Pandemie

Die Reisebranche wird sich verändern

Carsten Gatzsche kann verstehen, dass die Menschen nach dem langen Lockdown Fernweh haben. Foto:
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Carsten Gatzsche kann verstehen, dass die Menschen nach dem langen Lockdown Fernweh haben.
  • Anja Carolina Siebel
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Carsten Gatzsche muss mit seiner Travel Lounge an der Eich neue Wege einschlagen

Wermelskirchen. Vor gut einem Jahr, da hätte Carsten Gatzsche nicht mit Sicherheit sagen können, ob sein Reisebüro Travel Lounge an der Eich die Corona-Krise überleben würde. „Das war schon der Supergau, als plötzlich alles abgesagt wurde und wir mit den Stornierungen auf dem Schreibtisch kaum nachgekommen sind“, erinnert er sich. Eine Mitarbeiterin kündigte, sah sich nach einem anderen Job in der Industrie um. Gatzsche hatte dafür Verständnis. „Das hier kann man nur machen, wenn man dafür brennt. Reich werden kann man in der Tourismusbranche nicht, jetzt schon gar nicht mehr.“

Dass er nach zwei Lockdowns immer noch Reisen anbietet und jetzt „so langsam auf bessere Zeiten hoffen“ kann, habe er seinem eigenen Management zu verdanken, sagt Carsten Gatzsche. „Ich habe immer recht gut gewirtschaftet und die Zeit vor allem genutzt, um mich weiterzubilden.“ So setze er mit seinem Unternehmen jetzt mehr und mehr auf Digitalisierung. „Während früher die Leute ihre Kataloge zum Blättern auf dem Tisch hatten, gibt es heute ein Tablet und einen Link nach Hause mit den Angeboten“, sagt er.

Bei allen Sorgen der Tourismusbranche – Experten schätzen, dass erst 2026 das weltweite Reisen wieder annähernd so funktionieren wird wie vor der Corona-Pandemie – wüssten die Menschen das Wissen und die Beratung in einem Reisebüro inzwischen wieder mehr zu schätzen. „Viele kommen natürlich jetzt mit Fragen, möchten wissen, wie in welchem Land die Einreisebeschränkungen sind und wo man gerade Urlaub machen kann“, berichtet der Touristiker. Beschummeln lässt er sich indes nicht: „Manche wollen natürlich auch eine Beratung und buchen dann im Internet. Deshalb nehme ich schon etwas Geld dafür, wenn die Leute sich beraten lassen, ohne bei mir zu buchen.“ Und wie sind seine Tipps für den Sommer?

„Das kommt wie so oft auf die Lebenssituation an“, sagt Carsten Gatzsche. „Griechenland ist beispielsweise gerade sehr beliebt, bisher wurde dort aber immer ein PCR-Test zur Einreise verlangt. Der kostet pro Person 80 Euro, das überlegt sich eine fünfköpfige Familie dann schon mal.“

Möglich ist fast alles, nur unter bestimmten Bedingungen

Auf die Kanarischen Inseln könne man derzeit recht problemlos reisen oder nach Portugal. „Auch eine Fernreise in die Dominikanische Republik ist recht bequem möglich, sie ist derzeit kein Risikogebiet.“

Viele würden auf Kreuzfahrten schwören. Touristenschiffe touren derzeit durch den Atlantik (Kanarische Inseln) oder das Mittelmeer (Griechenland). Alle Passagiere werden vor Abflug mit PCR-Test getestet; auch auf der Reise müssen sie sich immer wieder Schnelltests unterziehen.

Möglich, das betont Carsten Gatzsche, sei im Grunde aber fast alles. „Es kommt nur drauf an, wie viel Zeit und Geduld man mitbringt. So könne man theoretisch auch eine Thailand-Reise buchen, müsse dann aber vor Ort erst einmal zehn Tage in einem Quarantäne-Hotel verbringen, ehe man das Land frei bereisen darf. „Wer Zeit hat und gute Nerven, der kann das vielleicht auch machen“, sagt Gatzsche.

Seine Erfahrung mit den Kunden, die derzeit mit Termin und Maske in sein Reisebüro kommen oder sich telefonisch braten lassen: „Die Menschen möchten keine Abenteuerurlaube, wollen nicht großartig Action oder umherreisen. Sie möchten einfach nur Sonne Strand und Meer und ihre Ruhe haben.“

Der Touristiker sieht auch „grundsätzlich keine Probleme beim Reisen“. Man muss es eben nur geschickt anstellen und sich vorher gut informieren. Und: Man muss mit gewissen Einschränkungen leben. Sie sind aber für die meisten gar nicht so einschneidend.“

Gatzsche ist wie viele andere aus der Branche sicher, dass das Reisen sich nach der Pandemie verändern wird. „Schon jetzt ist vieles teurer geworden, weil eben die Bedingungen erschwerter sind.“ Er ist aber auch der Meinung, dass es Pauschalreisen nach Mallorca zu geringen Preisen demnächst nicht mehr geben wird. „Das Reisen wird bewusster geschehen, und das ist ja eigentlich auch gut so.“

Reisen in der Corona-Zeit

In vielen EU-Ländern ist derzeit eingeschränktes Reisen möglich. Voraussetzung ist vielerorts und auch bei vielen Reise- und Fluggesellschaften ein maximal 72 Stunden alter negativer PCR-Test, der aussagekräftiger ist als ein Antigen-Schnelltest. Innerhalb Deutschlands greifen bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von unter 100 die Regelungen, die die Bundesländer in ihren jeweiligen Corona-Schutzverordnungen festgelegt haben. Je nach Inzidenz und je nach Bundesland können die Regelungen daher immer variieren.

Standpunkt

anja.siebel@rga.de

Kommentar von Anja Carolina Siebel

Es waren viele Monate der Entbehrung. Während man voriges Jahr zumindest im Sommer kurz aufatmen und vielleicht die eine oder andere Reise oder einen Kurztrip unternehmen konnte, folgte bereits im Herbst eine lange Durststrecke. Mit vielen Einschränkungen für alle. Inzwischen wird zaghaft deutlich: Im Sommer könnte wieder mehr möglich sein. Nicht nur, was die Freizeit-Entfaltung angeht, sondern auch das Reisen. Und wer es geschickt anstellt, der trifft auch nicht auf Touristenhochburgen, sondern erwischt vielleicht sogar eines der Ziele, das noch weitgehend leer ist. Wo keine Menschenmassen Schlange stehen vor Sehenswürdigkeiten oder Restaurants. Am besten beraten ist man derzeit, was das Reisen angeht, wohl im Reisebüro. Zwar haben viele mit den Jahren längst aufs Internetbuchen umgeschwenkt. Allerdings ist es zurzeit recht mühsam, sich alles selbst zusammenzusuchen: Reisebestimmungen, Corona-Inzidenzen im jeweiligen Land, Tipps, wo es gerade trotz Hygieneregeln entspannt läuft. In den Reisebüros ist das Wissen. Dieses Pfund könnte auch künftig ein Vorteil für die Reiseberater sein.

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