Corona-Pandemie

Impfkritiker wollen Entscheidungsfreiheit

In vielen Städten Deutschlands protestieren Impfkritiker gegen die geltenden Coronamaßnahmen. Foto: Sebastian Kahnert/ dpa
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In vielen Städten Deutschlands protestieren Impfkritiker gegen die geltenden Coronamaßnahmen.

Drei ungeimpfte Wermelskirchener erzählen aus ihrer Sicht – Mediziner hält nichts von Diskriminierung.

Von Anja Carolina Siebel

Wermelskirchen. Frank M. (alle Namen der Redaktion bekannt) möchte seinen Namen nicht öffentlich nennen. Zwar gehe er ansonsten offen mit seiner Einstellung um, sich nicht gegen das Coronavirus impfen lassen zu wollen. „Aber es gibt eben doch viele, die das nicht nur nicht verstehen, sondern mir mit großem Unverständnis, teils sogar Hass begegnen“, sagt der 45-jährige Wermelskirchener.

Frank M. sagt, dass er „ansonsten der Schulmedizin vertraut. Ich bin auch gegen Tetanus und andere Erkrankungen geimpft, aber diesen Impfstoffen, die aktuell auf dem Markt sind, vertraue ich einfach nicht. Sie sind meiner Meinung nach viel zu wenig erforscht. Langzeitfolgen sind nicht bekannt. Es wird zwar immer gesagt, es gebe bei Impfstoffen keine Langzeitfolgen, aber wer kann das schon sicher beantworten?“

Mit einer Gruppe von Menschen, die ähnlich denken wie er, macht sich Frank M. montags Abends gern auf den Weg zu den so genannten Spaziergängen durch die Innenstadt. Er macht das, um seinen Unmut gegen die aktuell geltenden Corona-Maßnahmen der Regierung kundzutun. „Es sind friedliche Begegnungen in Wermelskirchen“, will er unterstreichen.

Den Vorwurf, die unangemeldeten „Spaziergänge“ würden von rechten Gruppierungen unterwandert oder von Coronaleugnern angetrieben, weist er zurück. „Klar laufen da auch ein paar Spinner mit“, räumt er ein. „Aber das ist die Minderheit und das könnten wir ja auch bei einer angemeldeten Demonstration nicht verhindern.“ Bei einer angemeldeten Kundgebung gäbe es Auflagen, die die Initiatoren zum Teil nicht bereit wären, mitzutragen.

Der Wermelskirchener berichtet, dass es der Mehrheit der „Spaziergänger“ darum ginge, auf Missstände aufmerksam zu machen. „Es sind ja auch Geimpfte dabei“, sagt er. „Die einfach keine Lust mehr haben, sich weiter boostern zu lassen. Oder dafür sind, dass die Coronamaßnahmen endlich aufgehoben werden.“

Paul S. und seine Frau Sabine gehen ebenfalls montags zu den „Spaziergängen“. „Um ein Zeichen zu setzen“, sagen beide. „Für Entscheidungsfreiheit und gegen Diskriminierung.“ Letzteres erlebten sie als Ungeimpfte öfters. Im Bekanntenkreis zum Beispiel oder bei den Nachbarn, die sie jetzt nicht mehr zum Grillen einladen. Aber auch bei so lapidaren Dingen wie einem Einkauf: „Wir waren im Urlaub“, erzählt Paul S. „Meine Frau bekam in einem Bekleidungsgeschäft ein Glas Sekt angeboten. Als ich dann fragte, ob ich auch einen Kaffee bekommen könnte, flüsterte mir die Verkäuferin zu, sie habe mitbekommen, dass wir ungeimpft seien und sie uns deshalb jetzt nicht mehr bewirten dürfe.“

Offensive Kritik im Job belastet im Alltag

Sabine S. bekommt zudem offensive Kritik in ihrem Job zu spüren. „Ich arbeite seit über 20 Jahren mit Behinderten zusammen. Durch die von der Bundesregierung beschlossene einrichtungsbezogene Impfpflicht könnte sie ihren Beruf, den sie liebt, auf lange Sicht verlieren. „Das treibt mich schon um“, sagt Sabine S. Aktuell gehe es ihr auch schlecht. Nicht nur wegen des befürchteten Jobverlusts: „Ich erlebe viel Ablehnung am Arbeitsplatz, weil ich die einzige bin, die dort nicht geimpft ist.“

Tobias Hopff, Sprecher der Wermelskirchener Hausärzte, hat es häufig mit Impfskeptikern zu tun. Er kann ihre Befürchtungen zum Teil im Gespräch ausräumen, zum Teil aber auch nicht. „Ich kann da mitempfinden, denn die Menschen sind oft wirklich ernsthaft verängstigt, auch wenn sie gar keinen Grund dazu haben müssten. Sie sind meiner Meinung nach sehr häufig auch in einer Scheinwelt gefangen“, sagt der Mediziner. Er versucht, mit wissenschaftlichen Argumenten und ärztlichem Fachwissen zu beruhigen.

Von Diskriminierung Ungeimpfter hält der Mediziner nichts. „Zu mir kann jeder kommen. Wer sich impfen lassen möchte und bisher nicht immunisiert war, muss nicht befürchten, schief angeschaut zu werden.“

Hintergrund

Patienten und Pflegebedürftige sollen besser vor einer Covid-19-Infektion geschützt werden. Deshalb müssen Beschäftigte in Einrichtungen des Gesundheits- und Pflegebereichs künftig nachweisen, dass sie geimpft oder genesen sind oder aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können. Diese einrichtungsbezogene Impfpflicht ist Teil des „Gesetzes zur Stärkung der Impfprävention gegen Covid-19.

Standpunkt: Im Gespräch bleiben

Von Anja Carolina Siebel

anja.siebel@rga.de

Zugegeben: Es fällt oft schwer, dieser Tage konstruktiv zu kommunizieren. Gerade auch, wenn es um das Thema Impfungen geht. Die große Mehrheit, die sich für eine Impfung gegen das Coronavirus entschieden hat, bringt wenig Verständnis auf für jene, die das nicht einsehen. Und bei den Impfskeptikern herrscht ohnehin viel Unmut, müssen sie doch derzeit viele Einschränkungen hinnehmen; möglicherweise sogar zum Teil durch die einrichtungsbezogene Impfpflicht im Pflegebereich bald ihren Job riskieren. Aber trotz der Gräben, die sich derzeit zwischen den Parteien auftun, ist es wichtig, im Gespräch zu bleiben. Miteinander zu reden, nicht übereinander. Wenn das auch mitunter sehr schwer fällt. Diskussionen im Netz arten oft aus; da hagelt es Beleidigungen, die jeweils „andere Seite“ wird als „dumm“ oder „dreist“ dargestellt. Und auch im realen Leben brechen Freundschaften auseinander, manchmal sogar Familienverbände, weil man sich in der Impffrage vollkommen uneinig ist. Wir sollten deshalb wieder lernen, miteinander zu kommunizieren. Denn das müssen wir auch nach der Pandemie.

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