Corona-Schließung

Gastronomin: „Ich bin jetzt am Limit“

Angela Borchert hätte sich pragmatischere Lösungen von der Politik gewünscht. Foto:
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Angela Borchert hätte sich pragmatischere Lösungen von der Politik gewünscht.
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Angela Borchert eröffnete das Café Tilley erst im Juli. Ob sie weitermacht, steht in den Sternen.

Von Anja Carolina Siebel

Wermelskirchen. Angela Borchert ist ein realistischer Mensch. Und als solcher weiß die Unternehmerin: „Geht der Lockdown bis April oder Mai, werden wir das nicht mehr durchziehen können.“ Eine bittere Erkenntnis, die in der Gastronomin, die erst im Juli ihr vegan-vegetarisches Café Tilley an der Thomas-Mann-Straße eröffnete, langsam reift.

Angela Borchert ist bitter enttäuscht. „Es geht ja gar nicht darum, dass da ein Virus ist, was uns alle überrannt hat“, sagt sie. „Es geht viel mehr darum, wie die Politik mit uns umgegangen ist.“ Angela Borchert hält nichts von Anti-Corona-Märchen und Querdenkertum. Aber sie hätte sich pragmatischere Lösungen gewünscht. „Zum Beispiel eine kurzzeitige, knallharte Schließung der Grenzen, nachdem klar wurde, dass sich in gewissen Ländern Mutationen ausbreiten“, sagt sie.

Und: „Ich verstehe auch nicht, warum die Friseure öffnen, denen ich das zwar gönne, aber warum können dann nicht auch der Handel und die Gastronomie öffnen; wir arbeiten nicht annähernd so körpernah und haben gute Hygienekonzepte.“

Seit November sind Angela Borcherts Mitarbeiter, drei Festangestellte und drei Teilzeitkräfte in hundertprozentiger Kurzarbeit. Die November- und Dezemberhilfen seien zwar inzwischen bei ihr angekommen, aber schleppend. „Ich habe vieles mit meinem Privatvermögen finanziert“, sagt sie, „mein Geschäftskonto ist bis zum Anschlag überzogen.“ Die täglichen Sorgen um ihren Lebenstraum, das gemütliche Café, in dem sie selber Gerichte kreiert und zubereitet, hat sie auch bereits gesundheitlich mitgenommen. Mit einer hartnäckigen Gastritis und massiven Rückenschmerzen plagt sie sich seit Wochen herum.

Zu Anfang des Lockdowns, in der Vorweihnachtszeit, hatte Team des Café Tilley noch einen Abholservice angeboten. Angela Borchert: „Das lohnte sich aber für uns überhaupt nicht. Irgendwie möchten unsere Gäste wohl lieber bedient und vor Ort verwöhnt werden.“ Noch immer hofft die Jungunternehmerin indes, dass sich doch noch alles zum Guten wendet: „Ideen“, sagt Angela Borchert, „haben wir mehr als genug, sobald es wieder möglich ist.“

Gewerkschaft weist auf die dramatische Situation hin

Angela Borchert ist eine von vielen Gastronomen, die sich derzeit stark um ihre Existenz sorgen. Angesichts weiterhin geschlossener Restaurants, Cafés und Hotels im Rheinisch-Bergischen Kreis macht deshalb die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) auf die wachsende Notlage der Beschäftigten aufmerksam – und forderte jetzt die Einführung eines Mindest-Kurzarbeitergeldes von 1200 Euro im Monat.

Die NGG geht davon aus, dass die Kurzarbeit aktuell erneut die Ausmaße des Lockdowns vom Frühjahr vergangenen Jahres angenommen hat. Damals hatten 252 gastgewerbliche Betriebe im Rheinisch-Bergischen Kreis Kurzarbeit angemeldet – das sind 64 Prozent aller Betriebe der Branche im Kreis.

„Im Unterschied zu anderen Branchen dauert der derzeitige Lockdown für die Gastronomie und Hotellerie immerhin schon seit Anfang November“, sagt Manja Wiesner, Geschäftsführerin der NGG-Region Köln. Die Beschäftigten wüsten nicht mehr, wie sie noch ihre Miete bezahlen sollen. Wegen ohnehin niedriger Löhne und fehlender Trinkgelder spitze sich die Lage der Beschäftigten auch im Rheinisch-Bergischen Kreis dramatisch zu. Ohne schnelle und unbürokratische Hilfe würden „massive existenzielle Probleme“ drohen. Mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hatte die NGG deshalb Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Koalitionsspitzen in einem offenen Brief aufgefordert, ein branchenübergreifendes Mindest-Kurzarbeitergeld in Höhe von 1200 Euro pro Monat einzuführen. | Standpunkt

Café Tilley

Mitte Juli 2020 hatte Angela Borchert das Café Tilley an der Thomas-Mann-Straße erst eröffnet – mit großen Hoffnungen, denn sie erfüllte sich damit einen Lebenstraum. 52 Plätze gibt es im Innenbereich, 20 draußen. Wegen der Abstandsregeln war der Innenraum bisher noch auf 40 Plätze reduziert. Es gibt kleine, gemütliche Lounge-Ecken, eine große Theke und selbstgefertigte Gerichte.

Standpunkt: Folgen können fatal sein

Von Anja Carolina Siebel

anja.siebel @rga-online.de

Die Stimmung in den Sozialen Netzwerken, aber auch bei Gesprächen auf der Straße und im Bekanntenkreis, spiegelt wohl annähernd wider: Es rumort gewaltig in der Gesellschaft. Vor allem jene, die sich und teilweise Familien mit einem eigenen Unternehmen ernähren, das bereits seit Monaten vom Lockdown betroffen ist, haben zu kämpfen. Und bringen ihren Unmut auch immer öfter öffentlich vor. Die meisten haben Verständnis für die prekäre Situation, in der auch die Politiker immer wieder Entscheidungen treffen müssen.

Allmählich schwindet indes das Verständnis für die Entscheidungen oder Nicht-Entscheidungen, die in Berlin und auf Länderebene getroffen werden. Denn immerhin haben viele der Kleinunternehmer bis heute nichts oder nur einen Bruchteil der finanziellen Hilfen gesehen, müssen in dieser Situation aber trotzdem ihre Mitarbeiter und die laufenden Kosten bezahlen. Dauert der jetzige Zustand länger an, wird das fatale Konsequenzen haben. Während die Akzeptanz in der Bevölkerung für die Maßnahmen zunehmend schwindet, werden immer mehr Gastronomen und Händler das Handtuch werfen.

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