Tanzen

Diese Schule besuchten alle gerne

Handschlag zur Übergabe zwischen zwei ADTV-Tanzlehrern, die sich lange ken-nen und schätzen: Hans Günter Liedtke (links) und Ingo Woite. Foto: M. Sieber
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Handschlag zur Übergabe zwischen zwei ADTV-Tanzlehrern, die sich lange kennen und schätzen: Hans Günter Liedtke (links) und Ingo Woite.

Viele Wermelskirchener lernten bei Hans Günter Liedtke das Tanzen. Lange Zeit kooperierte er mit der Tanzschule Kabeck an der Kölner Straße, unterrichtete die wichtigsten Tanzschritte und begleitete unzählige Schüler auf ihrem Weg zum Abiball.

Von Andreas Weber

Damit ist jetzt Schluss. Liedtke setzt sich zur Ruhe und übergibt seine eigene Tanzschule in Remscheid an einen Nachfolger.

Als die Tanzschule Liedtke im September 1969 eröffnete, besaß der Freizeittempel an der Konrad-Adenauer-Straße 7 vom ersten Tag ein Alleinstellungsmerkmal: 1 000 orangefarbene Hostalen-Schüsseln hingen unter der Decke. Die an Drainagerohren befestigten Haushaltstöpfe in drei verschiedenen Größen dienten als Deko, Akustikspender und Schalldämmung.

„Als wir gebaut haben, war unsere Schule eine Sensation“, denken Edelgard und Hans Günter Liedtke an die verblüfften Gesichter zurück, die ihr aufsehenerregendes Interieur auslöste. 46 Jahre tat die Einrichtung gute Dienste. Nun wandert sie in den Müll. Hintergrund: Das Ehepaar Liedtke hat ihre Tanzschule an Ingo Woite übergeben. Der Wuppertaler reißt raus und entsorgt. Momentan ist er dabei, den 283 Quadratmeter großen Erdgeschossraum modern und elegant einzurichten.

Hausherr Hans Günter „Harry“ Liedtke geht mit 79 Jahren in Ruhestand. Dieser beginnt drei Etagen über der Tanzschule im Haus-Nr. 7, wo Liedtkes mit Blick auf den Friedrich-Ebert-Platz wohnen. Mit Liedtke verabschiedet sich eine Institution. Generationen von Bergischen haben auf seinem Riesenparkett zwischenmenschliche Kontakte gepflegt. Wieber und Liedtke – das waren die Tanzschulen in Remscheid.

Liedtke muss nicht lange nachrechnen: „Es gibt fast keinen, der nicht bei uns gewesen ist.“ Und sich bei Walzer, Foxtrott und Cha-Cha-Cha vergnügte oder mit dem anderen Geschlecht anbandelte. „Bei uns wurden viele Beziehungen gegründet und Ehen gestiftet.“ 1961 fing der ADTV-Tanzlehrer an der Elberfelder Straße über der Kneipe „Max und Moritz“ an. 1969 wurde der Neubau am Busbahnhof fertig. Liedtkes hatten ihn mit zwei weiteren Eigentümern hochgezogen.

Mit der Ausstattung der Tanzschule betrat Architekt Professor Jürgen Hartmann Neuland. Die vom Feinsten bestückte Schule wurde zu dem Hotspot für Heranwachsende. „Sie war von Burscheid bis Rade ein Begriff.“ Zu Zeiten, als es noch keine Großraumdiscos gab, war die samstägliche Disco ein Muss für Jugendliche. Alle 14 Tage legte DJ Klaus Klänhardt von 19 bis 22 Uhr auf. Um den Fixtermin rankten sich Familienplanungen.

Wer 14 Jahre war und Schüler der Tanzschule, durfte rein. Bis zu 300 Kids gerieten in Partyfieber. Legendär die Schüler-Abschlusskurse. „Jahrzehnte sind wir mit Bussen ins Stadttheater Solingen gefahren, weil es in Remscheid keine geeignete Halle gab.“ Alle zwei Jahre richteten Liedtkes auch für ihre erwachsenen Tänzer Gala-Bälle in Solingen aus. Immer mit prominenten Gästen – von Hugo Strasser bis zu Weltmeister-Tanzpaaren.

Ingo Woite wird auch Zumba und Kindertanz anbieten

Die Zeiten, als sich Halbstarke vor den Mädels mit einem Diener verneigten, um sie zum Tanz aufzufordern, von Liedtke ermuntert mit einem langgezogenen „Jungs, ihr müsst über das Parkett schweben“ sind vorbei. Dass Nachwuchs klassenweise in die Tanzschulen strömt, ebenfalls. Auch die Ära der integrierten, leistungssportorientierten Tanzclubs (bei Liedtke war es TC Blau-Weiß) ist passé.

Getanzt wird weiterhin. Mit anderen Schwerpunkten. Bei Woite gehören zum Beispiel Zumba und Kindertanz zum Kursprogramm. Für Hans Günter Liedtke und seine Ehefrau wird es ruhiger. Was nach 55 Jahren Dauerbewegung kommt, weiß er noch nicht. „Ich habe es bis heute verdrängt“, gesteht der Pensionär. Nur eins schließt er aus: „Ich werde am Samstag nicht mit auf den Markt gehen und die Tasche schleppen.“

DER NEUE BESITZER

INGO WOITE, 50 Jahre alt, gebürtig aus Bielefeld, lernte in Ostwestfalen bei der Tanzschule Teubner-Schneider, seit 1991 in Wuppertal, leitete dort die letzten zehn Jahre die Tanzschule Schäfer. In der Konrad-Adenauer-Straße 7 wird Woite mit seiner Lebensgefährtin Vanessa Wolber nach dem Umbau am 15./16. August eröffnen, am 23. August schaut Isabel Edvardsson (Let´s dance) zu einem Tanz-Workshop vorbei. Infos unter www.tanzschule-woite.de oder Tel. 0172-203 1100.

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