Kirchenasyl

Endlich hat seine Irrfahrt ein Ende

Große Unterstützung hat Anmar Aljadooaer von Dorothea Hoffrogges (M.) bekommen.
+
Große Unterstützung hat Anmar Aljadooaer von Dorothea Hoffrogges (M.) bekommen.

Anmar Aljadooa floh aus dem Irak: Die Kirchengemeinde Hilgen-Neuenhaus bot ihm Kirchenasyl an.

Von Theresa Demski

Wenn Anmar Aljadooa lacht, dann hellt sich sein Gesicht auf. In einem einzigen Moment verschwinden die Furchen um seine Augen und die Spur von Traurigkeit in seinem Blick. Gerade hat er ein paar Tassen aus der Küche im Gemeindehaus in Neuenhaus geholt und deckt den Tisch. „Ich weiß noch, wo alles steht“, sagt er. Der 29-Jährige erinnert sich an jenen Tag, als sich sein Leben änderte. Als endlich die Hoffnung zurückkehrte. „Das war der Tag als ich hier ankam.“

Das Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Hilgen-Neuenhaus hatte zuvor in geheimer Abstimmung entschieden, dem jungen Mann aus dem Irak Kirchenasyl zu bieten. „Um ihm eine Perspektive für sein Leben eröffnen zu können“, erklärt Presbyteriumsvorsitzende Dorothea Hoffrogge. Am 31. März 2021 zieht er in das Gemeindehaus ein. Ein knappes halbes Jahr lang bleibt er im Kirchenasyl. Hätte er das Gemeindehaus verlassen, hätte ihm die Abschiebung nach Belgien gedroht. „Dublin“, sagt Hoffrogge und erinnert an die stark umstrittene Regelung, dass Flüchtlinge in das Land abgeschoben werden, in dem sie zuerst Asyl beantragt haben.

Die Leichtigkeit hat seine Gesichtszüge jetzt verlassen. „Das waren schlimme Jahre“, sagt Anmar Aljadooa. Sein langer Weg beginnt, als er 2015 mit seiner Familie aus dem Irak in die Türkei flieht. Von dort aus macht er sich erstmal alleine auf den Weg Richtung Europa. Am 15. September trifft er in Dortmund ein. „Am Anfang hat sich das richtig angefühlt“, sagt er, „endlich musste ich keine Angst mehr haben. Ich war frei.“

Viermal wird Anmar Aljadooaabgeschoben

Aber das Gefühl währt nicht lange. Inzwischen haben sich auch seine Eltern auf den Weg nach Europa gemacht. Die Chancen auf Asyl in Deutschland scheinen ihnen schlecht. „Damals kamen so viele Menschen“, sagt Anmar Aljadooa. Also ziehen sie weiter Richtung Belgien: Hier stellt die Familie einen Antrag auf Asyl. Und hier lernt Anmar Aljadooa seine Baneen kennen. Jetzt hellt sich sein Gesicht wieder auf – es ist ein breites Strahlen, das er zeigt. Aber sein schmerzvoller Weg ist in Belgien nicht zu Ende. Zweimal wird sein Antrag abgelehnt. In ihrer Not flieht die Familie zurück nach Deutschland. „Meine Eltern gingen daran kaputt“, sagt Anmar Aljadooa, „sie kehrten in die Türkei zurück.“ Nach der Wartefrist stellt Anmar Aljadooa einen Asylantrag in Deutschland. Er wird abgelehnt und nach Belgien abgeschoben. In den folgenden vier Jahren schiebt ihn Deutschland insgesamt vier Mal ab.

Als er sich Anfang 2021 mal wieder nach Deutschland zu Baneen durchgeschlagen hat, mit der er inzwischen verlobt ist, sitzt er irgendwann im Waschcafé und fleht Brigitte Krips um Hilfe an. Er brauche nur ein bisschen Zeit, um endlich in Ruhe heiraten zu können, um nicht während des Wartens auf das Ende der Frist, um einen neuen Asylantrag stellen zu können, wieder abgeschoben zu werden.

So kommt das Thema Kirchenasyl auf den Tisch. „Ich hatte erst etwas Angst“, sagt Anmar Aljadooa, „ich wollte meine Religion nicht aufgeben.“ Aber das erwarten die Menschen in Neuenhaus auch gar nicht. „Es hat sich wie Zuhause angefühlt“, sagt der Iraker über seine Zeit im Kirchenasyl. Seine Verlobte und Freunde können ihn besuchen, und Anmar Aljadooa nimmt am Gemeindeleben teil.

Am 14. Juli heiratet er im Gemeindehaus seine Verlobte – die Standesbeamtin kommt nach Neuenhaus. Brigitte Krips und Warda Halimi-Aissat vom Sozialamt werden Trauzeuginnen. „Das war die erste muslimische Hochzeit bei uns im Gemeindehaus“, erzählt Dorothea Hoffrogge. Baneen hat inzwischen die Anerkennung und kann in Deutschland bleiben. Zum ersten Mal nach sieben Jahren droht auch Anmar Aljadooa keine Abschiebung. Am 23. August verlässt er das Kirchenasyl. Inzwischen haben Baneen und Anmar Aljadooa eine kleine Tochter. Seine Eltern sind nach Deutschland zurückgekehrt. Er hat eine Arbeitsstelle auf der Straußenfarm gefunden. „Ich bin sehr, sehr glücklich.“

Hintergrund

Das Kirchengelände genießt rechtlich keine Ausnahmestellung gegenüber dem sonstigen Hoheitsgebiet des Staates. Staatliche Organe wie Polizei und Staatsanwaltschaft haben uneingeschränkten Zugriff auf die Menschen im Kirchenasyl. Rechtlich ist es also nicht anerkannt.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Spatzenhof: Regionale Küche im ungewöhnlichen Gewand
Spatzenhof: Regionale Küche im ungewöhnlichen Gewand
Spatzenhof: Regionale Küche im ungewöhnlichen Gewand
Dellmo heißt das Maskottchen der Stadt
Dellmo heißt das Maskottchen der Stadt
Dellmo heißt das Maskottchen der Stadt
Skater erfüllt sich einen Lebenstraum
Skater erfüllt sich einen Lebenstraum
Skater erfüllt sich einen Lebenstraum
Schon kleine Veränderungen werden ertastet
Schon kleine Veränderungen werden ertastet
Schon kleine Veränderungen werden ertastet

Kommentare