Interview

Es gibt ganze Nichtschwimmer-Jahrgänge

Daniela Schuh (l.) und Kerstin Feldges am Schulungszentrum der DLRG in der Grundschule an der Jörgensgasse. Sie machen auf die vielen Probleme aufmerksam, die die Schwimmausbildung bedrohen – das kann dramatische Konsequenzen haben.
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Daniela Schuh (l.) und Kerstin Feldges am Schulungszentrum der DLRG in der Grundschule an der Jörgensgasse. Sie machen auf die vielen Probleme aufmerksam, die die Schwimmausbildung bedrohen – das kann dramatische Konsequenzen haben.

Wermelskirchen. Daniela Schuh und Kerstin Feldges von der DLRG im Interview – Sie sorgen sich um den Nachwuchs.

Von Wolfgang Weitzdörfer

Wie sehr hat Corona der Schwimmausbildung in Wermelskirchen geschadet?

Kerstin Feldges: Corona hat uns sehr geschadet, da wir lange Zeit gar keine Schwimmausbildung anbieten konnten – und auch der Rückstau, der sich dadurch bei den Kindern gebildet hat, noch nicht abgearbeitet werden konnte. Wir haben begrenzte Wasser- und Ausbildungszeiten, daher geht es einfach nicht schneller.

Daniela Schuh: Viele Eltern denken, dass wir das jetzt schnell aufarbeiten können. Aber nicht nur die Zahl der Neuanfänger ist gewachsen, auch viele derjenigen, die zu Beginn der Pandemie kurz vor dem Seepferdchen standen, mussten jetzt wieder komplett von vorne anfangen – weil sie in zwei Jahren fast alles wieder vergessen hatten. Wir konnten im vergangenen Jahr auch während der Ferien ins Hallenbad gehen, was wir sonst nicht machen. Da konnten wir ein wenig aufholen – aber es ist immer noch desaströs.

Gibt es tatsächlich Nichtschwimmer-Jahrgänge?

Schuh: Ich habe Rückmeldungen aus den Grundschulen bekommen – demnach sind dort 80 Prozent der Kinder noch Nichtschwimmer. Also kann man das durchaus so sagen, ja.

Feldges: Ich biete schon im zweiten Jahr einen Kursus für Kinder an, die jetzt in die fünfte Klasse der Gesamtschule kommen – weil sie noch nicht schwimmen können. Und ein Grund ist hier sicherlich der Ausfall der Kurse wegen Corona. Ein weiterer Kursus richtet sich an dieser Gesamtschule an Kinder der Klassen fünf bis acht, die immer wieder durchs Raster gefallen sind und jetzt endlich schwimmen lernen.

Die Kapazitäten waren schon vor Corona knapp – gibt es jetzt lange Wartelisten?

Schuh: Aktuell stehen bei uns 70 Kinder auf der Warteliste. Davon sind sehr viele zwischen sieben und zehn Jahren alt – also diejenigen, die in den vergangenen zwei Jahren eigentlich dran gewesen wären.

Welche Alternativen gibt es für den Fall, dass das Hallenbad im Herbst oder Winter schließen müsste, um Energie zu sparen?

Schuh: In den Nachbarstädten sieht es auch nicht besser aus – Leichlingen ist durch die Flut im Vorjahr stark in Mitleidenschaft gezogen worden, Hückeswagen ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Radevormwald wird im kommenden Jahr repariert und ist dann geschlossen. Und Remscheid, Burscheid und Bergisch Gladbach sind an ihren Kapazitätsgrenzen.

Gibt es denn genügend Ausbilderinnen und Ausbilder?

Schuh: Auch das ist ein Thema, das nicht ganz einfach ist. Wir können immer mehr Hilfe brauchen, auch wenn wir im Anfängerbereich relativ gut aufgestellt sind – wenn alle Helferinnen und Helfer da sind. Es muss eben immer jemand mit dem Ausbilderschein vor Ort sein, sonst können wir den Kursus nicht anbieten. Aber wir können immer weitere Helferinnen und Helfer brauchen.

In welchem Alter kommen Kinder zum Schwimmkurs?

Schuh: Im Normalfall kommen die Kinder ab fünf Jahren zu uns. Dann ist die Motorik gut genug ausgeprägt, um die Bewegungsabläufe beim Schwimmen vernünftig hinzubekommen.

Wie bringt man Kindern das Schwimmen bei?

Schuh:Das Wichtigste ist tatsächlich die Wassergewöhnung. Dabei lernen die Kinder, sich im Wasser zurechtzufinden, schon mal den Kopf unter Wasser zu haben, ohne in Panik zu geraten oder sich nicht mehr zurechtzufinden. Die Schwimmbewegungen an sich sind meist schnell gelernt – was richtig lange dauert, ist die Gewöhnung an das Element Wasser, das Ablegen der Scheu davor.

Feldges: Wir transferieren Spiele, die die Kinder von draußen kennen, gerne ins Wasser. Das funktioniert sehr gut. Ein Spiel ist etwa die „Waschstraße“ – das Kind geht an Sprühpistolen oder Bürsten vorbei. Das kann man problemlos auch ins Wasser verlegen. Oder wir lassen uns Geschichten einfallen, die kindgerecht sind.

Gibt es auch Kinder, die es nicht lernen können?

Schuh: Bislang habe ich das tatsächlich noch nicht gehabt. Wir haben auch Kinder mit kognitiven oder körperlichen Beeinträchtigungen – und auch die haben auf ihre Weise das Schwimmen gelernt. Das ist dann nicht nach Lehrbuch und kann mehrere Jahre dauern. Aber es geht, bislang hat in meinen Kursen noch jeder schwimmen gelernt. Das Kind, bei dem es am längsten gedauert hat, war dreieinhalb Jahre dabei. Man darf die Geduld nicht verlieren.

Feldges: Wir haben sechs Menschen mit Down-Syndrom, die regelmäßig dabei sind und jetzt fragen, wann sie denn den Rettungsschwimmer machen können. Das dauert sicherlich alles länger, aber jeder kann auf seine oder ihre Art schwimmen lernen.

Jeder Mensch sollte mit Wasser zumindest umgehen können.

Daniela Schuh

Warum sollten alle Kinder schwimmen können?

Schuh: Die meisten Menschen haben nicht auf der Agenda, dass man selbst im kleinen Kinderplanschbecken im Garten ertrinken kann. Deswegen kann und sollte jeder Mensch mit Wasser zumindest umgehen können. Und das ist das, worauf wir bei der Ausbildung großen Wert legen – dass man weiß, wie man sich im Wasser verhalten soll. Außerdem ist nach wie vor kaum bekannt, dass Ertrinken sehr leise passiert. Solange gejohlt und getobt wird, ist alles in Ordnung. Wenn es plötzlich still wird, sollte man schnell nachsehen.

Feldges:Wichtig ist auch, dass man sich eines bewusst macht: Das Seepferdchen ist nur ein Motivationsabzeichen. Als sicherer Schwimmer gilt man erst mit dem Bronze-Abzeichen. Weil nur dann man nachgewiesen hat, dass man 15 Minuten am Stück im Kreis schwimmen kann, ohne sich festzuhalten. Viele Eltern sind der Ansicht, dass das Seepferdchen der Nachweis dafür ist, dass die Kinder schwimmen können. Aber das sagt nur aus, dass man eine Bahn von 25 Metern sich über Wasser halten kann, mehr nicht.

Generieren Sie durch die Kurse Nachwuchs?

Feldges:Ja, alle unsere Juniorassistenten haben bei uns selber Schwimmen gelernt. Einige fragen von sich aus, ob sie mitarbeiten können oder wir sprechen sie an, ob sie mitarbeiten möchten. Alle unsere Assistenten beginnen mit der Ausbildung bei uns im Lehrschwimmbecken, dort lernen sie, dass man zuerst mit der Wassergewöhnung und dann mit der Wasserbewältigung anfängt.

Trainingszeit

Die DLRG bietet ab dem 15. August wieder Schwimmkurse im Hallenbad an. Fleißige Schwimmerinnen und Schwimmer ab zehn Jahre, die das Goldabzeichen haben, können im Freibad Dabringhausen auch in den Sommerferien trainieren – immer Montag- und Freitagabend von 19.30 bis 21 Uhr.

wermelskirchen.dlrg.de

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