Pandemie

Händler üben sich in der Krise in Geduld

Niclas Riehl, Fachverkäufer bei Intersport, zeigt per Smartphone dem Kunden die Ware. Foto: Doro Siewert
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Niclas Riehl, Fachverkäufer bei Intersport, zeigt per Smartphone dem Kunden die Ware.

Viele haben Ideen entwickelt, wie sie ihren Kunden trotzdem gerecht werden können.

Von Anja Carolina Siebel

Wermelskirchen. Jürgen Middendorf ist froh, dass er sich im Online-Handel gut auskennt. Der Seniorchef von Intersport an der Viktoriastraße und sein Sohn Kai betreiben drei Intersportfilialen. Neben Wermelskirchen noch in Haan und Langenfeld. „2018 haben wir mit dem Online-Handel angefangen, das rettet uns natürlich jetzt“, sagt Middendorf.

1,2 Millionen Euro sind seit dem ersten Lockdown im stationären Geschäft für die Middendorfs weggebrochen. „Ohne den Online-Handel würde das für uns jetzt sehr schwierig“, räumt der Unternehmer ein. Zusammen mit dem Team haben die Middendorfs Ideen entwickelt, die über das reine Online-Geschäft hinausgehen. Zum einen gibt es Click & Collect, was jetzt viele Einzelhändler anbieten. Das heißt, der Kunde sucht online etwas aus, bestellt es und holt es dann ab. Weil die Middendorfs aber die Erfahrung gemacht haben, dass gerade im Sportbereich viele die Ware sehen und erklärt haben möchten, haben sie etwas Besonderes entwickelt. Die Kunden können via Whatsapp-Telefonat im Geschäft anrufen. Ein Fachverkäufer nimmt das Gespräch an und führt den Kunden quasi virtuell durch den Laden zu dem Wunschprodukt. Dort führt er ein Fachgespräch, als sei der Kunde selbst im Laden. „Später kann er die Ware dann quasi kontaktlos bei uns im Foyer abholen und mit Karte bezahlen“, erklärt Middendorf.

Der Renner bei den Kunden seien gerade Fitness-Artikel wie Matten oder Kurzhanteln. „Weil die Fitnessstudios geschlossen haben, wollen die Leute zu Hause Sport machen“, sagt Middendorf. Viele bräuchten aber gerade dafür auch Beratung.

Das System Click & Collect nutzen inzwischen viele Wermelskirchener Händler. Auch die Buchhandlung Marabu. „Wir können uns gerade deshalb nicht beklagen“, sagt Teamleiterin Barbara Busch. „Natürlich sind die Umsätze kein Vergleich zu dem Geschäft, was wir machen, wenn alles normal läuft. Aber die Kunden nutzen das Bestellsystem, nicht nur für Bücher, sondern auch für Karten oder Geschenkartikel.“

Textilunternehmer Michels ist stocksauer

Für einen Segen hält auch Johannes Schnütgen (Quick-Schuh) das Online-Geschäft. „Wir haben das ja schon lange im Angebot und die Kunden nutzen es.“

Allerdings macht auch er keinen Hehl daraus, dass die Wintersaison für die Händler alles andere als lukrativ war. „Es ist natürlich gar kein Vergleich zum stationären Handel. Wir haben viele Rückläufe, zudem zu viel Ware, weil wir natürlich einen großen Vorlauf haben. Wir bestellen ja immer sechs bis neun Monate vorher, und da konnte natürlich niemand ahnen, wie die Situation im Dezember werden würde.“ Die Frühjahrsmode ist bei Schnütgen schon in den Regalen, auch virtuell, und der Chef hofft, wie wohl alle Händler, dass die Zeit des Lockdowns schnell vorbeigeht. „Aber wir können es nun mal nicht ändern. Einen Schuldigen zu suchen, das ist in einer Pandemie wohl müßig.“

Ein bisschen anders sieht das Jörg Michels. Der Wermelskirchener Unternehmer betreibt mehrere Textil- und Schmuckgeschäfte, vor allem aber verkauft er Brautmoden. Und Jörg Michels ist stinksauer. „Ich verstehe so vieles derzeit nicht“, macht er seinem Ärger Luft. Die Überbrückungshilfe hat er noch nicht erhalten, muss aber Miete und andere laufende Kosten zahlen. Seine Mitarbeiter sind längst in Kurzarbeit. „Ich verstehe auch nicht, warum Discounter jetzt Bekleidung verkaufen, wir das aber nicht dürfen“, sagt er. „Dann weiß ich auch nicht, warum sich das alles so fürchterlich in die Länge zieht. Warum machen wir nicht alles für kurze Zeit dicht und können dann wieder öffnen? Stattdessen fliegen noch Urlaubsflieger und die Menschen tummeln sich in der Stadt, als sei nichts.“

Michels ist verzweifelt. „Vor allem auch deshalb“, sagt er, „weil ich ja schlecht sowas wie Click & Collect anbieten kann. Ich brauche Bräute mit der Vision, zu heiraten. Die sich bei mir einkleiden und Ringe kaufen. Das volle Programm. Und das macht derzeit eben keiner.“

Intersport

Der neue Service bei Intersport funktioniert über ein Whatsapp-Telefonat. Kunden können unter Tel. (0 21 96) 7 08 68 12 anrufen und sich virtuell durchs Geschäft führen und beraten lassen. Die Abholung erfolgt im Foyer an der Viktoriastraße. Die Unternehmer verschicken in den nächsten Tagen an 4500 ihrer Stammkunden einen Newsletter.

Standpunkt

anja.siebel@rga-online.de

Ein Kommentar von Anja Carolina Siebel

Es ist schon beeindruckend zu sehen, wie die meisten Wermelskirchener Einzelhändler der Krise trotzen, wie sie mit kreativen Ideen den Kontakt zu ihren Kunden halten und vor allem überwiegend ihren Optimismus nicht verlieren. Das ist keineswegs selbstverständlich. Denn seit Dezember ist es der zweite Lockdown, den sie meistern müssen. Während von März bis Mai 2020 allerdings gar nichts lief, können Unternehmer und Kunden jetzt zumindest auf Click & Collect zurückgreifen. Ein System, das sich längst bei Buchhändlern und wie man sieht auch im Schuh- und Sporthandel etabliert hat. Allerdings können davon nicht alle profitieren. Auch die Verzweiflung von Jörg Michels, der mit seinem Brautmodengeschäft seit Monaten völlig auf dem Trockenen liegt, ist nachzuvollziehen. Die Unternehmer brauchen dringend eine Perspektive. Und es ist nicht einzusehen, warum einige immer noch keine Überbrückungshilfe erhalten haben. Sie können zum Teil ihre Mieten nicht mehr zahlen, geschweige denn ihre Mitarbeiter. Das alles wird Probleme nach sich ziehen, die die Infektionsgefahr des Coronavirus überdauern werden.

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