Interview

Existenznöte in verschiedenen Branchen

Marcus Otto ist Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bergisches Land.
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Marcus Otto ist Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bergisches Land.

Marcus Otto, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, über aktuelle Probleme – und Lösungen

Von Wolfgang Weitzdörfer

Herr Otto, wie kommentiert die Kreishandwerkerschaft die Gasumlage?

Marcus Otto: Ob das Thema Gasumlage wirklich der zentrale Kostentreiber beim Gas ist, lässt sich noch nicht abschließend sagen, da diese Umlage ja nur ein Teil des Preispaketes ist. Fest steht aber, dass die Gaspreise insgesamt gestiegen sind – und zwar bis zum Fünffachen des vorherigen Wertes. Wie Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck mit diesem Thema insgesamt umgehen wird, bleibt abzuwarten.

Welche Gewerke sind hiervon besonders betroffen und warum?

Otto: Das sind vor allem Gewerke, die Gas im Prozess bei der Herstellung von Waren benötigen. Im Bäckerhandwerk etwa arbeiten 60 bis 70 Prozent der Betriebe mit Gasbacköfen. Aber auch 55 Prozent der handwerklichen Fleischereien nutzen Gas, überwiegend zur Warmwasserbereitung oder zum Betreiben von Koch- und Rauchanlagen. Ein Beispiel: Der Fleischer kann nicht sagen, dass er die Wurst anstatt bei 100 Grad bei 80 oder 50 Grad herstellt. Im Übrigen gilt das Ganze auch für das Thema Strom – dieser ist ebenfalls vergleichbar teurer geworden.

Sehen Sie hier eine konkrete Gefahr der Existenznot einzelner Betriebe?

Otto:Ja, die sehe ich, da die einzelnen Betriebe die Kosten, die dadurch entstehen, nur in Maßen oder gar nicht an den Kunden weitergeben können. Ein Produkt, das sich durch den kalkulatorischen Preis verteuert, wird von Kunden dann natürlich weniger nachgefragt. Das sind marktwirtschaftliche Prozesse: Man muss bei steigenden Kosten Gewinne erwirtschaften oder zumindest kostendeckend sein. Dies wird zunehmend schwieriger und viele Aufträge sind nur noch als Minusgeschäft durchzuführen. Das kann auf Dauer kein Betrieb aushalten. Schon heute verzeichnen manche handwerklichen Bäckereien eine Ausweichreaktion einiger Kunden, die wegen der Inflation und persönlicher finanzieller Unsicherheiten zu den Discounter-Märkten wechseln oder bereits heute weniger in der Bäckerei kaufen.

Wie kann man als einzelner Betrieb entgegenwirken?

Otto: Zum Beispiel durch Gassubstitution. Damit ist der Umstieg auf Flüssiggas oder Öl gemeint, die beide momentan noch nicht so teuer sind. Oder durch Anpassung der Arbeitsschichten oder der Öffnungszeiten. Die Möglichkeiten sind dabei aber begrenzt. Wir dürfen nicht vergessen, dass Handwerksunternehmen zwar Energieverbraucher sind, einige Gewerke aber auch Erbringer energierelevanter Dienstleistungen.

Was muss die Politik hier leisten?

Otto: Die Politik muss einen Weg weisen und auch stringent vorangehen – kurz-, mittel- und langfristig: Was kann kurzfristig getan werden, damit wir die benötigte Energie bekommen und diese auch bezahlbar bleibt? Dann muss die Politik mittelfristig – also für 2025 oder 2026 - planen: Braucht es dann noch Gas aus Russland oder was kann diese Energieform ersetzen? Und langfristig müssen Antworten gefunden werden, wie genau das mit dem ökologischen Windenergieausbau und mit der Sonnenenergie gestemmt werden kann.

Wie groß sind allgemein die Sorgen in Bezug auf die Energieversorgung – Strom wird auch immer teurer!

Otto: Wie schon gesagt, ist die Sorge groß, weil die Preisentwicklung nicht klar ist. Auf den Märkten schrauben sich die Preise gerade nach oben.

Auf der anderen Seite sollen Handwerksbetriebe die „Wärmepumpen-Revolution“ vorantreiben. Wie kann das beim aktuellen Rohstoffmangel gehen?

Otto: Das Nadelöhr ist nicht der Rohstoff, sondern das Thema Fachkräfte. Beim Einbau von zum Beispiel Wärmepumpen handelt es sich um sogenannte „gefahrgeneigte Tätigkeiten“, die nur von Fachkräften ausgeführt werden dürfen – und eben solche Fachkräfte fehlen. Aus meiner Sicht muss es dringend zu einem schnellen Umdenken beim Thema Fachkräfte kommen. Wir als Gesellschaft müssen die duale Ausbildung im Handwerk wieder mehr wertschätzen.

Wie realistisch sind hier die Ziele der Bundesregierung?

Otto: Wir haben da eine Schieflage, vor allem beim Thema Energiekosten. Es kann nicht sein, dass man sich nur daran ausrichtet, ob ein Unternehmen international orientiert ist und im internationalen Wettbewerb steht. Entscheidend muss doch einzig und allein der Energiebedarf und damit die Energiekostenbelastung sein, die hier in Deutschland die Geschäftstätigkeit belastet. Ein passendes Entlastungsprogramm für Handwerksbetriebe ist nötig, das dann auch umgesetzt wird. Seitens der Bundesregierung liegen zahlreiche Vorschläge vor. Die Frage ist aber, ob diese eben auch umgesetzt werden und dann auch konkret helfen können.

Welche Rolle spielt in dieser Gemengelage der Fachkräftemangel?

Otto: Wie bereits erläutert spielt der Fachkräftemangel eine ganz zentrale Rolle. Und um diesen zu beheben, müssen ganz konkrete Schritte gegangen werden – je schneller, desto besser, weil der Mangel sonst immer weiter zunimmt.

Hand aufs Herz: Können wir all diese Herausforderungen stemmen?

Otto:Wirtschaftlich wird das eine sehr große Herausforderung. Aber als Solidargemeinschaft sollten wir uns auf unsere Kernkompetenzen fokussieren. Es braucht eine klare politische Führung, einen Plan, der stringent verfolgt und realisiert wird. Dann können wir das gemeinsam stemmen.

Hintergrund

Ansprechpartner:Die Kreishandwerkerschaft Bergisches Land ist zuständig für die 50 000 Handwerker in den Kreisen Oberberg und Rhein-Berg sowie in der Stadt Leverkusen. Die Handwerker sind in 13 Innungen organisiert.

Kontakt:Die Kreishandwerkerschaft Bergisches Land sitzt an der Altenberger-Dom-Straße 200, 51467 Bergisch Gladbach und ist zu erreichen unter Tel. (0 22 02) 9 35 90 oder per Mail:

info@handwerk-direkt.de

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