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Jungs dolmetschen für Altersgenossen

Artur (r.) und Leonard haben sich fürs Helfen entschieden. Foto: Anja Carolina Siebel
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Artur (r.) und Leonard haben sich fürs Helfen entschieden.
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Artur (11) und Leonard (10) sprechen russisch und übersetzen im Feriencamp für ukrainische Kinder.

Wermelskirchen. Artur (11) kam ganz von selbst auf die Idee, auf seine Art zu helfen. Zusammen mit 49 anderen Kindern nimmt er am Ferienprojekt „Gut behütet“ der Gemeinde Hilgen-Neuenhaus teil. Diesmal sind auch neun Kinder dabei, die mit ihren Müttern aus der Ukraine geflüchtet sind. „Meine Eltern kommen aus Kasachstan und Usbekistan und wir sprechen zuhause russisch“, erzählt Artur.

Und weil die Kinder, die aus der Ukraine ins Bergische kamen, alle die russische Sprache verstehen, war für Artur schnell klar: „Da kann ich helfen. Ich kann ja übersetzen.“

Zusammen mit seinem Kumpel Leonard (10), dessen Mutter aus Russland stammt, steht Artur täglich am Mikro und übersetzt das, was die Gemeinde-Betreuer erzählen. Aber auch die Kommunikation mit den anderen Kindern können die beiden Jungs auf ihre ganz eigene Art verbessern. „Ich weiß selbst, wie es ist, eine Sprache nicht zu verstehen“, erzählt Artur. „Als ich ganz klein war, wurde bei uns zuhause nur russisch gesprochen. Ich wusste gar nicht, dass es noch andere Sprachen auf der Welt gab. Bis ich in den deutschen Kindergarten kam und nichts mehr verstand.“

Ein bisschen verloren habe er sich damals gefühlt, daran kann sich Artur noch erinnern. Und damit sich die ukrainischen Kinder nicht so fühlen, habe er sein Wissen eben zur Verfügung stellen wollen.

Das ist für mich auch eine Osterbotschaft.

Dorothea Hoffrogge, Gemeinde Hilgen-Neuenhaus

Auch Leonard freut sich, mit seinen Fähigkeiten helfen zu können. „Es macht für die Kinder ja auch mehr Spaß, wenn sie sich nicht nur untereinander, sondern auch mit den anderen verständigen können.“ Leonard spricht zuhause zwar seltener russisch, besucht aber regelmäßig eine Schule, wo er die Sprache seiner Mutter erlernt. Mit ihrer Dolmetscher-Tätigkeit in der Gemeinde haben die beiden auch viel über die Schicksale der Kinder aus dem Kriegsgebiet erfahren. „Die meisten waren erst total schüchtern, aber als wir dann geredet und ein bisschen zusammen erlebt haben, sind sie aufgetaut“, freut sich Leonard.

Zwist oder Anfeindungen zwischen den Nationen sind für Artur und Leonard kein Thema. „Dafür können ja die Menschen nichts, dass da einer einen Krieg anzettelt“, sieht Artur die Sache bereits differenziert. „Wir sollten uns hier gut verstehen, und das machen wir auch.“

Für Dorothea Hoffrogge, Presbyteriumsvorsitzende der Stephanus-Gemeinde, ist der Einsatz der beiden außergewöhnlich. „Wir haben sie nicht gefragt, ob sie das machen, sie haben sich freiwillig dazu gemeldet und hatten auch selbst die Idee. Das macht mich richtig stolz. Und irgendwie ist das für mich auch eine Osterbotschaft, Völkerverständigung im Kleinen, Zusammenhalt, Gemeinschaft. Das ist schon toll.“

Hoffrogge ist weiterhin begeistert von der Hilfsbereitschaft, der sie auch in ihrer Funktion als Vorsitzende der Geflüchteten-Initiative „Willkommen in Wermelskirchen“ immer wieder begegnet. „Die Menschen wollen einfach helfen, es gibt so viele kleine und größere Einsätze, Fahrdienste, das Mitwirken bei den Sprachkursen oder Hilfe bei den Behördengängen für die Ukrainer.“

Es würden aber auch immer wieder neue Helfer gesucht. Aktuell zum Beispiel für die Sprachkurse (| Kasten), aber auch Mentoren, die die inzwischen über 300 ukrainischen Menschen, die in Wermelskirchen angekommen sind, im Alltag unterstützen. „Das muss nicht mit viel Zeitaufwand sein“, unterstreicht die Koordinatorin. „Die Helfer müssen auch keine Vorkenntnisse haben. Es geht darum, beispielsweise abends mal bei den Familien vorbeizufahren und mit ihnen zu sprechen, was anliegt. Ihnen Tipps geben, worum sie sich kümmern müssen und wo sie im Zweifel Hilfe finden.“

Artur und Leonard machen indes weiter. Stehen im Gemeindesaal am Mikrofon und übersetzen, was das Zeug hält. Völkerverständigung im Kleinen kann ganz groß sein.

Sprachhelfer

Hilfe: Das Team der Ehrenamtlichen sucht dringend Unterstützung: Freiwillige, die Geflüchteten helfen wollen, Deutsch zu lernen, können sich melden. Die Kurse finden dienstags bis donnerstags, je von 10 bis 11.30 Uhr, im Gemeindezentrum am Markt statt. Ehrenamtliche müssen keine Erfahrungen im Lehramt oder mit der ukrainischen Sprache haben. Material wird gestellt.

Kontakt: Interessierte können sich an Andrea Henkel wenden. Telefonnummer: (01 51) 70 13 81 17.

Standpunkt: Tröstlich zu Ostern

Ein Kommentar von Anja Carolina Siebel

anja.siebel@rga.de

Derzeit gibt es weit und breit nicht allzu viel Grund zu feiern. Die Corona-Pandemie ist nach zwei Jahren immer noch im Gange und als viele dachten, sie sehen diesbezüglich etwas Licht am Horizont, kam der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Und ließ erneut Sicherheitsmodelle ins Wanken geraten und das Gefühl der persönlichen Verunsicherung bei vielen zunehmen. Die meisten sind wohl müde und immer noch etwas hilflos ob all der aufrüttelnden Ereignisse, die die Welt derzeit in Atem halten. Es scheint nicht abzureißen. Aber inmitten der täglich schlechten und grausamen Nachrichten gibt es auch immer noch die guten. Die, die trösten. Gerade in der Osterzeit. Das sind zum Beispiel solche Geschichten wie die von Artur und Leonard, die – beide aus russischen Familien stammend – ganz selbstverständlich ihre Hilfe angeboten haben, um Altersgenossen aus der Ukraine zu unterstützen. Manchmal ist es so simpel, Menschlichkeit zu zeigen, und es braucht auch meist nicht viel dafür. Von Kindern können wir dabei eine ganze Menge lernen. Und deshalb sollte man ihnen vielleicht viel öfter gut zuhören.

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