Glaube

„Ich bin endlich wieder bei den Menschen“

Vor 40 Jahren feierte er seine Priesterweihe im Kölner Dom: Pfarrer Bernhard Kerkhoff. Heute ist er vor allem als Krankenhausseelsorger im Einsatz.
+
Vor 40 Jahren feierte er seine Priesterweihe im Kölner Dom: Pfarrer Bernhard Kerkhoff. Heute ist er vor allem als Krankenhausseelsorger im Einsatz.

Pfarrer Bernhard Kerkhoff feierte vor 40 Jahren seine Weihe im Kölner Dom.

Von Theresa Demski

Es sind friedliche Jahre: In der bürgerlichen Pfarrei in Solingen geht Bernhard Kerkhoff seine ersten Schritte nach der Weihe. Er unterrichtet an den Schulen, engagiert sich für die Jugendseelsorge und fühlt sich bei der Kolpingfamilie wohl. Und dann klingelt irgendwann das Telefon bei dem jungen Geistlichen – und das Erzbistum beruft ihn ab. Schickt ihn nach Köln-Chorweiler. „Ich wollte nicht“, sagt Bernhard Kerkhoff.

Seine Wohnung befindet sich im achten Stock eines Hochhauses mitten im sozialen Brennpunkt. „Ich war tief deprimiert“, erzählt der Geistliche. Mit 33 Jahren, vier Jahre nach seiner Weihe zum Priester, wechselt er nach Chorweiler. Und dann geschieht etwas, das Bernhard Kerkhoff in seinem Leben immer wieder erfährt: Seine Arbeit wird ihm zum Geschenk. „Diese Zeit hat mich geprägt“, meint er heute, „ich habe damals Sozialarbeit von der Pieke auf gelernt.“ Gelegentlich schickt man ihn ins Gefängnis nach Ossendorf. Dort öffnet sich ein weiterer Weg: die Gefängnisseelsorge. 1990 bewirbt er sich für die Stelle in der Jugendstrafanstalt in Siegburg, vier Jahre später wechselt er als Gefängnispfarrer nach Lüttringhausen und Wuppertal.

Wenn der heute 70-Jährige von seiner Zeit im Gefängnis erzählt, dann beginnen die Worte nur so zu fliegen. Dann strahlt er, gelegentlich verfällt er in den Jargon der Menschen, denen er in den insgesamt 18 Jahren in Gefängnissen begegnete. Dann ist er mittendrin – in seinem Element, in seinem Dienst, in seinem Selbstverständnis. „Die Arbeit im Gefängnis hat mir eine neue Dimension der Spiritualität eröffnet“, sagt er. Er habe in die Abgründe menschlichen Lebens geblickt – und damit tauchten neue Sinnfragen auf. „Du kannst nicht mit der Bibel durch die Zellen wandern“, sagt Kerkhoff, „dann bist du für alle der Himmelskomiker“. Stattdessen bringt er Zeit mit, er hört zu, gewährt das Beichtgeheimnis, setzt auf „Taten statt auf fromme Worte“ und hilft, wenn Hilfe notwendig ist – weil einem der Tabak oder der Kaffee ausgegangen ist oder sich dringend einer den Besuch oder ein Telefonat mit der Freundin wünscht. Vom Liebeskummer bis zur Schuldfrage, von Kindheitserfahrungen bis zu Zukunftsängsten: Viele der Männer im Gefängnis kamen mit Kerkhoff ins Gespräch. „Der Pfarrer ist korrekt“, sagen sie manchmal. „Das ist das größte Kompliment, das du bekommen kannst“, so Kerkhoff. Wenn er heute zurückblickt auf die vergangenen 40 Jahre seit der Priesterweihe, dann stellt er fest: „Die ganze Tiefe dieser Weihe habe ich erst viel später ergründen können. Dafür brauchte ich Zeit und damit bin ich noch nicht fertig.“

Und dann erzählt er von seiner Kindheit in Remscheid, vom Einsatz als Messdiener und in der Jugendarbeit. Er sei früh bewegt gewesen von Liturgie und lateinischem Hochamt. Glaube, das war eher etwas Emotionales. Aber dann entschied er sich für das Studium – in Bonn, Freiburg und Köln. „Diese Zeit habe ich wirklich gelebt“, sagt er.

Gleichzeitig geht es damals schon um die Vorbereitung auf das Leben als Priester. Warum er sich für diesen Weg entschieden habe? Da blickt Bernhard Kerkhoff erstmal in die Ferne. „Alle Worte bleiben hinter dem Eigentlichen zurück“, sagt er dann. Diese Entscheidung habe mit tiefer Sinnerfüllung zu tun, mit der Ganzheitlichkeit des Lebens und auch mit der persönlichen Frömmigkeit.

Bereut hat er es nie – trotz mancher Umwege und „spiritueller Sackgassen“. Er sei eben immer noch auf dem Weg, sagt er dann. Das wurde ihm damals deutlich, als ihn das Erzbistum aus dem Gefängnis nach Köln holte – um stellvertretender Personalchef zu werden. Eine Ehre eigentlich. „Aber nach vier Jahren habe ich mich weggemeldet“, sagt Kerkhoff, „ich musste zu den Menschen.“ Über eine kurze Station in Düsseldorf kam er 2014 zurück ins Bergische Land – als Krankenhausseelsorger in Remscheid und Wermelskirchen.

Sein Weg ist noch nicht zu Ende, denn er wird noch gebraucht

„Ich bin endlich wieder bei den Menschen“, stellt der Pfarrer fest, „jetzt am Krankenbett.“ Was er ihnen zu bieten habe? „Mich“, sagt er. Er komme ohne Sendungsbewusstsein. „Und viele Menschen sind froh, dass da einer kommt, der zuhören kann“, weiß er. Viele beginnen zu reden, zu erzählen – bis zu dem Punkt, an dem keine Worte mehr nötig sind. „Ich bin dann da“, sagt er, „so wie damals im Gefängnis.“ 

Und was sagt er zum Zustand seiner Kirche? „Erschütterung, Trauer, Wut“, entgegnet er, „das fühle ich und das belastet mich.“ Aber im Alltag, wenn die Tür im Krankenhaus aufgehe, dann gehe es den meisten Menschen gar nicht um die Kirche. „Viele der Menschen haben ein Gespür, wer da durch die Tür kommt“, sagt der Pfarrer. Das war vor allem während der Corona-Pandemie so, aber das erlebt Kerkhoff auch, wenn er heute auf Kranken- oder Palliativstationen unterwegs ist. Er ist in seinem Element – und deswegen will er auch noch ein bisschen bleiben, auch wenn er mit seinen 70 Jahren eigentlich in den Ruhestand gehen könnte. „Ich habe noch den Eindruck, dass ich gebraucht werde“, sagt er und dieser bunte Weg sei eben nicht am Ende.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Fußgänger auf der A1 von Lkw erfasst und tödlich verletzt
Fußgänger auf der A1 von Lkw erfasst und tödlich verletzt
Fußgänger auf der A1 von Lkw erfasst und tödlich verletzt
Bürgermeisterin widerspricht Landrat
Bürgermeisterin widerspricht Landrat
Bürgermeisterin widerspricht Landrat
WiW lässt Weihnachtsmarkt aufleben
WiW lässt Weihnachtsmarkt aufleben
WiW lässt Weihnachtsmarkt aufleben
Betrug: Seniorin verrät Konto-Kennwort
Betrug: Seniorin verrät Konto-Kennwort
Betrug: Seniorin verrät Konto-Kennwort

Kommentare