Bildung

Eltern kämpfen für Sonderpädagogen

Jasper Willinghöfer (12) besucht die Sekundarschule und nimmt dort sonderpädagogischen Unterricht in Anspruch.
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Jasper Willinghöfer (12) besucht die Sekundarschule und nimmt dort sonderpädagogischen Unterricht in Anspruch.

Zurzeit gibt es an der Sekundarschule nur eine Fachkraft – und die auch nur für Fünft- und Sechstklässler.

Von Anja Carolina Siebel

Die Unterschriftenliste könnte noch länger sein, findet Viola Willinghöfer. Die Sozialpädagogin und Mutter eines 12-jährigen Sohnes mit Down-Syndrom und andere Eltern der Sekundarschule beklagen die Situation für Schüler mit Inklusionsbedarf dort. 56 Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf gibt es in der Schule an der Wirtsmühler Straße; 53 Eltern haben unterschrieben.

Viola Willinghöfer erklärt deren Anliegen genauer: „Es gibt zurzeit eine Sonderpädagogin für alle Schüler mit Inklusionsbedarf. Die ist aber nur für Fünft- und Sechstklässler zuständig. Ab der siebten Klasse gibt es keine Sonderpädagogen mehr für die Schülerinnen und Schüler mit Bedarf.“ Es gebe lediglich speziell ausgebildete Lehrer, die den Bedarf abdecken sollen.

Zum Hintergrund: Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf haben in NRW seit 2014 einen Rechtsanspruch auf einen Platz an einer Regelschule, aber nicht an einer bestimmten Schule. Im Schuljahr 2017/18 gibt es in Nordrhein-Westfalen gut 140 000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, knapp sechs Prozent aller Schüler.

Viola Willinghöfers Sohn Jasper (12) besucht derzeit die sechste Klasse der Sekundarschule. Ab dem nächsten Schuljahr würde er entsprechend keinen speziellen sonderpädagogischen Unterricht mehr bekommen. „Wir haben uns damals ganz bewusst dazu entschlossen, Jasper auf eine Regelschule zu schicken“, sagt die engagierte Muter. „Weil wir ihm eine größtmögliche Teilhabe ermöglichen möchten.“

Der Unterricht der Sonderpädagogen kommt Jasper insofern zugute, als dass er den Unterrichtsstoff noch einmal ganz individuell und auf ihn zugeschnitten vermittelt bekommt; zum Teil im Einzelunterricht, vor allem aber sehr intensiv. „Der Unterricht ist wichtig. Nicht nur für unseren Sohn, sondern auch für die anderen Kinder und Jugendlichen mit Bedarf“, unterstreicht Viola Willinghöfer.

Sie hat die Unterschriftenliste als stellvertretende Vorsitzende der Elternpflegschaft der Sekundarschule an die Bezirksregierung Köln geschickt, um langfristig eine Verbesserung zu erreichen. „Und vielleicht auch für die spätere Gesamtschule“, ergänzt sie. „Denn auch da ist ja noch nicht klar, wie viele Sonderpädagogen dort einmal arbeiten werden.“

Ein Problem sei die ländliche Lage von Wermelskirchen: „In Kölner Schulen bestehen die Probleme eher nicht, weil es einfach mehr Fachkräfte gibt, die dort arbeiten wollen.“ Zuständig für die Zuweisung der Sonderpädagogen sei aber schließlich die Bezirksregierung, die jetzt nach Meinung von Willinghöfer und anderer Eltern auch aktiv werden soll.

Seit 2013 besteht die Form der Sekundarschule in Wermelskirchen. Und seitdem können auch Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf diese Schule besuchen. Am Gymnasium Wermelskirchen ist das nicht möglich.

Garantiertes Angebot in kleinstem Rahmen

„Genau dieses garantierte Angebot findet in der Sekundarschule Wermelskirchen nur noch im kleinsten Rahmen statt“, schreibt Willinghöfer an die Bezirksregierung. „Es gibt eindeutig kein ausreichendes Angebot für die Kinder mit Förderbedarf, da offensichtlich zu wenig Sonderpädagogen an der Wermelskirchener Sekundarschule beschäftigt sind.“

Der Bedarf für die 56 Kinder mit Förderbedarf werde seit August 2022 mit zehn Stunden praktizierter Sonderpädagogik und sieben Stunden administrativer Arbeit ausgefüllt. Willinghöfer: „Das heißt konkret, eine zurzeit abgeordnete Sonderpädagogin verbringt ihr Pensum in den Jahrgangsstufen 5 und 6. Für die Jahrgangsstufen 7 bis 10 findet keine Unterstützung statt. Das ist ein unhaltbarer Zustand.“ Inklusion könne „in dieser unzureichenden Form nicht stattfinden“.

„Die Schulleitung der Sekundarschule Wermelskirchen hat meiner Kenntnis nach nun endlich einen Abordnungsantrag für eine volle Stelle der Sonderpädagogik gestellt“, sagt Willinghöfer. „Das ist unserer Auffassung nach viel zu wenig und so auch nicht zukunftsorientiert zufriedenstellend. Wir fordern eine ausreichende Ausstattung mit Sonderpädagogen an unserer Schule.“

Inklusion

Inklusion heißt, dass Menschen mit Behinderung ihr Leben nicht mehr an Strukturen anpassen müssen. Vielmehr ist die Gesellschaft aufgerufen, Strukturen zu schaffen, die es jedem Menschen – auch den Menschen mit Behinderung – ermöglichen, von Anfang an ein Teil der Gesellschaft zu sein.

Standpunkt von Anja Carolina Siebel: Wer A sagt . . .

anja.siebel@rga.de

Wer A sagt, muss konsequenterweise auch B sagen. Heißt: Wenn Kinder in Nordrhein Westfalen seit geraumer Zeit einen Rechtsanspruch auf einen Platz an einer Regelschule haben, dann muss die jeweilige Bezirksregierung auch dafür sorgen, dass diese Kinder an den Regelschulen hinreichend gefördert werden. Und das bedeutet natürlich auch, dass nicht nur an Schulen im urbanen Raum ausreichend Sonderpädagogen angestellt sind, die diesen Kindern den Individual-Unterricht geben können, den sie brauchen.

Sondern auch im ländlichen Raum muss der Bedarf abgedeckt sein. Schüler wie Jasper Willinghöfer haben ja nur etwas vom Besuch einer Regelschule, wenn sie vom Unterricht dort auch aktiv etwas mitnehmen und wirklich lernen können. Ist das nicht der Fall und werden die Jugendlichen ab der siebten Klasse schulisch praktisch sich selbst überlassen, hat der komplette Inklusionsgedanke wieder einmal versagt.

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