27 Prozent der Menschen in Rhein-Berg haben Vorerkrankungen mit einem erhöhten Risiko für schwere Covid-19-Verläufe. Allerdings zählte die AOK unter ihren Versicherten vergleichsweise wenig Krankenhausaufenthalte mit Covid 19 im Kreis: 560 Betroffene je 100 000 Versicherte, der Landesdurchschnitt liegt bei 663.

Sterbefälle: 45 Sterbefälle pro 100 000 Einwohner zählt die AOK aufgrund von Covid-19 im Kreis – das ist der niedrigste Wert in der AOK Rheinland/Hamburg.

Vorsorge: Die Termine für Check-Ups beim Hausarzt gingen zwischen Juni und Oktober 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 79 Prozent zurück, die Zahl der Krankenhausfälle um 10,1 Prozent. Währenddessen stiegen die Zahlen der Physiotherapie um 12,9 Prozent.

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