Inzidenzzahlen und Regularien

Inzidenz: Gastronomen fürchten Lockdown

Gastronomin Anna Fanelli hofft auf Lösungen seitens der Politik. Archivfoto: Doro Siewert
+
Gastronomin Anna Fanelli hofft auf Lösungen seitens der Politik. Archivfoto: Doro Siewert

Weitere Schließungen können sich die meisten nicht mehr leisten.

Von Anja Carolina Siebel

Birgit Bär ist genervt. Die Krisenstabssprecherin des Kreises hat im Grunde immer den Durchblick, was Inzidenzzahlen und Regularien hinsichtlich der Corona-Pandemie angeht. „Inzwischen fällt selbst mir dieser Durchblick schwer“, sagt sie. Denn quasi zeitgleich mit dem Rheinisch-Bergischen Kreis fiel in der vergangenen Woche auch das Land Nordrhein Westfalen von der Inzidenzstufe 0 auf 1. Das heißt, es gibt wieder einige bekannte Einschränkungen: Kontaktnachverfolgung im Restaurant, Maske tragen für das Personal und: keine größeren Veranstaltungen etwa.

„Kompliziert wird es dann“, sagt Birgit Bär, „wenn der Kreis eine andere Inzidenzstufe hat als das Land. Denn dann gelten für einzelne Bereiche kreisweit andere Regelungen als im Land.“ Solingen hat mit einer Inzidenz von über 50, jetzt zum Teil solche Einschränkungen hinzunehmen.

Mit etwas Sorge blicken die Gastronomen auf die seit wenigen Wochen wieder ansteigende Sieben-Tages-Inzidenz. „Ein weiterer Lockdown wäre für uns untragbar. Und er würde die meisten von uns auch wirtschaftlich kaputtmachen“, ist Anna Fanelli (ToscaAnna) sicher, die mit den meisten der Wermelskirchener Gastronomen über eine Whats-App-Gruppe in Kontakt steht. „Sie sehen das eigentlich alle so, und wir haben immer den bangen Blick auf die Zahlen.“

Fanelli betont, dass sie eine gespaltene Gesellschaft, in der nicht Geimpfte massiv benachteiligt werden, eigentlich ablehne. „Aber wir werden nicht umhinkommen, irgendeine verbindliche Regelung zu finden“, sagt die Gastronomin. Sie könne sich vorstellen, dass Geimpfte und Genesene Einlass zu Restaurants und anderen Aktivitäten in geschlossenen Räumen bekämen – und die nicht Geimpften dann möglicherweise einen negativen PCR-Test vorweisen müssten. „Das“, sagt die Unternehmerin, „verschafft mehr Sicherheit als ein Schnelltest.“ Zurzeit habe sie auch manchmal ein ungutes Gefühl, wenn das Restaurant voll sei. „Ich selbst bin geimpft, bin aber natürlich auch für den Schutz meiner Gäste und Mitarbeiter verantwortlich. Und ich kann ja schlecht fragen: Wer von Ihnen ist denn geimpft? Ein besseres Gefühl würde es mir aber schon verschaffen, wenn ich wüsste, das Ansteckungsrisiko ist nicht mehr ganz so hoch,“

Angela Borchert (Café Tilley) sagt klipp und klar, dass sie im Falle eines weiteren Lockdowns ihr Café schließen wird. „Wir hatten schon jetzt so massive Schwierigkeiten mit den Überbrückungszahlungen, der Kurzarbeit, Personal ist uns weggebrochen, und ich habe wegen der Sorgen auch gesundheitliche Probleme entwickelt. Das mache ich nicht noch mal mit.“

Aber sie möchte noch gar nicht an den Winter denken, sagt Angela Borchert. Und auch nicht an höhere Inzidenzen. „Zurzeit sind wir ja im absolut grünen Bereich, und ich hoffe, dass das noch eine Weile so bleibt.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein weiterer Lockdown durchführbar ist.“

Andreas Neumann, Fitnessstudio-Betreiber

Optimistisch blickt Andreas Neumann in die Zukunft. Der Betreiber des Fitnessstudios Clever Fit an der Eich glaubt nicht an einen dritten Lockdown. „Ich denke es ist ein guter Ansatz, nicht allein die Inzidenzen im Auge zu behalten, sondern zum Beispiel auch die Krankenhausbelegungen“, sagt der Unternehmer. „Und das ist ja jetzt auch zumindest schon in der politischen Diskussion. Ich war zwar voriges Jahr im Herbst auch optimistisch – zu Unrecht, wie sich ja dann vor dem siebenmonatigen Lockdown für uns herausstellte, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass sowas ein drittes Mal durchführbar ist.“ Ins Fitnessstudio dürfen derzeit alle ohne Impfnachweis oder Test – allerdings müssen sie auf dem Weg zu den Geräten eine medizinische Maske tragen, die sie beim Training absetzen können.

Hygiene- und Abstandsregeln gelten, wie auch in den Restaurants, im gesamten Studio wie seit Monaten.

Regeln Inzidenzstufe 1

Generelle Maskenpflicht gilt in Innenräumen, auch wieder in Gaststätten, Museen, Zoos und so weiter, bei Bildungsveranstaltungen, der Erbringung körpernaher Dienstleistungen und in allen Räumen mit Kundenverkehr. Im Einzelhandel gilt eine Kundenbegrenzung von einer Person pro 10 Quadratmeter. Bei Versammlungen und Veranstaltungen muss es eine Kontaktnachverfolgung geben. Großveranstaltungen mit bis zu 1000 Teilnehmenden sind erst einmal bis zum 27. August 2021 in Nordrhein Westfalen untersagt.

Standpunkt: Ideen müssen her

Von Anja Carolina Siebel

anja.siebel@rga.de

In den Polit-Talkshows geht es immer wieder um das Thema: Was tun, wenn die Inzidenz gen Herbst wieder massiv ansteigt? Da diskutieren Virologen mit Ethikern, Theologen, Aerosolforschern und manchmal auch dem einen oder anderen Politiker. Bisher kam allerdings von politischer Seite recht wenig an Ideen, was eine Strategie für den kommenden Herbst und Winter angeht. Ein zweiter recht unbeschwerter Sommer also, indem genau nichts passiert, um einen weiteren Lockdown wirksam zu verhindern. Dabei ist es sogar ein Sommer, in dem das Wichtigste zur Pandemiebekämpfung schon zur Verfügung steht: die Impfung. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden inzwischen 49,4 Prozent der Gesamtbevölkerung voll geimpft. Das sind rund 41,1 Millionen Menschen. Die fragen sich jetzt natürlich zu Recht: Und nun? Sollen wir noch einmal so einen Herbst mitmachen wie voriges Jahr? Und das fragen sich vor allem die Unternehmer, von denen ein Großteil einen weiteren Lockdown schlicht wirtschaftlich nicht mehr überstehen würde. Aber dennoch: Es passiert, mal wieder, nichts. Und das ist der eigentliche Skandal.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Axt-Angriff: Haftbefehl gegen 28-jährigen Sohn erlassen
Axt-Angriff: Haftbefehl gegen 28-jährigen Sohn erlassen
Axt-Angriff: Haftbefehl gegen 28-jährigen Sohn erlassen
Unfall: 83-Jährige übersieht Radfahrer
Unfall: 83-Jährige übersieht Radfahrer
Unfall: 83-Jährige übersieht Radfahrer
Drei Schwerverletzte nach versuchtem Mord in Wermelskirchen
Drei Schwerverletzte nach versuchtem Mord in Wermelskirchen
Drei Schwerverletzte nach versuchtem Mord in Wermelskirchen
Sechs Granaten per Sprengung beseitigt
Sechs Granaten per Sprengung beseitigt
Sechs Granaten per Sprengung beseitigt

Kommentare