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Ehemals Depressiver berät Leidensgenossen

Horst Gottschalk schätzt das Gespräch und den Austausch mit Menschen, denen es psychisch nicht gut geht. Foto: Ellepouchephotography
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Horst Gottschalk schätzt das Gespräch und den Austausch mit Menschen, denen es psychisch nicht gut geht.
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Horst Gottschalk ist „Peer Counselor“ beim Verein alpha e. V..

Von Anja Carolina Siebel

Horst Gottschalk erinnert sich noch genau an den Tag im Jahr 2003, als er plötzlich nicht mehr konnte. Dem Bauleiter brach am Schreibtisch der kalte Schweiß aus, er fühlte sich schlecht. Was der gestandene Mann damals als körperliches Symptom abtat, kam von anderer Stelle: Horst Gottschalk litt, das erfuhr er später, an einer rezidivierenden, also wiederkehrenden Depression, die ihn gleich zwei Mal binnen weniger Jahre in die Knie zwang.

„Ich war beide Male in stationärer Behandlung in einer Klinik“, berichtet Gottschalk. Aber während er nach dem ersten Aufenthalt in der Klinik und einer Regenerationsphase einfach so weitermachte wie bisher, wurde ihm beim zweiten Mal klar: „Ich muss etwas in meinem Leben ändern.“

Der heute 53-Jährige schmiss in Absprache mit seiner Ehefrau seinen Job und ließ sich zum Genesungshelfer ausbilden. Sein Ziel: Menschen zu helfen, die unter ähnlichen Problemen wie er leiden. „In der Kur hatte ich sogenannte Skills mitbekommen“, berichtet der Leverkusener. „Also Verhaltensregeln, die mir zeigen, wie ich lerne, besser mit mir selbst umzugehen.“ Dazu gehört für ihn heute zum Beispiel regelmäßige Bewegung an der frischen Luft, gutes Essen, gute Gespräche. „Eigentlich Dinge, die selbstverständlich klingen, die man im Alltag aber doch oft vergisst“, sagt Gottschalk.

Inzwischen ist Horst Gottschalk nach eigener Aussage frei von Depressionen, nimmt auch keinerlei Medikamente mehr. Sein Ziel, Menschen mit psychischen Problemen dank der Erfahrungen, die er selbst sammelte, im Alltag zu helfen, ging auf.

„Jeder hat seine Geschichte, kann aber ähnlich an Probleme herangehen.“

Horst Gottschalk, Berater

Dem kommt er jetzt beim Verein alpha e. V. nach. Als „Peer Counselor“. Die Methode hat sich in den Niederlanden bereits etabliert und wird nun auch bundesweit bekannter. Das Konzept: Menschen mit ähnlichen Erfahrungen und eigener Krankheits- und Genesungsgeschichte helfen mit genau diesen Erfahrungen anderen Menschen, die auf ihrem Weg noch nicht so weit sind und beraten sie. „Die Geschichten der Peers wecken Hoffnung bei den Klienten“, sagt Jörn Dreißigacker von alpha. Diese Hoffnung erwachse daraus, dass es auch andere geschafft haben. Das soll das Selbstvertrauen und den Mut für die eigene Weiterentwicklung oder gar einen Neuanfang fördern. Die Berater bereichern das Angebot für psychisch kranke Menschen. Empathie und Augenhöhe sind Grundzüge der Peer-Arbeit.

Wichtig dabei sei: Jeder hat seine eigene Geschichte, die sich von anderen zwar unterscheidet. „Im Grunde sind die Skills, die ich im Laufe meiner Therapie erlernt habe, aber anwendbar auf alle psychischen Erkrankungen“, sagt Horst Gottschalk. Jörn Dreißigacker betont, dass das Angebot nicht nur für Menschen zugänglich sein soll, die bereits Klienten bei alpha sind: „Wir glauben, dass gerade in Zeiten der Krise, wie wir sie jetzt gerade durch die Corona-Pandemie erleben, das Angebot sehr wertvoll ist.“ Er schätzt, dass viele betroffene Menschen gerade unter Einsamkeit leiden und möglicherweise nicht genau wissen, wohin sie sich mit ihren psychischen Symptomen wenden können.

Unter dem Motto „Vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen“ sollen Betroffene beim Peer Counseling lernen, wie sie konstruktiver mit ihrer Situation umgehen können. „Ich will ihnen die Möglichkeit geben, in Austausch zu gehen mit jemandem, der aus eigener Erfahrung spricht und vielleicht auch ihnen die Chance eröffnet, ihre Situation neu zu überdenken und aus anderem Blickwinkel zu betrachten“, sagt Gottschalk. 

Kontakt

Horst Gottschalk ist seit dem 1. April mit 19,5 Stunden pro Woche im Sozialpsychiatrischen Zentrum Wermelskirchen tätig. Die Finanzierung der Stelle erfolgt über den Landschaftsverband Rheinland (LVR). Er ist telefonisch erreichbar unter der Rufnummer Tel. 0 15 73 -2 56 42 13 (dienstags, mittwochs und donnerstags zwischen 9 und 15 Uhr) Horst Gottschalk ist per E-Mail erreichbar unter:

peer@alphaev.de

Standpunkt: Ein wertvolles Angebot

Von Anja Carolina Siebel

anja.siebel@rga-online.de

Jemand, der selbst von einer psychischen Erkrankung betroffen ist oder war, coacht jene, die jetzt gerade darunter leiden. Ein Konzept, das durchaus sinnvoll ist, in den Niederlanden beispielsweise schon häufig angewendet wird und auch hierzulande Schule machen könnte. Horst Gottschalk hat selbst erfahren, wie schwierig es ist, mit einer psychischen Erkrankung, in seinem Fall einer Depression, ins Leben zurückzufinden. Dass er es letztlich doch geschafft hat, hat er einem ganzen Paket an Strategien zu verdanken, die er während seiner Therapien erlernt hat. Heute kann er diese Strategien weitergeben. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie kann ein solches Angebot wertvoll sein. Und sollte noch bekannter werden. Denn die Dunkelziffer derer, die sich zurzeit mit Ängsten oder Depressionen plagen, ist sicher signifikant höher als zu anderen Zeiten. So manch einer wird wohl, auch durch vermehrtes Alleinsein in den eigenen vier Wänden, mit Emotionen konfrontiert, die er bisher nicht kannte. Beruhigend, wenn es Menschen gibt, die dann unverbindlich helfen und möglicherweise wieder ein wenig Licht ins Dunkel bringen.

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