Hochemotionales Thema

Experte: Kann der Wolf auch im Bergischen heimisch werden?

Vor Kurzem wurde ein Wolf in einem Wald nahe Odenthal ausfindig gemacht. Foto: Swen Pförtner/dpa
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Vor Kurzem wurde ein Wolf in einem Wald nahe Odenthal ausfindig gemacht.

Wilfried Knickmeier ist der Wolfsberater des Kreises und weiß einiges zu berichten. Zum Beispiel: Was tun bei einer - sehr unwahrscheinlichen - Begegnung mit einem Wolf?

Von Peter Klohs

Wermelskirchen. Beinahe 100 Jahre lang war der Wolf aus Deutschland verschwunden. Nach jahrhundertelanger Verfolgung galt er hierzulande als ausgerottet. Zum Anfang der 2000er Jahre breitete er sich – zumeist von Westpolen kommend – ohne menschliches Zutun wieder aus. Das erste Rudel wurde in der sächsischen Oberlausitz nachgewiesen.

Und: Erst vor kurzer Zeit konnte die Existenz eines Wolfes im Königsforster Wald bei Odenthal bestätigt werden. Von dort in das Bergische Land, also auch nach Burscheid oder Wermelskirchen, ist es nicht allzu weit. In Hückeswagen wurde vor Monaten nachgewiesenermaßen ein Schaf von einem Wolf gerissen. Kann der Wolf auch im Bergischen heimisch werden?

Der Wolfsberater des Rheinisch-Bergischen Kreises, Wilfried Knickmeier, weiß dazu Einiges zu erzählen. Kenntnisreich berichtet er über die Tiere und deren Sozialverhalten, über Schutz- und Vorsichtsmaßnahmen, über Populationszahlen.

„Meine Aufgabe als Wolfsberater ist es, die Grundlagen für einen Beweis zu schaffen, dass sich ein Wolf in einem bestimmten Gebiet aufhält“, sagt er. „Ein solcher Beweis lässt sich zumeist über genetische Informationen beschaffen: über die Losung der Tiere oder über den Urin. Dazu ist eine gute Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) in NRW nötig.“

Als Mitarbeiter im Veterinäramt hat Knickmeier auch oft mit Ziegen- oder Schafhaltern wie Berufsschäfern zu tun, kennt auch deren Sorgen und Nöte bestens. Nach einem vierwöchigen, intensiven Lehrgang wurde er zum Wolfsberater. „Ein ganz wichtiger und oft unterschätzter Aspekt meiner Arbeit“, sagt Knickmeier, „ist die Kommunikation mit den unterschiedlichen Interessensgruppen. Der Wolf ist ein hochemotionales Thema.“ So war es auch, als in Engelskirchen ein Wolf in eine Fotofalle tappte.

Zwei Wölfspaare könnten sich hier ansiedeln - jedenfalls wenn es um die Größe des Reviers geht

Ein erwachsener Wolf, wie er im Königsforst nun nachgewiesen wurde, versucht in der Regel, in einem festen Revier zu leben, das eine Größe von 200 Quadratkilometer haben soll. „Der gesamte Rheinisch-Bergische Kreis ist 400 Quadratkilometer groß“, weiß der Wolfsberater.

„Zwei Wolfspärchen können sich hier ansiedeln. Es gibt aber auch so genannte Wanderwölfe, die nicht sesshaft durch die Natur ziehen.“ Ansonsten ist das Wolfsaufkommen in Deutschland sehr gut belegt. „Beim 2020 in Odenthal nachgewiesenen Wolf war schnell klar, dass er nicht aus dem östlichen Europa, sondern aus dem Alpenraum zugewandert war“, berichtet Knickmeier.

Begegnung mit Wolf: Nicht weglaufen, nicht füttern - langsam zurückziehen und Augenkontakt vermeiden

Ist der Wolf für Menschen gefährlich? „In der Regel nicht“, antwortet der Wolfsexperte, „weil der Wolf den Menschen nicht als Beute ansieht.“ Zwei Dinge dürfe man als Mensch, der einem Wolf gegenüber steht, aber nicht machen: weglaufen und füttern. Beides sei absolut nicht ratsam.

Sich langsam und möglichst ohne Augenkontakt von dem Tier zurückziehen, ist eine gute Strategie, um mögliche Probleme zu vermeiden.

Schwieriger könne es sein, wenn man einen Hund mit sich führe. Knickmeier: „Manche Wölfe erkennen, dass der Hund zum Menschen gehört, aber das darf man nicht voraussetzen. Den Hund angeleint halten und dicht bei sich führen, das hat sich bewährt. Und man hat, seitdem es wieder Wölfe in Deutschland gibt, keinen einzigen Fall dokumentiert, in dem ein Wolf und ein Mensch aneinandergeraten sind. Die Möglichkeit ist sehr gering. Aber 100 Prozent gibt es in der Natur nicht.“

Demgegenüber haben Schaf- und Ziegenhalter größere Probleme zu bewältigen. „Die Haltung muss verändert werden“, weiß Knickmeier.

„Wenn durch den Wolf geschädigte Halter nachweisen können, dass innerhalb der letzten sechs Monate ein Wolf ihre Tiere gerissen hat, dann werden von der Bezirksregierung sichere Stromzäune mit Untergrabschutz finanziert, die durch den Stromschlag, den der Wolf erleidet, dafür sorgen, dass das Tier lernt: Ein Reh zu jagen ist nicht so schmerzvoll wie ein Schaf zu reißen.“ Und es zeigt sich, – so Knickmeier – dass der Wolf darauf reagiert. | Standpunkt

Wolf im Rheinisch-Bergischen Kreis: Kontakt zum Wolfsberater

Die größten Wolfspopulationen in Deutschland sind in Sachsen, Brandenburg und Niedersachsen dokumentiert. In Deutschland gibt es zur Zeit 130 Wolfsrudel mit sechs bis zehn Tieren, zwischen 30 und 40 Wolfspaare und einige sesshafte Einzeltiere.

Der rheinisch-bergische Wolfsberater Wilfried Knickmeier steht immer zur Verfügung, wenn ein Verdacht auf ein Wolfsvorkommen besteht: wilfried.knickmeier@rbk-online.de

Standpunkt: Ins Gespräch kommen

Kommentar von Anja Carolina Siebel

anja.siebel@rga.de

Insekten- und Fichtensterben, massive Unwetterereignisse und mitunter unangenehme Hitze- und Dürreperioden: Die Natur scheint ihr Unwohlsein in dieser Zeit offenkundig machen zu wollen. Umso erfreulicher ist es da doch eigentlich, wenn ein längst ausgestorben geglaubtes Tier wieder Einzug in deutschen Wäldern hält: der Wolf.

Das finden zumindest die Naturschützer, unter anderem des NABU. Der Wolf müsse wieder Teil des Ökosystems werden, sagen sie. Er sei ein bedeutendes Glied der Nahrungskette. Als großer Beutegreifer fresse er Rehe, Wildschweine und Hirsche. Und: Er jage bevorzugt alte und kranke Tiere. Der Jäger könne den Wolf nicht als Regulator im Ökosystem ersetzen.

Landwirte beispielsweise sehen das sehr anders. Noch vor kurzen machte Ortsbauer Torsten Mühlinghaus seinem Ärger über die teilweise Rückkehr der Wölfe und die darüber herrschende Euphorie der Naturschützer Luft. Wölfe, so die Landwirte, würden Kuh- und Schafbestände gefährden.

Es hilft wohl nur, dass beide Seiten miteinander ins Gespräch kommen. Möglicherweise über einen Experten wie Wilfried Knickmeier.

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