Griff zur Kamera statt zur Waffe

Der Flüchtling und sein deutscher Helfer: Rico Klinger (l.) und Joseph Mayowa Ajisegiri. Foto: Roland Keusch
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Der Flüchtling und sein deutscher Helfer: Rico Klinger (l.) und Joseph Mayowa Ajisegiri.

Nigerianischer Flüchtling aus der Ukraine ist im Bergischen untergekommen

Von Andreas Weber

Eine Tasche, eine Kamera und ein Laptop. Mit wenigen Habseligkeiten trat Joseph Mayowa Ajisegiri seine Flucht an. 2342 Kilometer vom Osten in den Westen Europas. Acht Jahre hat der 27-jährige Nigerianer in Charkiw gelebt, die Ukraine und seine Menschen schätzengelernt. „Meine zweite Heimat“ nennt er das Land.

Die einmarschierenden russischen Truppen veranlassten ihn, Schutz in Deutschland zu suchen. Über Lliw, Warschau gelangte Joseph mit dem Zug nach Berlin. Dort holte ihn Rico Klinger ab. Vom Krieg in die Sicherheit. Aus der zweitgrößten Stadt der Ukraine nach Wermelskirchen und Remscheid.

„Die Ukrainer gehören zu den herzlichsten Völkern der Welt.“

Joseph Mayowa Ajisegiri, Flüchtling

In der Dabringhauser Wohnung von Rico und dessen Freundin Lena hat der Flüchtling eine vorübergehende Bleibe gefunden, im Gründerquartier an der Hindenburgstraße einen Arbeitsplatz. Im Co-Working-Space will er weiter Videos für seinen Youtube-Kanal produzieren. In „Save the nations“ stellt Joseph seit zwei Jahren launig-informative Filme über seine Wahlheimat zusammen.

Wie er als erster Dunkelhäutiger in der kleinsten Stadt der Ukraine, dem Nest Uhniv begrüßt wurde, wie er in Kiew 24 Stunden ohne Geld überlebte, sich 48 Stunden durch Europas größte Wüste schlug, den höchsten Berg der Ukraine erklomm, Osteuropäer an afrikanische Speisen heranführte. Josephs Berichte zeugen von hoher Wertschätzung für seine Gastnation: „Die Ukrainer gehören zu den herzlichsten Völkern der Welt“, sagt er.

Nach seiner Flucht will der studierte Mediziner, der nicht als Arzt praktizieren, sich stattdessen als Unternehmer in den sozialen Medien einen Namen machen möchte, im Bergischen Beiträge senden und das Schicksal der ukrainischen Flüchtlinge hier begleiten. Joseph hatte riesiges Glück.

Denn er brach am dritten Tag des Krieges nicht ins Ungewisse auf, sondern hatte bei Rico eine feste Anlaufstelle. Ohne ihn wäre er nicht in Deutschland gelandet. „Vielleicht in Rumänien oder Ungarn, wer weiß“, meint Joseph. Beide kennen sich seit einem halben Jahr über „Save the nations“, waren sich sympathisch, hielten über Facetime Kontakt.

Noch bevor Putin den Nachbarstaat angreifen ließ, stand das Angebot: „Bitte komm nach Deutschland.“ Joseph Mayowa Ajisegiri, der die ersten Nächte nach dem Einmarsch im Keller eines Nachbarhochhauses in Charkiw verbrachte, frierend Todesängste durchlitt („Es ist fürchterlich, wenn Du nicht weißt, ob du am nächsten Morgen noch lebst“), hätte – so wie er unter Tränen in einer seiner Videobotschaften den Ukrainern „Keep fighting“ zurief – zur Waffe greifen, sich wie viele Ukrainer verteidigen können.

Zwei Gründe sprachen dagegen, erklärt er. Zum einen der emotionale Appell seines Vaters daheim in Port Harcourt: „Du bist mein erstes Kind, meine Hoffnung, wenn du stirbst, dann auch unsere Familie.“ Der junge Mann, den seine Eltern mit 19 Jahren in die Ukraine schickten, 5000 Dollar Studiengebühren jährlich zahlten für eine Ausbildung, die sich einmal auszahlen soll, weiß, nachdem er sein Studium in Charkiw mittlerweile beendet hat, um seine Verantwortung.

Joseph sagt auch, dass sein Kampf nicht der mit Schusswaffen sei. Mit seinen Beiträgen im Web will er sich für die Ukraine und ein Volk im Überlebenskampf einsetzen. Der 27-Jährige hat noch einen guten Kontakt in die Ukraine, wird mit Bildern und Berichten von Freunden gefüttert, unter anderem dem bekannten Fotografen Pavel Dorogoy, der aus dem umkämpften Charkiw verstörende Bilder der Zerstörung und des Leids sendet.

Von ihm zugesandten Bildern, Clips und Material von TV-Stationen weiß Joseph Mayowa Ajisegiri, dass die Versorgungslage immer katastrophaler wird, sich Schlangen vor den wenigen Geschäften bilden, die noch ein paar Lebensmittel für den täglichen Bedarf vorrätig haben. Helfen will er, indem er auch in Deutschland mit seinem Youtube-Kanal für Aufmerksamkeit sorgt. 690 Abonnenten hat Joseph heute.

Gesucht wird nun eine kleine Wohnung in Remscheid

Einer seiner Follower ist Rico Klinger, 21 Jahre alt. Der Social-Media-Manager, der das Gründerzentrum zum Co-Worken nutzt, war über den bekannten US-Youtube-Kanal Yes Theory auf den schmächtigen Westafrikaner aufmerksam geworden, der aus der Ukraine seine Botschaften in die Welt absetzte.

Rico Klinger sucht nun für Joseph eine Bleibe. Praktischerweise eine kleine Wohnung in Remscheid, von der es der Flüchtling nicht so weit bis zum Gründerquartier hat.

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