Pandemie

Impfung: Lebenshilfe in der Warteschleife

Lebenshilfe-Geschäftsführer Axel Pulm kann nicht verstehen, warum viele auf ihre Impfung warten müssen und 500 Impfdosen jetzt herumstehen. Fotos: Anja Carolina Siebel /H.C. Meyer
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Lebenshilfe-Geschäftsführer Axel Pulm kann nicht verstehen, warum viele auf ihre Impfung warten müssen und 500 Impfdosen jetzt herumstehen.
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Nach der missglückten Impfaktion setzt man nun auf einen Neustart im März

Wermelskirchen. Langsam hat sich die Aufregung in der Werkstatt der Lebenshilfe in Altenhöhe etwas gelegt. „Aber das war schon turbulent bei uns Ende der Woche“, berichtet Geschäftsführer Axel Pulm.

Wie berichtet, wollte Impfarzt Dr. Hans-Christian Meyer dort eine großangelegte Impfaktion der insgesamt 500 Mitarbeiter mit dem Impfstoff Astrazeneca anbieten. Alles war dafür bereits vorbereitet. Ausreichend Impfstoff war da. „Wir hatten alle informiert, eine Impf-AG hatte bereits seit Anfang des Jahres zusammengesessen, wir haben Impfstraßen eingerichtet“, sagt Pulm. Und dann die ernüchternde Nachricht des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Düsseldorf: In Werkstätten könne erst ab der zweiten März-Woche geimpft werden.

Das Ministerium nennt dafür auf Nachfrage auch Gründe: So würden die Impfungen immer nach den Vorgaben der Coronavirus-Impfverordnung des Bundes ablaufen. Und demnach sind Menschen in Werkstätten und deren Betreuer erst in der 2. Prioritätsstufe aufgelistet.

Derzeit würden aber noch Impfungen für Menschen in der 1. Prioritätsstufe umgesetzt. Darunter Rettungskräfte, Mitarbeiter in Hospizen und Palliativen Einrichtungen, Wohngemeinschaften, ambulanten Pflegediensten, Zahnarzt-, Dialyse- und onkologischen Praxen. Erst wenn diese Phase abgeschlossen sei, würden die Menschen geimpft, die sich in der 2. Prioritätsstufe befänden. „Das“, so heißt es, „sollte allen Beteiligten klar sein.“

Axel Pulm weist darauf hin, dass es sich bei den Werkstattmitarbeitern eben nicht um Menschen handele, die Frustrationen wie die meisten nicht Behinderten wegstecken und sich entspannt auf das neue Impfdatum konzentrieren könnten: „Es war zu spüren, dass sie tief enttäuscht waren“, sagt er. „Viele hatten vor der Impfung große Angst und wären froh gewesen, es nun hinter sich zu haben.“

Hausarzt nennt Gründe, möglichst schnell zu impfen

Das bestätigt Brigitte Thiel. Die Mitarbeiterin der Lebenshilfe-Verwaltung hat einen Sohn, der in der Werkstatt arbeitet. Christoph (38) sei am Boden zerstört gewesen, als es geheißen habe, er würde am Freitag nicht geimpft, berichtet die besorgte Mutter. „Wir mussten ohnehin große Überzeugungsarbeit leisten, bis er sich überhaupt dazu entschloss, sich impfen zu lassen.“ Als er dann eingewilligt habe, sei die Familie erleichtert gewesen.

Ihr Sohn sei an Diabetes Typ 1 erkrankt und hätte nach der Nachricht, dass er nun doch noch länger auf seinen Termin warten müsse, mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen gehabt.

Tobias Hopff, Sprecher der Wermelskirchener Hausärzte und derzeit aktiver Impfarzt, bedauert ebenfalls, dass er in der Werkstatt Lebenshilfe noch nicht zum Einsatz kommen konnte. „Wir Hausärzte sind alle für eine breit angelegte Impfaktion“, unterstreicht er. „Am liebsten würden wir auch jetzt schon anfangen, in den Praxen zu impfen. Das ist mit dem Astrazeneca-Impfstoff ja auch möglich.“

Hopff führt mehrere Gründe an, warum es wichtig sei, jetzt rasch flächendeckend zu impfen. „Natürlich möchten alle möglichst schnell in die Normalität zurück.“ Aber es gebe allem voran gesundheitliche Gründe: „Die zuletzt stagnierenden oder wieder steigenden Inzidenzen und die Zunahme der Mutationen sollten vor allem ein Antrieb sein“, betont Hopff.

Das Kreisgesundheitsamt des Kreises bestätigt die Zunahme der Mutationen: Während nach Untersuchungen vom 1. bis 8. Februar 10,43 Prozent der positiven PCR-Tests Hinweise auf eine Virusvariante lieferten, waren es in der zweiten Februarwoche schon 34,39 Prozent. „Somit ist ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen“, schreibt das Gesundheitsamt. | Standpunkt

Corona-Zahlen

Im Kreis sind 18 weitere Corona-Fälle bekannt geworden: drei in Bergisch Gladbach, acht in Burscheid, drei in Kürten, drei in Leichlingen und einer in Rösrath. 372 Personen sind aktuell positiv getestet. Über die Anzahl der stationären Patienten konnte das Amt keine Angabe machen. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt laut Landeszentrum für Gesundheit NRW (LZG) nun bei 59,0.

Standpunkt

Ein Kommentar von Anja Carolina Siebel

anja.siebel@rga-online.de

Na sicher ist die Empörung da groß. Denn warum sollen nicht 500 Menschen in einer Behindertenwerkstatt geimpft werden, wenn der Impfstoff schon mal da ist? Allerdings gibt es da ja noch einen Haken. Die Verantwortlichen hätten einen genaueren Blick in den Erlass des NRW-Gesundheitsministeriums schauen und sich vor Augen führen sollen, dass in Deutschland eben nicht unbedingt alles nach subjektiver Sinnhaftigkeit, sondern immer nach strengen Regeln abläuft. Im Impf-Regelwerk des Ministeriums für Arbeit und Gesundheit NRW ist genau nachzulesen, welche Gruppen wann mit dem Astrazeneca-Impfstoff zu impfen sind. Und das sind etwa Mitarbeiter in der ambulanten Pflege, in Hospizen oder Palliativeinrichtungen, Wohngemeinschaften, Rettungspersonal, Mitarbeiter in Zahnarztpraxen, Onkologie- und Dialysepraxen – aber eben nicht Mitarbeiter in Werkstätten. Die sind erst mit dem nächsten Schwung dran. So sinnlos das erscheinen mag, hätten die Beteiligten sich an diese Leitlinien gehalten, hätte man zumindest die Enttäuschung der behinderten Menschen in der Werkstatt abwenden können. | Impfung. . .

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