„Fälle von Kinderpornografie sind bizarr“

Birgit Köppe-Gaisendrees (62) leitet die Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land.Foto:Roland Keusch
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Birgit Köppe-Gaisendrees (62) leitet die Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land.Foto:Roland Keusch

Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz spricht über Wuppertaler Fall und die Aufgaben der Gesellschaft

Das Gespräch führte Melissa Wienzek

Frau Köppe-Gaisendrees, Bergisch Gladbach, Lügde und letzte Woche Wuppertal: Zuletzt sind viele Fälle von Kinderpornografie ans Licht gekommen. Wird heute mehr ermittelt als früher?

Birgit Köppe-Gaisendrees: Wir merken schon deutlich die Auswirkungen, dass sich durch die großen Kinderpornofälle in der Justiz viel getan hat. Die Kripo fährt jetzt schneller zu Hausdurchsuchungen, das ist deutlich spürbar. Das Personal bei den Ermittlungsbehörden wurde aufgestockt. Man hofft ja immer, dass sie nicht noch mehr finden. Aber sie graben immer mehr aus, das finde ich so erschreckend. Der Bedarf ist so groß, dass man auch diese Personalstärke braucht – leider, muss man ja sagen. Bei dem Wuppertaler Fall von Kinderpornografie gehen die Ermittler davon aus, dass noch 100 weitere Leute darin verstrickt sind. Zudem soll der Beschuldigte offenbar ganz viel kinderpornografisches Material mit ganz kleinen Kindern besessen haben. Ich glaube, die Ältesten sind 2018 geboren.

Wie betrifft Sie diese Fälle als Ärztliche Kinderschutzambulanz? Behandeln Sie die Opfer?

Köppe-Gaisendrees: Ja, klar. Wir haben Kinder aus diesen großen Pornofällen hier. Wir haben aber auch insofern mit dem Thema zu tun, als dass sich die Frage nach der Gefährdung eigener Kinder stellt. Also: Es gibt eine Hausdurchsuchung, bei der kinderpornografisches Material gefunden wurde, bei dem Beschuldigten handelt es sich um einen Familienvater und man weiß, es gibt weitere Kindern in dem Haushalt. Dann sichert die Kripo das Material. Manchmal wird Material von den eigenen Kindern gefunden, manchmal nicht. Hier geht es immer um die Frage: Sind die eigenen Kinder gefährdet? Was haben sie mitbekommen? Und ist das gefundene Material wirklich alles? Die Fälle sind durchaus bizarr. Da gibt es plötzlich Arbeitszimmer im Haus, von denen die Eltern sagen, dass die Kinder dieses nie betreten durften. Das weckt natürlich eine Neugier bei Kindern – und es stellt sich in der Praxis dann häufig raus, dass die Kinder eben doch etwas gesehen haben: Videos, Bilder, sexuelle Handlungen. Das macht etwas mit Kindern. Wenn wir hier in den Gesprächen mitbekommen, dass es einen Verdacht gibt, melden wir diesen sofort an die Kripo.

Hat Corona extreme Fälle von Missbrauch oder Misshandlung noch verstärkt?

Köppe-Gaisendrees: Das ist immer eine schwierige Frage. Die Statistiken dazu sind nicht valide. Ich finde, dass wir in den fast zwei Jahren Corona ganz viel mit Kindern und auch wirklich kleinen Kindern zu tun hatten, die sehr schwere Misshandlungen erlebt haben. Wir können natürlich nicht sagen, dass dies auf Corona zurückzuführen ist. Was sexuelle Handlungen betrifft, haben wir eine deutliche Zunahme an diesen Fällen, also dem Konsum von Kinderpornos, aber auch sexuellen Handlungen unter Geschwistern. Das ist hier ein großes Thema geworden. Jetzt kann man natürlich spekulieren: In der Zeit, in der Beschäftigungen wegfallen, Familien nicht rausgehen und auf engem Raum auf sich allein gestellt sind, muss man davon ausgehen, dass auch Medien eine große Rolle spielen. Ich denke, dass die Gefahr für Impulsdurchbrüche steigt – wenn zum Beispiel der Säugling brüllt und die beiden anderen Kinder auch etwas wollen. Wir hatten gerade noch einen Fall von einer Mutter, die das Schreien des Säuglings nicht mehr ertragen konnte und den Säugling dann ignoriert hat, weil sie überfordert war.

Was muss in Ihren Augen noch getan werden, um Kinder besser zu schützen?

Köppe-Gaisendrees: Mehr Fortbildungen von den Menschen, die mit Kindern arbeiten: Schulen, Kitas, Jugendämtern. Hier gibt es noch viel Unsicherheit. Das Thema praxisorientierte Fortbildung ist längst noch nicht ausreichend umgesetzt, genauso wie das Thema einer regelmäßigen Supervision. Oft wird hier auch zu wirtschaftlich gedacht. Nachdem Minister Peter Biesenbach hier war, hat es zwei Fortbildungen für die Justizakademie gegeben mit Richtern, Verfahrenspflegern und Jugendämtern zum Thema Kindeswohlgefährdung.

Was kann jeder Einzelne von uns tun, um Kinder noch mehr zu schützen?

Köppe-Gaisendrees: Nicht wegsehen – denn das signalisiert Kindern: Da guckt jemand hin. Die meisten Menschen finden zum Beispiel körperliche Züchtigungen in der Öffentlichkeit zwar schlimm, intervenieren aber nicht. Nachbarn, die sich um Kinder sorgen, sollten sich Beratung einholen. Dies ist auch anonym möglich.

Hintergrund

Die Ärztliche Kinderschutzambulanz Bergisch Land am Sana-Klinikum in Remscheid ist eine Fachstelle mit einem multiprofessionellen Team für Kinder und Jugendliche, die von körperlicher Misshandlung, Vernachlässigung und/oder sexueller Gewalt betroffen sind. Sie ist auf Spenden angewiesen.

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