Interview

„Im Moment ist die Nachfrage groß“

Zu Brigitte Krips und der Wermelskirchener Tafel kommen pro Woche 180 bis 200 Haushalte.
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Zu Brigitte Krips und der Wermelskirchener Tafel kommen pro Woche 180 bis 200 Haushalte.

Brigitte Krips ist Vorsitzende der Wermelskirchener Tafel.

Von Wolfgang Weitzdörfer

Frau Krips, wie wichtig ist die Arbeit der Tafel gerade jetzt?

Brigitte Krips: Im Moment haben wir eine sehr große Nachfrage, da wir in den vergangenen Monaten eine ganze Menge Familien aufgenommen haben, die aus der Ukraine geflüchtet sind. Die Menschen sind auf Unterstützung besonders angewiesen, da es an allem fehlt – Kleidung, Lebensmitteln und vielen anderen Dingen des täglichen Lebens.

Spielt das Wetter eigentlich eine Rolle?

Krips: Ja, wenn es sehr heiß ist, kommen eher weniger. Gerade die älteren Menschen können das dann nicht mehr so gut – man muss ja auch Wartezeiten einplanen. Wir haben einige, wenige Personen, die wir zu Hause mit Lebensmitteln versorgen, weil sie diese nicht mehr selbst abholen können. Ansonsten merkt man allerdings eher am Monatsende eine steigende Zahl der Kunden – wenn eben weniger Geld im Portemonnaie ist als am Monatsanfang.

Wie viele Menschen versorgen Sie mit Lebensmitteln?

Krips: Derzeit kommen etwa 180 bis 200 Haushalte pro Woche – dahinter stehen natürlich mehr Menschen, durchschnittlich 2,5 Personen pro Haushalt. Es sind also rund 500 Menschen pro Woche. Aber nicht alle kommen auch jede Woche – wie gesagt, die meisten Kunden haben wir gegen Monatsende. Angemeldet sind mittlerweile aber fast 500 Haushalte. Wir merken auch, dass aufgrund der aktuellen Preissteigerungen wieder vermehrt Einheimische zu uns kommen – wenn etwa die Rente oder die Grundsicherung nicht mehr reichen.

Welchen Einfluss hatte die Pandemie auf Ihre Kundschaft?

Krips: Bei uns galt die 2G+-Regel – und wer sich nicht impfen oder testen lassen wollte, der konnte dann auch nicht kommen oder musste mit einer fertig gepackten Tüte vorliebnehmen. Das war dann aber die Entscheidung der Kunden – ein Test ist durchaus zumutbar.

Haben Sie ehrenamtlich Helfende verloren durch die Pandemie?

Krips: Einzelne sind über einen Zeitraum nicht mehr dabei gewesen, dann aber wieder eingestiegen. Nur wenige sind nicht wieder zurückgekehrt – aber dann aus Altersgründen oder aus gesundheitlichen Gründen.

Wie groß ist Ihr Team?

Krips:Im Moment haben wir zwischen 45 und 50 Ehrenamtliche. Es kommen immer wieder – auch vorübergehend – auch neue Helfer dazu. Gerade erst habe ich einen Anruf einer jungen Frau bekommen, die sagte, sie könnte bis Oktober, wenn sie ihr Studium beginnt, mithelfen. Sie kommt diese Woche zu einem Probetag. Manchmal kommen diese jüngeren Helfer dann auch in den Semesterferien wieder. Wir haben ein gutes Kernteam, das auf diese Weise unterstützt und aufgefüllt wird.

Seit Februar ist Krieg in der Ukraine. Sind auch viele Geflüchtete von dort unter Ihrer Kundschaft?

Krips: Die Verhältnisse haben sich verschoben. Ich glaube, dass etwa 70 Prozent unserer Kundschaft mittlerweile aus der Ukraine kommt. Durch den Krieg gab es auch deutliche Zuwächse zu verzeichnen. Während der Corona-Zeit ist die Zahl der Kunden durchaus zurückgegangen – aber zu Beginn des Ukraine-Krieges haben wir teilweise 15 bis 20 Neuanmeldungen pro Woche gehabt. Das hat sich mittlerweile wieder etwas normalisiert, da die Menschen ein wenig angekommen sind, teilweise schon Jobs haben - wir liegen derzeit bei etwa zwei bis drei Neuanmeldungen pro Woche. Die Stadt weist immer auch auf unser Angebot hin, wenn Geflüchtete nach Wermelskirchen kommen.

Woher bekommen Sie Ihre Lebensmittel für die Verteilungen?

Krips:Zum einen aus den Bäckereien und Supermärkten der Umgebung – Wermelskirchen, Burscheid oder Hückeswagen. Zum anderen aber auch über den Landesverband der Tafeln. Von dort bekommen wir Palettenware. Hier sprechen wir uns für die Abholung mit der Tafel Burscheid ab, denn die Paletten müssen wir aus Dormagen oder Köln abholen. Kürzlich gab es etwa eine Palette mit Molkereiprodukten – Joghurt oder Milch –, die wir dann untereinander aufteilen, weil es für eine Tafel alleine zu viel wäre.

Reicht das in der Regel oder bräuchten Sie mehr Spenden?

Krips: Wir sind auch auf Spenden angewiesen, darüber sind wir sehr froh. Wenn etwa Leute mit einem Karton Milch oder Joghurt bei uns vorbeikommen, dann ist das schön – denn die erwähnten Palettenlieferungen sind eben nicht regelmäßig. Unsere Kundschaft kommt aber schon regelmäßig.

Spielen auch Geldspenden für die Tafel eine Rolle?

Krips:Ja, auch hierfür sind wir sehr dankbar, denn mit Geldspenden können wir zum einen Frischware – oder auch haltbare Ware, die von den Supermärkten gar nicht abgegeben werden, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum so lange ist, dass sie es abverkauft bekommen – einkaufen. Zum anderen fließen diese Spenden in den Unterhalt unseres Autos und der Tafel-Räume. Wir haben beispielsweise gerade Flüssiggas bestellt – 4000 Liter Gas sind kein Pappenstiel, der auch erst einmal gestemmt werden muss. Gott sei Dank haben wir in Wermelskirchen ein sehr gutes und spendenfreudiges Umfeld.

Welche Lebensmittel sind besonders wichtig für die Verteilungen?

Krips:Wir merken, dass besonders alle Obst- und Gemüsewaren sehr gut gehen. In den Supermärkten bleibt nicht mehr so viel übrig – und gerade die Familien, die jetzt zu uns kommen, möchten lieber frisches Gemüse als welches aus der Dose.

Müsste sich in der öffentlichen Wahrnehmung der Tafeln Ihrer Meinung nach etwas ändern?

Krips: Ich hoffe doch nicht! Und die Spendenbereitschaft zeigt, dass wir in der Stadt ein gutes Image haben. Was sich aber ändern müsste, ist, dass die soziale Notwendigkeit der Tafeln gar nicht mehr gegeben sein sollte. Wenn mir jemand sagt, dass er oder sie sich durch den Tafel-Besuch etwa das Eis-Essen mit den Enkeln oder den Kino-Besuch – vermeintlicher Luxus, eigentlich aber ein Stück Lebensqualität – leisten kann, dann macht das unsere Arbeit wiederum zu etwas sehr Wertvollem.

Tafel

Kontakt: Tafel Wermelskirchen, Am Bahndamm 4, 42929 Wermelskirchen, Tel. 02196 8824557.

Ausgabezeiten: dienstags, 13.15 bis 15.30 Uhr, mittwochs, 14 bis 16.30 Uhr. Anmeldung: dienstags, 10 bis 12 Uhr.

info@wermelskirchener-tafel.de

wermelskirchener-tafel.de

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