Impfung kann Hasswelle nicht stoppen

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Die Woche

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Von Stefan M. Kob

Selbst „Tatort”-Nichtgucker wissen spätestens jetzt, wer denn dieser Jan Josef Liefers ist, der sich auch nach dem Applaus von der falschen Seite für die Künstleraktion #allesdichtmachen nicht reumütig verneigt, sondern tapfer, aber erfolglos versucht zu erklären, welche Botschaft er und seine Kollegen mit dieser fragwürdigen Corona-Satire denn eigentlich verbreiten wollten. Dass eine Verhöhnung der qualvoll leidenden Corona-Opfer oder der erschöpften Helfer in den Kliniken nicht gewollt war, darf man getrost unterstellen. Auch dass die pauschale Medienschelte ebenso dümmlich wie falsch ist. Dass aber aus dem Windchen im Wasserglas ein veritabler Shit-storm wurde, ist der ebenso überzogenen Reaktion zu verdanken. Forderungen, Liefers seine Rolle als Ermittler im WDR-Tatort zu entziehen, zeigen, wo wir als Gesellschaft nach über einem Jahr gefühltem Dauerlockdown angekommen sind: am Ende. Ein – auch scharfer – Diskurs über Entscheidungen der Politik ist die Basis einer Demokratie. Wenn aber gar keine Debatte mehr möglich ist, sondern alle Seiten nur noch aus dem Schützengraben mit Salven aus Dreck, Hass und Verachtung aufeinander schießen, dann droht dieses Fundament zerstört zu werden.

Längst ist eine verheerende Kausalkette in Gang gekommen: Aus Gedanken werden Worte, aus Worten werden Taten. Das spüren inzwischen im beängstigenden Ausmaß die Verantwortlichen in den Kommunen, die Maskenpflicht, Abstandsregeln oder Ausgangssperren exekutieren müssen. Bei ihnen entladen sich der komplette Frust und die Wut und damit bei jenen, die selbst am Rande der totalen Erschöpfung stehen, weil sie täglich mit neuen Maßnahmen und Verordnungen bombardiert werden, die sie umzusetzen haben. Eine Umfrage, die das Magazin „Kommunal” zum vierten Mal unter mehr als 1600 Bürgermeistern in Deutschland durchgeführt hat, zeigt auf dramatische Weise: Das Virus zersetzt auch unsere Regeln des menschlichen Miteinanders. Kommunalpolitiker werden immer häufiger zur Zielscheibe von Hass und Gewalt. Jeder neunte Bürgermeister wurde schon körperlich angegriffen, 72 Prozent beleidigt oder beschimpft. Auch vor Wermelskirchen macht dieser Trend keinen Bogen. Niemand spricht offen darüber, um den Tätern nicht noch ein Erfolgserlebnis zu verschaffen. Das Problem ist inzwischen so virulent, dass sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Appell an die Zivilgesellschaft gewandt hat. Die hat viel zu lange geschwiegen zu dieser Spirale aus Hass und Gewalt. Wir sind offenbar an einem Tiefpunkt angelangt, dass es jetzt ein Online-Portal „Stark im Amt” geben muss. Das bietet Kommunalpolitikern Zugang zu Informationen und Angeboten, um Übergriffen vorzubeugen und die Folgen eines Angriffs zu meistern. Mit der endlich in Schwung gekommenen Impfkampagne können wir hoffentlich die dritte Welle brechen. Ob wir damit auch die Welle des Hasses und der Gewalt stoppen, wird sich erst noch zeigen.

stefan.kob @rga.de

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