„Erst mal mit dem arbeiten, was wir haben“

Harald Weyel fällt immer wieder durch seine Sprache auf. Bei Wahlkampfreden fragte er in der Vergangenheit manchmal „Wollt ihr die totale Migration?“ Foto: Weyel
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Harald Weyel fällt immer wieder durch seine Sprache auf. Bei Wahlkampfreden fragte er in der Vergangenheit manchmal „Wollt ihr die totale Migration?“

Seit 2017 sitzt Harald Weyel für die AfD im Bundestag – Jetzt bewirbt sich der 61-Jährige sich für das Direktmandat

Von Marei Vittinghoff

„Der kantige Nationalkosmopolit“ – so bezeichnet sich Harald Weyel, 61 Jahre alt, wohnhaft in Bergisch Gladbach und Direktkandidat für die AfD im Rheinisch-Bergischen Kreis, selbst. Der ehemalige Hochschulprofessor ist seit 2017 Mitglied des Bundestags. Weyel, damals noch weitgehend unbekannt, kandidierte bei der vergangenen Wahl für die Landesliste der AfD, rückte mit dem Listenplatz drei ins Parlament ein und das, so formuliert er es selbst, gegen den Widerstand der Parteispitze.

Der Widerstand – er sei auch jetzt nicht geringer geworden, sagt Weyel. Im Gegenteil. Trotzdem konnte sich der 61-Jährige wieder einen der vorderen Plätze auf der Landesliste sichern. Platz neun ist es diesmal geworden, die Chancen auf einen erneuten Einzug in den Bundestag stehen gut. Und das auch ohne das Direktmandat, für das der Politiker sich nun zum ersten Mal bewirbt.

Weyel ist keiner, der lieber im Hintergrund bleibt. Im Juni versuchte er, für seine Partei den Posten des Bundestagsvizepräsidenten zu bekommen, also Stellvertreter von Wolfgang Schäuble (CDU) zu werden. Die Wahl gewinnen konnte er nicht, genauso wie bei seiner Kandidatur als Spitzenkandidat der AfD in Nordrhein-Westfalen, bei der er 34 Stimmen weniger erhielt als der aktuelle Landesvorsitzende Rüdiger Lucassen.

„Das ist nicht Provokation um der Provokation willen.“

Harald Weyel, AfD, über Wahlkampfreden

Im Jahr 2018 sorgte er für Schlagzeilen, weil er als Teil einer siebenköpfigen Delegation von AfD-Mitgliedern aus Bund und Land nach Syrien reiste, um sich einen Überblick über die Situation vor Ort zu verschaffen, und dort mit dem Großmufti sprach, der unter anderem zu Anschlägen in Europa aufgerufen hatte.

Weyel weiß, wie er Aufmerksamkeit erzeugt. Die Bundesrepublik Deutschland nennt er ein „Provisorium“, den menschengemachten Klimawandel eine „Hanebüchenheit“, die AfD „die erste und letzte flächendeckende Basis gut bürgerlichen Widerstands“ gegen die „Kartell-Parteien und ihre medialen und sonstigen Helfershelfer“.

Bei Wahlkampfreden fragte er in der Vergangenheit manchmal „Wollt ihr die totale Migration?“ Spricht man ihn darauf an, sagt er: „Das ist nicht Provokation um der Provokation willen, sondern aufrütteln, um einen Lernprozess zu injizieren. Anders als das historische Vorbild will ich da übrigens nicht ein Ja hören, sondern ein Nein.“ Und lacht.

Zur AfD fand Weyel im Jahr 2013, das Gründungsjahr der Partei. In den Jahren zuvor engagierte sich der Vater einer Tochter bei den „Freien Wählern“, von 2011 bis 2012 auch als NRW-Vorstandsmitglied und Listenkandidat der Landtagswahl 2012. Von März 2000 bis zu seinem Einzug in den Bundestag arbeitete Weyel als Professor für Betriebswirtschaft an der Fachhochschule in Köln.

Eines seiner großen Themen ist die EU- und Eurokritik. Der 61-Jährige spricht sich für die Gründung einer neuen europäischen „Wirtschafts- und Interessengemeinschaft“ aus, die EU habe sich als „nicht reformierbar erwiesen“. Auf seiner Webseite findet sich auch die Forderung nach einer „ganzheitlichen Geschichtsbetrachtung“. Fragt man ihn, was er damit meint, dann sagt er unter anderem das: „Wenn die Sachen, die falsch gemacht wurden, klar sind, sollten auch ebenso klar die Sachen sein, die richtig und zielführend gelaufen sind. Die ganze Aufbauarbeit, die ganze Wirtschaftskultur und -mentalität hat nicht nur mit irgendwelchen zwölf Jahren zu tun, sondern die Grundlage, die da gelegt wurde und in den zwölf Jahren missbraucht wurde – wie auch heute einiges missbraucht wird – hat eigentlich eine längere Tradition und Wurzel.“ (Anm. d. Red.: Eine Bemerkung, die an die Aussage von Alexander Gauland erinnert, es handele sich bei der NS-Zeit um einen „Vogelschiss in der Geschichte.“)

Im Rheinisch-Bergischen Kreis möchte sich Weyel unter anderem für eine „Renormalisierung des Wirtschafts- und Kulturlebens“ nach der Pandemie sowie für eine kritische Auseinandersetzung mit der EU einsetzen. Darüber hinaus, sagt er, wolle er den Abbau der Bürokratie bei der Anmeldung eines Gewerbes voranbringen, das Handwerk attraktiver für junge Menschen gestalten und die Infrastruktur im Kreis – vor allem in Bezug auf den Auto- und den Flugverkehr – verbessern. „Wir sollten uns nicht festlegen auf die Modetrends, die jetzt in aller Munde sind, sondern erst mal mit dem arbeiten, was wir haben.“

Kurzbiografie

Prof. Dr. Harald Weyel wurde am 30. August 1959 in Herborn (Dillkreis) geboren. Seit 2013 ist er Mitglied der AfD. Er ist seit 2015 stellvertretender Kreissprecher der AfD im Rheinisch-Bergischen Kreis.

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