Pandemie

Händlern und Gastronomen fehlt Vertrauen

Mit einer Lebensmittel-Verkaufsaktion hatte Unternehmer Jörg Michels vor einer Woche auf die Situation vieler Selbstständiger aufmerksam gemacht. Foto: Roland Keusch
+
Mit einer Lebensmittel-Verkaufsaktion hatte Unternehmer Jörg Michels vor einer Woche auf die Situation vieler Selbstständiger aufmerksam gemacht.
  • Anja Carolina Siebel
    VonAnja Carolina Siebel
    schließen

Die Entscheidungen von Bund und Ländern können viele nicht mehr nachvollziehen.

Wermelskirchen. Wenn man Maria de Pasquale derzeit fragt, wie es ihr geht, dann ist sie sehr ehrlich: „Mir geht es schlecht; und das sieht man mir auch deutlich an“, sagt die Friseurmeisterin mit Salon an der Unterstraße.

Zwar freut sie sich, dass es für ihre Zunft ab dem 1. März aller Voraussicht nach weitergehen kann mit der Arbeit, aber die vergangenen Monate haben der Wermelskirchenerin ordentlich zugesetzt. „Einnahmen hatte ich zuletzt keine mehr, die versprochenen Hilfen kamen nicht oder nur schleppend.“ Ihre Teilzeitkraft im Salon musste sie in Kurzarbeit schicken. „Am Ende habe ich von meiner Altersvorsorge gelebt“, berichtet sie.

Maria de Pasquale möchte auf die prekäre Lage vieler Selbstständiger aufmerksam machen: „Ich glaube, dass sich viele, die nicht in dieser Situation sind, gar nicht vorstellen können, was das bedeutet. Diese Perspektivlosigkeit, dieses Nicht-Wissen, wann, wie und letztlich sogar ob es weitergeht. Das ist wirklich zermürbend.“ Die Friseurmeisterin hätte sich von Bund und Ländern mehr Transparenz gewünscht, mehr Austausch und Verständnis. Und vor allem verlässliche finanzielle Hilfe. „Ich bekomme ein Arbeitsverbot auferlegt und muss einen Kredit aufnehmen, der mit drei Prozent verzinst wird? Da stimmt doch etwas nicht.“

Ähnlich sauer ist Jörg Michels. Der Unternehmer, der unter anderem ein Brautmoden-, Schmuck- und Bekleidungsgeschäfte in der Stadt betreibt, hatte bereits vorige Woche mit einer Aktion auf seinen Ärger aufmerksam gemacht: Michels verkaufte für einen Tag in seinem Bekleidungsgeschäft Sweetex an der Carl-Leverkus-Straße Lebensmittel statt Jeans und T-Shirts. 700 Euro kamen bei der Aktion zusammen, die er an die Tafel spendete.

Michels’ eigene Kassen bleiben indes auch weiterhin leer. „Es ist alles ein Hohn. Wenn man bedenkt, dass ich zu Leuten nach Hause gehen und ihnen dort ohne jegliches Hygienekonzept Brautmoden verkaufen dürfte, während mein eigenes voll ausgestattetes Geschäft geschlossen bleiben muss, ist das schon ein Witz.“ Gern würde er sich mit Gesundheitsminister Jens Spahn und Arbeitsminister Peter Altmaier zusammensetzen, sagt er. „Ich würde sie mit Fragen löchern. Eine wäre, warum es nicht im Herbst einen richtigen harten Lockdown gegeben hat, von dem alle betroffen gewesen wären. So dass später alles hätte wieder öffnen können.“

Vor April, das vermutet Gastronomin Anna Fanelli (ToscAnna), wird sie die Pforten ihres Restaurants nicht wieder öffnen. „Ich weiß es natürlich nicht, aber ich gehe nicht davon aus.“ Auch Anna Fanelli hat erst einen Bruchteil ihrer November- und Dezemberhilfen ausgezahlt bekommen, berichtet von „Anträgen über Anträgen“ und kompliziert zu händelnden Antragsverfahren.

Die letzten Getränkereste versuchen die Fanellis gerade an Mann oder Frau zu bringen, damit sie nicht das Mindesthaltbarkeitsdatum überschreiten und unbrauchbar werden. „Viele Vorräte haben wir natürlich nicht mehr, die werden uns ja alle schlecht“, sagt die Unternehmerin, für die ihr eigenes kleines Restaurant immer eine Herzenssache war. Sie ist müde geworden mit den Monaten des harten Lockdowns, untätig ist die gebürtige Italienerin indes immer noch nicht. „Wir haben ja schon wieder eine kleine Aktion geplant, wollen die Schaufenster der Gastronomen etwas schmücken, Kunst unterbringen, damit die Leute beim Spaziergang etwas Schönes sehen können.“

Viele haben kaum Kraft, um engagiert weiterzumachen

Geöffnet halten die Fanellis das ToscAnna, um die Kontakte zu ihren Gästen nicht zu verlieren. „Wir bieten wie viele andere natürlich Lieferdienst und Abholservice an“, sagt sie. „Das lohnt sich aber nicht wirklich. Wir machen das, um da zu sein, den Laden irgendwie am Laufen zu halten.“

Mit ihren Wermelskirchener Gastronomen-Kollegen ist sie vielfach über Whatsapp in Kontakt. „Aber vielen fehlt einfach die Kraft“, weiß Anna Fanelli.

Beschlüsse

Die bestehenden Corona-Auflagen wurden mit Beschluss vom vergangenen Mittwoch grundsätzlich bis zum 7. März verlängert. Eine bundesweit einheitliche Ausnahme gibt es für Friseursalons, die ab dem 1. März wieder öffnen dürfen. Für die Öffnung der Schulen und Kitas gibt es hingegen keine bundesweite Regelung. Das soll laut Beschluss jedes Bundesland selbst regeln.

Standpunkt

anja.siebel@rga-online.de

Ein Kommentar von Anja Carolina Siebel

Jetzt wird langsam das Ausmaß dessen sichtbar, was der Lockdown möglicher weise hinterlassen wird. Schemenhaft noch. Aber doch deutlich erkennbar: Viele Selbstständige sind sauer ob der Perspektivlosigkeit, der sie gegenüberstehen. Das Versprechen der „dritten Hilfeleistung“ vonseiten des Bundes in allen Ehren, viele haben aber wegen der komplexen Antragsstellungsverfahren noch nicht einmal die erste und zweite finanzielle Hilfe erhalten und gehen entsprechend auf dem Zahnfleisch. Auch die Industrie- und Handelskammer weist erneut auf die „enormen Schäden“ hin, die diese erneute Lockdown-Verlängerung für die Unternehmer, gerade die Mittelständler, nach sich ziehen wird. Klar ist schon jetzt: Die Folgen der dauerhaften Geschäftsschließungen werden enorm sein. Viele kleine Betriebe werden das nicht überleben. Das zeigt sich bereits jetzt. Und selbst, wenn sie in absehbarer Zeit wieder arbeiten dürfen, werden die schwächsten die Versäumnisse nicht aufholen können, weil sie schlicht keine Rücklagen haben, auf die sie in dieser Notsituation zurückgreifen können. Treffen wird das letztlich alle.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Der Lichterzug begeistert die Zuschauer
Der Lichterzug begeistert die Zuschauer
Der Lichterzug begeistert die Zuschauer
Feuerwehr rettet Person aus Dachgeschosswohnung
Feuerwehr rettet Person aus Dachgeschosswohnung
Feuerwehr rettet Person aus Dachgeschosswohnung
Mann wird bewusstlos gefunden
Mann wird bewusstlos gefunden
Mann wird bewusstlos gefunden
Sechseinhalb Jahre Haft für Räuber
Sechseinhalb Jahre Haft für Räuber
Sechseinhalb Jahre Haft für Räuber

Kommentare