Aktion

Händler protestiert mit Chips und Wein

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Sendet mit seiner außergewöhnlichen Aktion einen Hilfeschrei: Der Wermelskirchener Händler für Hochzeits- und Abendmode, Jörg Michels, verkaufte statt hochwertiger Kleidung Chips, Popcorn oder auch Nudeln.

Jörg Michels verkaufte Lebensmittel statt Brautmode – Kunden bestärkten ihn in seinem Hilferuf.

Von Sabine Naber 

„Ich brauche Aufmerksamkeit. Beispielsweise dafür, dass Lebensmittelverkäufer wie verrückt Mode verkaufen. Dafür, dass ich jeden Monat 10 000 Euro Miete zahlen muss, 24 Mitarbeiter habe, aber nur einmal im Frühjahr 15 000 Euro vom Staat als Unterstützung bekommen habe“, ereifert sich der Unternehmer Jörg Michels, Inhaber des Geschäftes Sweetex an der Carl-Leverkus-Straße.

„Wenn sich nicht bald etwas ändert, werde ich weitere Aktionen inszenieren.“
Jörg Michels, Modehändler

Aus Protest an der momentanen Corona-Politik und dem anhaltenden Lockdown hat Jörg Michels am Mittwoch nach eigener Aussage seinen Mut zusammengefasst und ein symbolisches Lebensmittelangebot gemacht, um ein Zeichen zu setzen.

Bärbel Wege (l.) hilft den Kunden Dorothee und Stefan Tillmanns beim Einkauf auf der Carl-Leverkus-Straße.

Im Angebot seines Geschäfts waren all die Dinge, die man laut Michels braucht, um in Lockdown-Zeiten abends vor dem Fernseher nicht zu verhungern. Finanziell will er vom Verkauf von Chips, Schokolade und Popcorn, Ketchup, Nudeln und Wein nicht profitieren. Der Erlös wird an die Tafel gehen.

Ein Querdenker sei er absolut nicht. Und auch bei einer Demo habe er noch nie mitgemacht. Aber er wolle gerne einmal mit den Herren Altmaier, Söder und Spahn an einem Tisch sitzen und über Politik sprechen. Sie sollten dann mal Antworten geben, die jeder verstehen kann.

Mitarbeiterin Katrin Hlavacek (M.) im Gespräch mit Kunden. Neben vielen Wermelskirchenern kamen auch viele Pressevertreter zu Sweetex.

„Meine Hilfeschreie werden nämlich immer lauter. Und wenn sich nicht bald etwas ändert, werde ich weitere Aktionen inszenieren. Es gibt Brautgeschäfte, die fahren zu ihren Kunden und wickeln alles privat ab. Auch in anderen Bereichen gibt es immer mehr Menschen, die sich Schlupflöcher suchen“, sagt Michels und nennt als Beispiel Friseure, die einfach im Keller weiterarbeiten oder zu ihren Kunden nach Hause gehen und dort arbeiten. „Da gibt es keine Kontrollen. Da wäre es doch sicherer in einem Geschäft mit Auflagen zu arbeiten, die jederzeit überprüft werden können“, ist Jörg Michels überzeugt.

Vermieter und Lieferanten wollten verständlicherweise weiterhin ihr Geld haben. Er könne es nicht mehr ertragen, dass die zugesagte Unterstützung nicht ankommt, 80-Jährige sich „einen Wolf“ wählen, um einen Impftermin zu ergattern, Kollegen in Großraumbüros zusammen arbeiten, Flüge rund um den Globus möglich und Busse und Bahnen voller Menschen sind.

Sweetex wird zum Lebensmittelgeschäft

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Bei den Kunden – viele waren Geschäftsfreunde oder Nachbarn – kam die gestrige Aktion an der Carl-Leverkus-Straße gut an. „Man muss etwas machen. Sonst wird man nicht mehr gehört. Die Hilfen kommen nicht an, ein bürokratischer Wust ist entstanden und es scheint, als würden die Folgen des Lockdowns nicht mehr im Blick behalten“, sagt der Wermelskirchener Geschäftsmann Tobias Opitz.

Ihm wäre ein absoluter Lockdown, bei dem beispielsweise für drei Wochen auch mal die Produktion stillstehen sollte und die Menschen im Click & Collect-Modus einkaufen müssten, lieber, als dieses Hin und Her, die Unsicherheit. „Und das Problem bei den finanziellen Hilfen ist nicht die Software, sondern diejenigen, die damit arbeiten“, betont er.

Auch Christine Kirchner, Inhaberin eines Friseurgeschäftes, sieht es ähnlich. „Ich finde es richtig, was hier unternommen wurde. Wir brauchen ein Ziel, wie es weitergeht.

Dirk Stöcker greift im Lockdown bei Sweetex zu. Er braucht Nervennahrung.

So, wie es jetzt gemacht wird, ist es nicht mehr akzeptabel“, ist sie überzeugt. In der Zeitung habe sie gelesen, was in puncto Schwarzarbeit in ihrem Beruf zurzeit los ist. Da seien ja wohl Hygienevorschriften, die überprüfbar seien, in diesen Zeiten der bessere Weg.

„So, wie es jetzt gemacht wird, ist es nicht mehr akzeptabel.“
Christine Kirchner, Friseurin

„Diese Aktion hier ist super“, fasst es Stefan Tillmanns zusammen. Ihn ärgert vor allem, dass er von den 9000 Euro, die er als Unternehmer im Frühjahr bekommen hat, jetzt 7000 Euro zurückzahlen muss. „Das Geld durfte ich nur für Miete und Leasing-Gebühren verwenden. Für den Lebensunterhalt gibt es bis dato nichts.“

Hintergrund

-kel/nab- Zum Unternehmen Sweetex gehören sechs Mietobjekte und elf Bereiche rund um das Thema Heiraten, allein vier Brautstudios. Die Kunden kommen nicht nur aus Wermelskirchen und der näheren Umgebung, auch aus ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden reisen Paare zur „Hochzeitsstrasse“. Jörg Michels bezeichnet sein Geschäft als „mein Baby, das ich groß gemacht habe“. Gerade zu dieser Zeit sei in dieser Branche eigentlich Hochsaison.

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