Kündigung

Obi-Mitarbeiterin: „Ich werde gestrichen wie eine Nummer“

Zwei Wochen vor Ablauf ihrer Probezeit erhielt Leonie M. (Name geändert) die Kündigung nebst sofortiger Freistellung.
+
Zwei Wochen vor Ablauf ihrer Probezeit erhielt Leonie M. (Name geändert) die Kündigung nebst sofortiger Freistellung.

Obi trennt sich Mitarbeitern: Eine 40-jährige Betroffene berichtet von ihrer Kündigung.

Von Stephan Singer

Wermelskirchen. Sie beschreibt ihren Zustand als „vollkommen geschockt“. Im Gespräch mit unserer Redaktion ringt sie mit den Tränen. Fast jeden Satz beendet sie mit einem Schluchzen. Leonie M. (Name von der Redaktion geändert) will anonym bleiben, schweigen will sie aber nicht. Die 40-Jährige, die in Leverkusen wohnt, gehört zu denjenigen, die von der Entlassungswelle bei dem Baumarkt-Riesen Obi mit Hauptsitz in Wermelskirchen betroffen ist (wir berichteten). Wie Leonie M. beschreibt, geht das Unternehmen rigoros vor.

„Kollegen gehen durch die Gänge und weinen“, sagt Leonie M. Das habe sie zuletzt häufiger erleben müssen. Nun darf sie selbst die Systemzentrale an der Albert-Einstein-Straße im Wermelskirchener Industriegebiet-Ost nicht mehr betreten. Zwei Wochen vor Ablauf ihrer Probezeit erhielt sie die Kündigung nebst sofortiger Freistellung. „Ich werde gestrichen wie eine Nummer, wie eine belanglose Zahl“, kommentiert die 40-Jährige.

Das Ganze geschehe „von oben herab“, wo man die von den Entlassungen Betroffenen nicht einmal kenne, sagt sie und unterstreicht: „Ich habe Obi schon wegen des Bibers bereits als Kind toll gefunden – wollte da immer mal arbeiten. Ich habe bis zuletzt hinter dem Unternehmen gestanden, mich mit ihm identifiziert und wäre gerne bis zur Rente bei Obi geblieben.“

Erst seit dem 1. Juni 2022 war Leonie M. bei Obi angestellt. Im Februar dieses Jahres hatte sie sich erfolgreich auf eine Stellenanzeige beworben. „Die Aufgabenbeschreibung war wie für mich gemacht“, ist Leonie M. überzeugt. Die Leverkusenerin, die für ihre Arbeit zwei Tage pro Woche nach Wermelskirchen in die Systemzentrale kam und drei Werktage im Homeoffice blieb, ist als Autistin schwerbehindert. Das habe aber speziell für ihren Job bei Obi keinerlei Beeinträchtigungen für sie oder den Arbeitgeber bedeutet: „Im Gegenteil: Denn meine gesundheitliche Einschränkung hat meine Arbeit eher noch begünstigt.“ Leonie M. hatte bei Obi einen typischen Computer-Arbeitsplatz.
Lesen Sie auch: Obi-Mitarbeiter: „Klima ist vergiftet“

Zu Einzelfällen äußert sich Obi nicht

Im Großhandelsbereich war sie in der Ermittlung, der Bearbeitung und der Erfassung der Stammdaten beschäftigt. Das habe viel mit Rechnen zu tun. „Eine wichtige Aufgabe mit Verantwortung, weil die Zahlen stimmen müssen, weil auf diese Stammdaten viele andere Unternehmensbereiche zugreifen“, kommentiert sie.

Aus ihrer Sicht sei es tragisch, dass die Entlassungen keinerlei Rücksicht auf Leistung oder Teamzusammenstellungen nehmen würden: „Auch meine Teamleiterin ist von meiner Entlassung komplett geschockt, denn inklusive mir fehlen ihr jetzt vier Mitarbeiter – und wir hatten genug zu tun“, schätzt die 40-Jährige ein: „Die Arbeit bei Obi, die zu mir sehr gut gepasst hat, war nicht nur ein Job, sondern hat mir Stabilität für meine Gesundheit gegeben.“ Das strukturierte Arbeiten nach klaren Regeln habe ihrer Affinität zu Daten und zur Mathematik entsprochen.

Obendrein seien die Entlassungen ihrer Meinung ungerecht, weil das Unternehmen in anderen Bereichen Personal suche.

Das bestätigte Obi auf Anfrage unserer Redaktion bereits vor wenigen Wochen: „Konkret bedeutet das, dass wir in unseren zentralen Verwaltungs- und Logistik Standorten Stellen streichen mussten.“ Aber, so Obi-Sprecherin Valentina Wehr: „Einige Fachbereiche, insbesondere im Bereich Technologie, werden ausgebaut. Und hier werden wir neue Mitarbeitende einstellen.“

Zu Einzelfällen will sich Obi auf erneute Anfrage unserer Redaktion nicht äußern. Valentina Wehr betont: „Als verantwortungsvoll handelndes Unternehmen prüft Obi jede seiner Personalentscheidungen sehr genau. Dabei beachten wir nicht nur die gesetzlichen Rahmenbedingungen, sondern agieren darüber hinaus in allen Fällen mit hoher sozialer Verantwortung. Wir sehen es deshalb nicht als unsere Verpflichtung, diese Entscheidungen weiter zu kommentieren.“

Leonie M. sieht ihre berufliche Zukunft pessimistisch: „Sowohl die Schwerbehindertenvertretung bei Obi noch der Integrationsdienst in Bergisch Gladbach oder das Inklusionsamt in Köln können etwas für mich tun, haben sie gesagt.“ Die 40-Jährige steht nach eigenen Angaben aber weiterhin mit der Gewerkschaft Verdi in Kontakt. „Als Schwerbehinderte eine passende Arbeit zu finden, ist sehr schwierig.“

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Weihnachtsmarkt schafft Atmosphäre
Weihnachtsmarkt schafft Atmosphäre
Weihnachtsmarkt schafft Atmosphäre
Neuer Beigeordneter ist gefunden
Neuer Beigeordneter ist gefunden
Neuer Beigeordneter ist gefunden
Kreisverwaltung plant 91 neue Stellen
Kreisverwaltung plant 91 neue Stellen
Kreisverwaltung plant 91 neue Stellen
St. Michael feiert seinen Kirchturm
St. Michael feiert seinen Kirchturm
St. Michael feiert seinen Kirchturm

Kommentare