Natur

Insektensterben wird im Garten spürbar

Anette Wolff wird zur Meisterdetektivin, wenn es darum geht, seltene Arten zu entdecken. Foto: Stephanie Licciardi
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Anette Wolff wird zur Meisterdetektivin, wenn es darum geht, seltene Arten zu entdecken.

Naturschützerin Anette Wolff hat auf ihrem Grundstück einmal nachgezählt.

Von Stephanie Licciardi

Es summt und brummt im idyllischen Wildgarten von Anette Wolff. Eine Honigbiene stürzt sich gerade summend auf die rotleuchtenden Mohnblumen. Welch wahrer Leckerbissen für das fleißige Bienchen. Anette Wolff sitzt entspannt auf der Terrasse ihres Hauses und beobachtet derweil aufmerksam das Insektentreiben in ihrem Garten. „Hier ist wirklich immer viel los“, lacht Wolff. Die studierte Geografin ist absolute Naturliebhaberin.

Sie begeistert sich auch für sechsbeinige Exemplare des Tierreiches, etwa für die Holzbiene, die Streifenwanze oder für die Blaugrüne Mosaikjungfer. In diesem Jahr ist die Wermelskirchenerin, wie viele andere kleine und große Sucher auch, wieder mit Engagement und Beharrlichkeit bei der Aktion „Insektensommer“ dabei. Initiiert hat diese Aktion, die unter dem Motto „Zählen, was zählt“ läuft, der Nabu.

Bis Mitte Juni läuft die Aktion aktuell. Es gibt sie aber nochmals in einer zweiten Phase, die im August anläuft. Dann sind Interessierte, Naturliebhaber und überhaupt alle, die sich für den Artenschutz engagieren, aufgerufen, fleißig Insekten jeder Couleur und jeder Größe zu zählen. „Egal ob im eigenen Garten, auf dem Balkon oder der öffentlichen Grünfläche, Insekten sind überall zu beobachten“, erklärt Anette Wolff.

Aber warum machen sich jährlich Menschen auf die Suche nach Insekten? „Das Artensterben ist ein Grund dafür“, so Wolff. „Ein Rückgang an Arten ist seit Jahren zu beobachten. Dabei sind Insekten für Mensch und Natur enorm wichtig, um den Kreislauf am Laufen zu halten.“

Allein in Deutschland gibt es mehr als 33 000 Insektenarten. „Die spielen in der Landwirtschaft und im Ökosystem eine wichtige Rolle. So sind Insekten nicht nur eine Nahrungsquelle für Vögel oder Fledermäuse, sondern auch zur Bestäubung von Pflanzen wichtig.“ Sterben sie aus, ist Wolff überzeugt, würde es viele Lebensmittel in Supermärkten nicht mehr zu kaufen geben.

„Das beste Beispiel ist natürlich die Honigbiene, wobei sie nicht ganz vom Aussterben bedroht ist“, räumt die Naturschützerin ein. „Die Wildbiene zählt zu den bedrohten Arten.“ Wolffs Lieblingsbeispiel, um dieses Artensterben zu veranschaulichen, ist das Auto. „Ich erinnere mich, wie meine Eltern früher auf Urlaubsfahrten Richtung Süden die Windschutzscheibe und die Vorderfront des Autos von Insektenleichen mehrfach befreien mussten. Das gibt es heutzutage kaum noch. Kinder, die nach 2000 geboren sind, kennen das also kaum noch.“

Ihr Revier ist der heimische Garten. Mit Lupe und Smartphone macht sich Wolff täglich auf die Suche. Sie empfiehlt als Einstiegsfrage – gerade für Anfänger – die Suche nach Marienkäfern. „Zwei Arten werden in diesem Jahr als Einstieg gesucht, nämlich der 7-Punkt- und der Asiatische Marienkäfer.“ Der kleine aber feine Unterschied: Das 7-Punkte-Exemplar ist an seinen Pünktchen und einem komplett schwarzen Kopfschild zu erkennen, sein Vertreter an dem charakteristischen W auf dem Köpfchen sowie einer Farbvariation auf dem Rumpf.

Insektenfreundliche Pflanzen sind schon mal ein erster Schritt

Beim Zählen an sich geht es aber um mehr als nur Beobachtungsgabe. Denn der Umkreis sollte nicht mehr als zehn Meter umfassen und wichtig ist, wie viele Exemplare einer Art gleichzeitig gesichtet werden. Anette Wolff setzt bei ihrer Suche auf Künstliche Intelligenz (KI). „Es gibt viele nützliche Apps, die die Bestimmung erleichtern und gleichzeitig Hintergrundinformationen liefern“, berichtet sie. So kam ihr bereits der Rosenkäfer vor die Linse, dessen Panzer und Maserung an einen Skarabäus erinnern, oder „hauptsächlich im Margeritenbeet“, der Trauerrosenkäfer. „Die seltenen Insekten sind natürlich die Dollsten“, lacht sie. Wolffs Hoffnung ist, dass dem Artensterben ein Stück weit Einhalt geboten wird. „Die Landwirtschaft beschleunigt dies leider. Eine Lösung wären Ackerrandstreifen.“ Auch ein Wildblumenbeet im heimischen Garten oder insektenfreundliche Blumen und Pflanzen seien schon ein Anfang. „Schrittchen für Schrittchen“, sagt Wolff. | Standpunkt

Hintergrund

Seit 2018 ruft der NABU im Frühjahr und Hochsommer zum Insektenzählen auf. Eine Stunde täglich auf einem ungestörten Beobachtungsort von etwa zehn Metern empfiehlt der NABU, um Sechsbeiner und Co. zu beobachten. Hierzu eignen sich Balkon, Terrasse, Garten, Wald oder öffentliche Wiesen- und Rasenflächen. Die Ergebnisse können über die Web-App „Insektensommer“ oder über das Online-Formular an den NABU weitergeleitet werden.

www.insektensommer.de

Standpunkt: Es gibt Chancen

Von Anja Carolina Siebel

anja.siebel@rga.de

Vielleicht ist es dem einen oder der anderen ja auch schon aufgefallen. Es kreucht und fleucht im Garten, auf dem Balkon oder der Terrasse einfach weniger und verhaltener als noch vor einigen Jahren. Und das ist keine subjektive Beobachtung, vielmehr ist inzwischen wissenschaftlich belegt, dass das Insektensterben in vollem Gange ist. Die sogenannte Krefelder Studie, anhand derer seit den 1970er Jahren die Gefährdung von Insekten anhand bestimmter Insektenordnungen untersucht und bewertet wird, zeigt, dass inzwischen 42 Prozent der Insektenarten als gefährdet gelten, 12 Prozent sogar als ausgestorben. Das sind alarmierenden Zahlen. Laut Experten können wir den Insekten aber etwas unter die Flügel greifen. Naturschützer empfehlen etwa Gartenbesitzern: „Unsere Insekten mögen es etwas unordentlicher. Mähen Sie das Gras nicht zu viel, lassen Sie totes Holz liegen, räumen Sie das Laub nicht weg.“ So schaffe man Lebensraum für unzählige Arten. „Und vor allem: Vermeiden Sie den Einsatz von Pestiziden.“ Je mehr Menschen für den Ernst der Lage in der Natur sensibilisiert sind, desto besser sind die Chancen.

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