Handel

Geöffnete Geschäfte sorgen für Ärger

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Voll war es zuletzt in Wermelskirchen am verkaufsoffenen Sonntag kurz vor dem Lockdown.
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Wermelskirchener Händler übt Kritik am Bestellsystem click & collect.

Von Anja Carolina Siebel

Wermelskirchen. Jörg Michels musste seinem Ärger am Wochenende mal Luft machen. Der Betreiber diverser Mode-, Brautmode- und Schmuckgeschäfte in Wermelskirchen findet, dass „irgendwas verkehrt“ läuft. „Als ich neulich morgens in mein Geschäft fuhr, um nach dem Rechten und der Post zu sehen, fiel mir auf, dass die Innenstadt so voll war wie schon lange nicht mehr“, sagt Michels in einem Video, das er bei Facebook veröffentlichte. „Zudem fiel mir auf“, erzählt er weiter, „dass viele Geschäfte trotz des Lockdowns weiter geöffnet haben. Sie haben Tische vor ihren Ladenlokalen stehen und der Verkauf geht weiter.“

Michels spricht von „Blumenläden, Buchläden und anderen Geschäften“. Bitter sei ihm auch aufgestoßen, dass es auf dem Wochenmarkt freitags fliegende Händler gebe, die Bekleidung verkaufen. Das sei ihm im Lockdown nicht möglich. Auf Nachfrage betont Michels: „Ich möchte niemanden anschwärzen oder ihm zu nahe treten, aber ich denke, dass durch solche Gesetzeslücken die Leute dennoch in die Innenstadt gelockt werden und dadurch der Andrang dann doch größer ist als gewollt. Das ist aber doch kontraproduktiv, wenn man sich die aktuellen Infektionszahlen anschaut.“

„Gesetzeslücke“ nennt sich click & collect

Dass es sich bei den Teil-Geschäftsöffnungen in der Tat um eine Art Gesetzeslücke handelt, bestätigt Ordnungsamtsleiter Arne Feldmann. Das System, nach dem jene Händler, die weiterhin Verkauf anbieten vorgehen, nennt sich click & collect. Heißt: Die Kunden bestellen die Ware im Internet oder telefonisch und holen sie dann vor Ort, vor der geöffneten Ladentür, ab.

„Das ist im Sinne der Coronaschutzverordnung und verstößt nicht gegen geltende Regeln im Lockdown“, unterstreicht Feldmann. Ordnungsamtsmitarbeiter Paul Engelbracht habe sich das System bei den Wermelskirchener Händlern nach der Beschwerde von Jörg Michels, die er auch beim Ordnungsamt vorgetragen hatte, bereits angeschaut und keine gesetzlichen Mängel entdecken können. „Sie holen ihr Essen derzeit auch beim Imbiss oder im Restaurant ab. Nichts anderes ist das“, sagt der Ordnungsamtsleiter. Was die fliegenden Händler mit Bekleidung auf dem Markt angeht, will das Amt künftig schon Grenzen setzen. „Ab dieser Woche nehmen wir zumindest keine Händler mit Bekleidung mehr auf, die tageweise in Wermelskirchen stehen wollen“, kündigt Feldmann an.

Vor allem die Buchhändler reagierten empfindlich auf die Beschwerden des Unternehmers. „Ich habe mich beim Ordnungsamt bereits erkundigt, bevor ich meine Markise ausgerollt und die Verlängerung für das Kartenlesegerät bestellt habe“, berichtet Buchhändlerin Gabi van Wahden auf Nachfrage. Sie räumt indes ein, dass sie den Unmut von Jörg Michels verstehen könne. „Aber das Bestell- und Abholgeschäft ist nun mal erlaubt. Und ich bin sicher, andere würden das auch nutzen, wenn sie denn könnten.“ Van Wahden betont, dass ausschließlich jene Kunden, die vorher Bücher bestellt hätten – entweder online oder per Telefon – diese am Geschäft abholen würden. Kontaktlos. Und ohne das Ladenlokal zu betreten.

Van Wahden ist noch nicht sicher, wie sie und ihr Team im Januar weiter verfahren. „Dann sind die Leute ja erstmal mit Büchern grundversorgt. Ob wir dann click & collect weiter anbieten, weiß ich noch nicht. Daran, dass wir nach dem 10. Januar wieder normal unser Geschäft öffnen können, glaube ich jedenfalls nicht.“

Ähnlich wie Gabi van Wahden sieht das Barbara Busch, Teamleiterin der Buchhandlung Marabu. „Ich verstehe den Ärger von Herrn Michels nicht“, sagt die Buchhändlerin. „Was ist daran auszusetzen, wenn die Leute beim Metzger nebenan ihre Wurst abholen und bei uns dann ein Buch?“ Zudem, darauf weist Barbara Busch ausdrücklich hin, habe es doch noch vor wenigen Wochen einen Aufruf vom Marketingverein WiW gegeben, dass die Menschen beim örtlichen Handel kaufen sollen. „Dann müssen sie uns auch die Möglichkeit lassen.“ 

Bestellsystem

Zulässig im Bundesland Nordrhein-Westfalen ist der Versandhandel und die Auslieferung bestellter Waren; die Abholung durch Kunden ist aber nur zulässig, wenn sie unter Beachtung von Schutzmaßnahmen vor Infektionen kontaktfrei erfolgen kann. Dafür haben die betreffenden Händler in Wermelskirchen gesorgt, das bestätigt das Ordnungsamt. So gelten auch beim Abholen die Abstandsregeln.

Standpunkt

anja.siebel@rga-online.de

Ein Kommentar von Anja Carolina Siebel

So ist das im Leben: Des einen Freud ist des anderen Leid. Das ist besonders in diesen Pandemie-Zeiten deutlich spürbar. Verständlich einerseits, dass sich Unternehmer Jörg Michels darüber echauffiert, dass einige seiner Händler-Kollegen die Möglichkeit des Bestell- und Abholservices rege nutzen. Immerhin sorgt das für etwas Leben in der Stadt, was eigentlich derzeit nicht gewollt ist. Und immerhin kann er als Textilunternehmer diese Möglichkeit eher nicht nutzen. Muss sich andere Wege suchen, um seine Ware an Mann und Frau zu bringen. Andererseits sind aber auch die Einzelhändler zu verstehen, die diese Chance nutzen. Fakt ist: Sie tun nach dem geltenden Gesetz nichts Unrechtes. Nichts anderes eben als Imbisse, Gastronomiebetriebe und einige Lebensmittelgeschäfte derzeit auch. 

Menschen bestellen etwas im Internet und telefonisch und holen es dann ab. Ob auf dem Markt indes wirklich Bekleidungshändler stehen und ihre Ware verkaufen müssen, ist in der Tat fraglich. Aber so ist das eben zurzeit: Niemand kann es jedem recht machen. Und irgendwie wollen alle mit ihrem Geschäftsmodell überleben. Wer kann es ihnen verdenken? 

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