Frauen in Männerberufen

Feuerwehrfrau: „Ich bringe meine Stärken mit“

Annika Vieth befindet sich aktuell mitten in der Ausbildung zur Berufsfeuerwehrfrau.
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Annika Vieth befindet sich aktuell mitten in der Ausbildung zur Berufsfeuerwehrfrau.

Annika Vieth ist eine der wenigen Brandbekämpferinnen im Kreis. Die 25-Jährige ging einen steinigen Weg.

Das Gespräch führte Theresa Demski

Frau Vieth. Feuerwehr: Ist das nicht was für Männer?
Annika Vieth: Das habe ich oft gehört. Und als ich damals in Eipringhausen zur Freiwilligen Feuerwehr gehören wollte, war das eine Riesensache. Ich war die erste Frau, die mitmachen wollte. Und es gab viele Vorbehalte – auch von meinem großen Bruder, der damals schon bei der Feuerwehr war. Es hieß damals: Wir sind 128 Jahre ohne Frauen ausgekommen, das geht auch so weiter.
Während die älteren Kollegen da offener waren, hatte ich das Gefühl, dass vor allem einige junge Feuerwehrleute dagegen waren, auch Mädchen und Frauen bei der Feuerwehr mitmachen zu lassen. Am Ende gab es in Eipringhausen eine Abstimmung unter den Kameraden: Die Mehrheit stimmte für die Veränderung. Das war 2014 – und ich wurde das erste Mädchen der Freiwilligen Feuerwehr in Eipringhausen. Mein Bruder hat drei Wochen lang nicht mit mir gesprochen.
Welche Vorbehalte haben Sie zu hören bekommen?
Vieth:Vor allem, dass die physischen Kräfte von Frauen nicht ausreichen, um in der Truppe mitzuarbeiten. Und mein Bruder hatte wohl auch Sorge, dass ich ihn nicht ernst nehmen würde. Außerdem gab es keine Umkleiden für Frauen. Aber das war mir nie wichtig.
Was antworten Sie denn den Zweiflern?
Vieth: Heute sage ich ihnen: Ich habe alles geschafft, was ich schaffen musste. Übungen, Leistungsnachweise, Atemschutzgerätestrecken. Und ich bin nicht zu stolz, um nach Hilfe zu fragen, wenn ich sie brauche. Jeder hat seine körperlichen Grenzen – Männer und Frauen. Aber jeder hat eben auch seine individuellen Stärken. Und ich bringe meine Stärken mit.
Und wie haben Sie dann den Alltag bei der Freiwilligen Feuerwehr in Eipringhausen erlebt?
Vieth: Die Vorbehalte waren schnell vom Tisch und haben überhaupt keine Rolle mehr gespielt. Am Anfang haben die älteren Kollegen manchmal angeboten, in den Übungen mein Atemschutzgerät zu tragen. Ich habe dann immer scherzhaft gefragt, ob sie mir das auch im Einsatz tragen. Und damit war die Sache erledigt. Ich kannte die Arbeit der Feuerwehr bei uns seit meiner Kindheit – von gemeinsamen Festen und vor allem von dem Einsatz meines großen Bruders. Übrigens gab es vor der Zustimmung für meinen Einsatz auch ein Gespräch mit dem Wehrführer, meinem Bruder und mir.
Ich konnte damals ganz klar sagen: Es ist egal, was zu Hause passiert, hier akzeptiere ich die Hierarchie. Und ich vertraue ihm ohnehin blind. Wenn es ernst wird, dann stehen wir zueinander. Und bei der Feuerwehr merkten die anderen – glaube ich – auch schnell: Die ist nicht mehr das kleine Mädchen von früher, die kann anpacken und die kann sich wehren, wenn nötig. Irgendwann kam ich mal im Blümchenkleid zum Feuerwehrhaus, als wir zum Einsatz gerufen wurden. Viele dachten wohl: so ein Püppchen. Dann bin ich in die Uniform gesprungen. Und plötzlich waren wir alle gleich. Wir sind eine gute Mannschaft – heute spielt es keine Rolle mehr, dass ich eine Frau bin. Es gibt inzwischen auch zwei andere Frauen in der Feuerwehr Eipringhausen und zwei Mädchen in der Jugend.
Das Ehrenamt reichte Ihnen aber nicht. Sie wollen auch beruflich als Feuerwehrfrau arbeiten – wie ihr Bruder.
Vieth: Das war keine Erkenntnis von heute auf morgen. Das ist in mir gewachsen. Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin am Krankenhaus in Leverkusen gemacht. Ich wusste damals schon, dass ich nicht im klassischen Pflegebereich arbeiten wollen würde. Besonders gerne habe ich die Arbeit in der Notaufnahme gemacht, mit dem Kontakt zum Rettungsdienst. Und nach meiner Ausbildung habe ich dann auch im Krankenhaus gearbeitet – erst in der Notaufnahme und dann im Herzkatheterlabor. Das war auch die Zeit, als die Einsätze der Feuerwehr in Eipringhausen immer genau in meine Arbeitszeit fielen und ich nicht mit ausrücken konnte. Damals wusste ich schon, dass ich meine berufliche Zukunft bei der Feuerwehr sehe. Der Weg dorthin war allerdings ziemlich steinig.
Welche Steine lagen Ihnen dabei denn im Weg?
Vieth: Vor allem der Sporttest. Der ist wirklich anspruchsvoll und ich habe ihn erst mal auch nicht geschafft. Ich war immer ein sportlicher Typ, bin lange geschwommen und dachte: Das schaffst du. Aber ich hatte das unterschätzt. Vor allem für die Ausdauer habe ich zwei Jahre trainiert. Ich bin viermal in der Woche Laufen gegangen – und habe dabei wertvolle Unterstützung von einem sehr guten Freund von der Feuerwehr in Remscheid bekommen. Ich hasse Laufen (lacht). Aber ich wollte unbedingt zur Feuerwehr und mit diesem Ziel vor Augen habe ich es nach zwei Jahren dann endlich geschafft. Ich wurde danach zum Vorstellungsgespräch eingeladen und bekam schließlich die Zusage für die Ausbildung und damit auch für eine spätere Stelle im Brandschutz auf der Wache in Wermelskirchen.
Und wie läuft die Ausbildung?
Vieth: Sie läuft gut. Ich interessiere mich sehr für handwerkliche und technische Dinge, muss allerdings natürlich trotzdem noch viel lernen – anders als die Kollegen, die aus handwerklichen Berufen kommen. Aber wenn man vom Dorf kommt, dann weiß man zumindest, was ein Zehnerschlüssel ist. Die Ausbildung dauert insgesamt 18 Monate, die ersten fünf Monate Grundausbildung und die Zwischenprüfung habe ich geschafft. Als Nächstes kommt der Teil für die Qualifizierung als Rettungssanitäter – da wird mir wegen meiner Ausbildung vielleicht einiges bekannter vorkommen. Im November 2023 kann ich dann meinen Dienst auf der Wache antreten.
Spielt es heute noch eine Rolle, dass Sie als Frau in einer Männerdomäne unterwegs sind?
Vieth: Wir sind zwei Frauen und 17 Männer in meinem Jahrgang auf der Feuerwehrschule in Bergisch Gladbach. Aber meine Zeit in Eipringhausen hat mich geschult und geprägt. Man muss schon ein gewisses Selbstbewusstsein mitbringen, eine offene Art und man darf nicht so sensibel sein. In Berufen, die vor allem von Frauen ausgeübt werden, herrscht schon ein anderer Ton – auch wenn man sich gelegentlich anzickt. Das ist jetzt ganz anders. Es ist viel Testosteron unterwegs. Eine ganz andere Welt eben, in der ich mich aber sehr wohl fühle. Und ich wusste von Anfang an, worauf ich mich einlasse. Mein Bruder unterstützt mich heute übrigens voll und ganz. Er lernt mit mir und wir begegnen uns auch als Feuerwehrleute konstruktiv und auf Augenhöhe.

Hintergrund

Status: Wer bei der Stadt Wermelskirchen als Feuerwehrfrau oder -mann im Einsatz ist, ist üblicherweise verbeamtet. Deswegen gehörte zu den Vorbereitungen auf die Ausbildung bei Annika Vieth auch die amtsärztliche Untersuchung und schließlich die Vereidigung als Beamtin auf Probe.

Wache: In Wermelskirchen arbeiten hauptberufliche Feuerwehrleute und die Freiwillige Feuerwehr Hand in Hand: Neben 175 aktiven ehrenamtlichen Feuerwehrleuten arbeiten derzeit 52 Beamte im mittleren und gehobenen feuerwehrtechnischen Dienst im 24 Stunden-Schichtbetrieb. Die Wehrleitung und die Leitung der Feuer- und Rettungswache übernahm 2014 Holger Stubenrauch.

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