Handwerk

 Jeder seiner Weckmänner ist ein Unikat

Mehr als 6000 Weckmänner erblicken bei Uli Herrmann das Licht.
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Mehr als 6000 Weckmänner erblicken bei Uli Herrmann das Licht.

Mehr als 6000 Exemplare backt Uli Herrmann jedes Jahr – Ein Besuch in der Backstube.

Von Theresa Demski

Wermelskirchen. Seit rund sieben Stunden steht Uli Herrmann in der Backstube. Inzwischen ist die Sonne aufgegangen und kleine Teigkugeln liegen auf den Blechen bereit. „Jetzt nehmen sie gleich Gestalt an“, sagt der Bäckermeister und deutet auf das Hefegebäck. Seit Anfang Oktober backt er Weckmänner. „Die Kunden fragen schon ganz früh danach“, sagt er. Aber Hochsaison haben die Stutenkerle in diesen Tagen – rund um den Martinstag.  

Das sei auch eine logistische Herausforderung, sagt der Bäcker gut gelaunt. Hunderte Weckmänner brauchen Bleche, Öfen und Körbe. Dann fällt die Auswahl der anderen Gebäckstücke im Verkaufsraum schon mal etwas kleiner aus.

Mehr als 6000 Weckmänner erblicken in diesem Jahr das Licht der Backstube. Die ersten 100 nennt Herrmann noch „Weckmänner“ – die danach ruft er gelegentlich „Blödmänner“. Dann haben sich die Hände längst daran gewöhnt, die Stutenkerle zu formen. Über Stunden widmet er sich dann dem beliebten Gebäck mit langer Geschichte.

Inzwischen bekommen die Hefeteigportionen eine Statur. Uli Herrmann rollt den Teig in den Händen, verpasst ihm Körper und Kopf. Beim nächsten Schritt bekommt er Unterstützung von André Frowein, der an diesem Morgen seine ehrenamtliche Hilfe angeboten hat. Schließlich weiß der Vorsitzende des Marketingvereins „Wir in Wermelskirchen“ (WiW), dass in diesen Tagen viele Weckmänner gebraucht werden. Allein beim großen WiW-Martinszug am kommenden Freitag sollen 600 Stutenkerle verteilt werden. „Wir sind eng befreundet“, sagt Frowein, „also helfe ich ein bisschen.“

Die Teigfiguren werden nun platt gedrückt. Frowein gibt sie auf eine Art kleines Laufband, auf der anderen Seite der Maschine tauchen die Teigmänner deutlich platter wieder auf. 15 Männer passen auf ein Blech. Inzwischen stehen Wagen voller gefüllter Bleche bereit.

Uli Herrmann holt den kleinen Karton mit den Pfeifen hervor. 5000 Stück hat er in diesem Jahr neu bestellt, einen kleinen Restbestand hat er noch. „Da bleibe ich auch bei“, sagt er, „ich mag die Tradition und ich mag die Beständigkeit.“ Und irgendwie seien diese kleinen Tonpfeifen auch ein Symbol für den Bergischen Weckmann. In Norddeutschland etwa gebe es diese Tradition gar nicht, erzählt er. Und solange die letzten beiden Firmen in Deutschland noch Tonpfeifen produzieren würden, hätten seine Weckmänner auch ein Exemplar im Arm. Neben dem Karton platziert er die Korinthen.

In einem Durchgang bekommen die Männer nun ihren letzten Schliff: Sie werden geschnitten, die Pfeife wird ihnen in den Arm gelegt, die Rosinen werden schön feste eingedrückt. „Wenn die Augen schon beim ersten Griff der Kinder rausfallen, gibt es Tränen“, sagt Herrmann, „das wollen wir natürlich nicht.“ Ganz im Gegenteil: Der Einsatz gelte vor allem den Kindern. Manchmal lässt es sich Uli Herrmann nicht nehmen, die Weckmänner selbst auszuteilen, um den Jungen und Mädchen dabei in die leuchtenden Augen sehen zu können. „Und ich habe die Entdeckung gemacht, auch Kinder wissen einen guten Weckmann zu schätzen“, sagt er, „locker statt trocken.“

Was dafür nötig sei? „Handarbeit und gute Produkte natürlich“, sagt Herrmann. Butter statt Margarine. Milch statt Wasser. Das habe natürlich in diesen Zeiten alles seinen Preis. Dazu kommt die Heizölrechnung, die in der Backstube in diesem Jahr doppelt so hoch ausgefallen ist. Herrmann hat die neuen Preise trotzdem nicht einfach an die Schulen und Kindergärten weitergegeben. „Natürlich muss ich auch meine Rechnungen bezahlen“, sagt er, „aber das hier mache ich den Kindern zuliebe.“ Jeder Junge und jedes Mädchen soll am Ende der Martinszüge einen der großen Weckmänner in den Händen halten.

Bei den Gebäckstücken ist der Name übrigens Programm: Der Teig für Wecken oder Stuten ähnelt dem des Weckmanns. Deswegen trägt er am Niederrhein auch den Namen Stutenkerl. Sein Rezept hat Uli Herrmann selbst perfektioniert. Seit 22 Jahren hat es sich bewährt. „In diesem Jahr sind mir zum ersten Mal zwei Bleche verbrannt“, sagt er und dann lacht er, „ist ja menschlich.“

Zwei der schwarz verbrannten Weckmänner liegen jetzt im Verkaufsraum und haben Namensschilder bekommen: Max und Moritz. Viele Kunden hätten schon gefragt, ob es sich bei den beiden wohl um eine Spezialausgabe mit Schokolade handle. Aber bei Weckmännern wird nicht experimentiert. Bis zum Nikolaustag backt Herrmann noch die Stutenkerle – dann ist Schluss.

In der Backstube von Uli Herrmann haben inzwischen alle Exemplare, die hier an diesem Morgen entstehen, ein Gesicht und eine Pfeife bekommen. Jeder ist ein Unikat, keiner sieht aus wie der andere. Am nächsten Morgen kommen sie in den Backofen, nachmittags haben sie dann ihren großen Einsatz beim Martinszug an der Waldschule.

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