Distanz kann auch etwas Positives sein

Superintendent Hartmut Demski tritt in den Ruhestand. Archivfoto: Roland Keusch
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Superintendent Hartmut Demski tritt in den Ruhestand. Archivfoto: Roland Keusch

Superintendent Hartmut Demski schreibt vor seinem Ruhestand zum letzten Mal im WGA

Von Hartmut Demski, Superintendent, Evangelischer Kirchenkreis

„Das ist ein ganz distanzierter Typ“ sagen wir gelegentlich über einen anderen Menschen und meinen damit: Da verhält sich jemand arrogant, abweisend, überheblich. Ein distanzierter Typ ist kein Sympathieträger.

Inzwischen haben wir es alle gelernt, auf Distanz zu gehen und Distanz zu wahren: 1,50 Meter ist das Maß aller Dinge. Handeschütteln: Wir haben schon fast vergessen, wie das ging; und die verbreiteten freundschaftlichen Umarmungen haben wir uns gründlich abgewöhnt. Werden wir jetzt alle zu „distanzierten Typen“? Arrogant, abweisend, überheblich?

Doch Distanz kann auch etwas sehr Positives an sich haben: In den 90er Jahren entstand das Lied „From a Distance“, sehr bekannt geworden vor allem in der Fassung von Bette Midler: „Aus der Ferne sieht die Welt blau und schön aus. Aus der Ferne herrscht Harmonie“.

Im Kehrvers heißt es dann immer wieder: „God ist watching us, God ist watching us – from a distance. Gott sieht uns an, Gott sieht uns an – aus der Ferne.“

Aus der Ferne sieht alles schöner aus. Natürlich klingt da auch kritisch mit, dass Gott weit weg ist und gar nicht so genau mitbekommt, wie es hier wirklich aussieht. Denn wenn man die Welt und das Leben aus der Nähe betrachtet, dann sieht man Hass und Streit zwischen den Menschen, die unfassbare Not von Flüchtlingen an den Grenzen des reichen Europas. Man sieht und spürt, was Selbstsucht, Gier und Gewalt unter uns anrichten. Sieht Gott das alles nicht? From a distance?

Manchmal hat man den Eindruck. Doch die Botschaft des christlichen Glaubens ist eine andere: Aus der Distanz ist Gott zu uns gekommen. In der Gestalt von Jesu Christus hat er alles aus der Nähe gesehen und erlebt. Er ist selbst unter die Räder gekommen und hat doch eine Botschaft in diese Welt gesetzt, die sich den bösen und schlimmen Erfahrungen entgegensetzt.

Das ist die Botschaft seiner Liebe, die sich unter uns ausbreiten und die Welt erfüllen will. Gott mag auf Distanz sein, nicht sichtbar, nicht greifbar, nicht planbar – aber in der Botschaft seiner Liebe ist er ganz nah und spricht jeden von uns an. From a distance.

Dies ist mein letzter Beitrag für „Wir in dieser Welt“. Ich gehe ein Stück auf Distanz und trete in den Ruhestand. Ich bin all denen dankbar, die diese Rubrik Woche für Woche lesen und sich vielleicht ansprechen lassen.

Ich danke nicht zuletzt dieser Zeitung, die uns als christlichen Kirchen diese Möglichkeit eröffnet. Auch „from a distance“ bleibt eine tiefe Nähe und Verbundenheit im gemeinsamen Hören auf diese Botschaft der Liebe und in dem Versuch, das zu leben und weiterzugeben. Damit überwindet man auch die 1,50 Meter als Maß der Dinge.

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