Kirche

„Die Menschen sind die Gemeinde“

Die gute Seele im Gemeindezentrum am Markt: Friedrich Schreiber arbeitet seit 2004 als Küster. Und seit die Geflüchteten aus der Ukraine nach Wermelskirchen gekommen sind, hat er noch eine andere Aufgabe bekommen.
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Die gute Seele im Gemeindezentrum am Markt: Friedrich Schreiber arbeitet seit 2004 als Küster. Und seit die Geflüchteten aus der Ukraine nach Wermelskirchen gekommen sind, hat er noch eine andere Aufgabe bekommen.

Friedrich Schreiber ist Küster und gute Seele der Evangelischen Stadtkirche.

Von Theresa Demski

Wermelskirchen. Das Radio läuft, in der Küche brennt das Licht. Und schon beim ersten Schritt in das große Gemeindezentrum am Markt liegt eine besondere Atmosphäre in der Luft. Friedrich Schreiber kommt um die Ecke und begrüßt die Neuankömmlinge. Er fragt, ob er helfen könne. Und meistens hat er auch eine Antwort und eine Lösung im Gepäck. „Kommen Sie kurz in mein Büro“, sagt er dann gelegentlich, lächelt und führt die Besucher zu seinem Schreibtisch in der großen Küche. Hier liegt der Kalender, hier befinden sich die Kontaktdaten, und wer genau hinsieht, entdeckt hier auch kleine persönliche Spuren des Küsters. „Ich gehöre zu Gottes Bodenpersonal“, steht auf der Kaffeetasse, die Friedrich Schreiber zur Hand nimmt. Und genauso versteht sich der 62-jährige auch.

Vor 19 Jahren heuerte er bei der Evangelischen Kirchengemeinde in Wermelskirchen an – um Küster zu werden. Zwei Jahre zuvor war er mit seiner Familie aus dem Wolgagebiet nach Wermelskirchen gekommen. „Als letzter aus der Familie“, erzählt er. Seine Eltern und seine Geschwister lebten schon in Wermelskirchen. Friedrich Schreiber, seine Frau und die beiden Töchter hatten 2002 in Samara die Koffer gepackt – als so genannte Spätaussiedler. Da hatte er schon ein bewegtes Berufsleben hinter sich. Er hatte als Musiklehrer gearbeitet und sich dann wegen seiner guten Noten für ein Studium entschieden. Erst machte er einen akademischen Abschluss als Elektroingenieur, dann als Diplomjurist. Nach dem Studium schickte ihn der Staat als Ingenieur nach Odessa, später arbeitete er bei der Kreispolizei in der Nähe von Samara und löste Kriminalfälle.

„Alles hat seine Zeit“, sagt Friedrich Schreiber, wenn er auf sein Leben blickt. Und dann ergänzt er entschieden: „Gott macht keine Fehler.“ Da ist er heute genauso sicher wie damals. Unter den strengen, aber liebevollen Fittichen seiner Großmutter lernte er diese wichtigen Leitsätze seines Lebens: „Alles hat seine Zeit. Gott macht keine Fehler. Und: Gott versteht Humor, aber mag keinen Spott.“ Es seien seine Gebote, sagt Friedrich Schreiber. Und dann erzählt er, wie die Kommunisten in Samara die Kirche seiner Evangelisch-lutherischen Gemeinde zerstörten. Sie verfolgten den Pfarrer. „Aber die Gemeinde sind vor allem die Menschen“, sagt Friedrich Schreiber, „nicht die Gebäude.“ Und auch dieser Überzeugung blieb er treu. Kaum hatte er mit seiner Familie Wermelskirchen erreicht, trat er in die Kirche ein. Nach einem Praktikum bei Obi und im Haus Vogelsang bewarb er sich für die Stelle des Küsters an der Stadtkirche – er bekam sie und setzte noch einen dreijährigen Küsterlehrgang oben drauf. „Eigentlich muss man für die Stelle eines Hausmeisters nicht studieren“, sagt er und blickt auf seinen akademischen Weg zurück. „Aber vor allem ist man ja Mensch“, sagt er, „auch als Küster.“ Und das erleben die Menschen im Gemeindezentrum und an der Stadtkirche in kleinen und großen Fragen des Alltags. Friedrich Schreiber ist derjenige, der einen Stuhl hervorholt, wenn in der Kirche ein Platz fehlt. Er bringt den Kindern ein Bilderbuch, wenn sie sich langweilen. Mit einem Griff findet er all die Dinge, die im Gemeindezentrum im Alltag gebraucht werden.

Egal welche Aufgabe es gibt: Sie gehören alle dazu

Wer etwas sucht, der erlebt Friedrich Schreiber, wie er schnellen Schrittes und hochkonzentriert eine Antwort findet. Und seit die Geflüchteten aus der Ukraine nach Wermelskirchen gekommen sind, hat er während der Sprachkurse am Markt noch eine andere Aufgabe bekommen: Er ist immer mal wieder der Retter in der Not. Dann hilft er als Dolmetscher. Kinder und Erwachsene wenden sich an ihn, um sich verständlich machen zu können. Er lebt Gastfreundschaft. Und gelegentlich erinnert er sich dabei an seine Jahre in Odessa. „Alles hat seine Zeit“, sagt er dann wieder.

Welche Aufgabe ihm am meisten liege? Friedrich Schreiber blickt sich um, nimmt die große Außenanlage am Markt in den Blick, die stolze Kirche, das große Gemeindezentrum und das Zuhause seiner Familie nur ein paar Meter entfernt. Er schaut sich die Chagall-Bilder im Kaminzimmer an, die er so gerne mag. „Ich mache da keine Unterschiede“, sagt er, „das ist alles meine Arbeit.“

Und gleichzeitig sei auch er selbst ein Teil dieser Gemeinde. Also lauscht er sonntags beim Gottesdienst von seinem Platz an der Elektrik den Worten des Pfarrers. Er feiert Abendmahl, Fest- und Trauertage mit. Und gelegentlich sitzt er in der großen Küche im Gemeindehaus und trinkt mit jemandem einen Kaffee. „Wir haben hier großes Glück und eine prächtige Kirche“, sagt er, „aber die Gemeinde sind immer noch die Menschen.“

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