„Die Menschen im Publikum sind meine Mitspieler“

Schauspieler Marco Michel verkörpert den Maler Antonio Ligabue. Foto: Jean-Daniel von Lerber
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Schauspieler Marco Michel verkörpert den Maler Antonio Ligabue.

Marco Michel verwandelt sich für einen Abend im Film-Eck in den Maler Antonio Ligabue

Das Gespräch führte Wolfgang Weitzdörfer

Wer war Antonio Ligabue?

Marco Michel: Antonio Ligabue war ein schweizerisch-italienischer Maler, der Zeit seines Lebens ein krasser Außenseiter war, und der sich seine Schaffenskraft trotz vieler, harter Brüche in seinem Leben bis zum bitteren Ende bewahrt hat. Aber vor allem war er ein Mensch, der die Einsamkeit und das Verlassensein kannte wie nur wenige, und der sich nach Wärme und nach Zärtlichkeit, nach einem Gegenüber sehnte wie die meisten – ein Wunsch, der unerfüllt geblieben ist.

Warum haben Sie sich für die Verkörperung des Malers entschieden?

Michel: Ich kannte Mario Perrotta, den Autor und Regisseur von „Ein Kuss – Antonio Ligabue“, aus einer anderen Produktion – und er hatte mich zum Vorsprechen eingeladen für diese Rolle. Als ich dann die Zusage erhalten hatte, war meine Freude riesig – und gleichzeitig hatte ich einen unglaublichen Respekt vor der nun beginnenden Arbeit. Ich stand vor diesem Stück noch nie einen ganzen Abend lang alleine auf der Bühne und habe davor, außer – durchaus sehr freudig – als Kind auch noch nie gezeichnet. . . Diese Fähigkeit musste ich mir für das Stück extra aneignen.

Was hat Sie an der Figur fasziniert?

Michel: Es ist vor allem Ligabues Kraft, den Zumutungen des Lebens zu trotzen, und einen Weg zu finden und sich dabei mit allem treu zu bleiben. Das Unannehmbare anzunehmen – das fällt mir persönlich unglaublich schwer! Und das, obwohl ich aus einer intakten Familie komme, und ich in diesem Sinne sehr behütet aufgewachsen bin. Wie viel schwerer muss es da Ligabue gefallen sein, sich mit seinem Schicksal abzufinden und daran nicht völlig zu zerbrechen. Diese innere Kraft bewundere ich sehr.

Kannten Sie die vorher bereits – und wie sehr haben Sie sich mit ihr in der Vorbereitung beschäftigt?

Michel: Leider habe ich Antonio Ligabue davor nicht gekannt. Um mich auf die Rolle vorzubereiten, las ich alles, was es über ihn gibt – was nicht viel ist – und reiste an die Orte, in denen er gelebt hat. So war ich beispielsweise in Gualtieri, wohin er aus der Schweiz ausgewiesen wurde, bin durch dieselben Straßen gegangen, habe dieselben Häuser gesehen wie er damals. Ich war am Fluss Po und habe seine Größe bestaunt, und bin durch die endlosen Pappelwälder spaziert. Mir war es wichtig, möglich viele direkte Eindrücke zu haben und mir eigene Bilder zu holen, um mich dieser komplexen Figur Schritt für Schritt zu nähern. Was mir bei der Figurenentwicklung sicher auch geholfen hat, ist der Umstand, dass ich ein Jahr in einer Psychiatrischen Klinik gearbeitet habe und von dort Schicksale und Menschen kannten, die mich an Ligabue erinnerten und mich inspirierten.

„Man kann einen Menschen lieben, wenn man seine Geschichte kennt.“

Wann und wo standen Sie erstmals damit auf der Bühne?

Michel: Das war am 6. November 2014 in Pfäfers in der Schweiz. Seither hatte ich über 70 Vorstellungen in sechs Ländern und wurde in New York mit dem Preis „Best International One Man Show“ ausgezeichnet. In der vergangenen Woche habe ich in München das neu gegründete Hoftheater damit eröffnet, wo ich das Stück bis zum 1. Oktober durchgängig spiele – mit einem Abstecher nach Wermelskirchen dazwischen. . .

Wie lief die Zusammenarbeit mit Regisseur Mario Perrotta?

Michel: Die Zusammenarbeit war schön und intensiv, wenn auch nicht immer einfach. Mario Perrotta hatte dieses Stück für sich selber geschrieben und es in Italien auch über 100 Mal gespielt und Preise dafür gewonnen. Als wir beiden mit den Proben begannen, stand die Inszenierung also eigentlich schon fest. Manchmal hatte ich bei den Proben das Gefühl, dass jeder Gang auf der Bühne und jede Pause schon gesetzt waren – und ich musste sie genauso übernehmen. Das ist natürlich schwierig, weil man ja doch einen eigenen Rhythmus und eine eigene Freiheit finden will. Doch schließlich wurde mir bewusst, dass dieses Gerüst nur eine Choreographie war, und dass meine eigentliche Arbeit darin bestand, diesen äußeren Rahmen mit meinem eigenen Innenleben zu füllen. Und in dieser Beziehung war ich dann wiederum ganz frei.

Was ist die Kernaussage des Stücks?

Michel: Das soll mir das Publikum nach der Vorstellung selber sagen. . . Für mich ist eine zentrale Schlussfolgerung, dass man einen Menschen verstehen und letztlich lieben kann, wenn man seine Geschichte kennt – unabhängig davon, wie sehr wir ihn davor verurteilt und abgewertet haben. Ein solches, echtes Verständnis schützt auch vor dem, was wir alle fast ständig machen: bewerten und beurteilen.

Ist es schwierig, jeden Abend aufs Neue in eine andere Person zu schlüpfen?

Michel: Es braucht vor allem Zeit und viel Hingabe. Und ich schlüpfe ja nicht in die Person – vielmehr versuche ich, dieser Person in mir Raum zu geben, sie in mir zu finden, sie durch mich leben zu lassen. Das heißt, ich habe vor einer Vorstellung einen langen Vorlauf mit Schlaf, bestimmten Musikstücken, Aufwärmen von Körper und Stimme – und eigentlich auch einem gedanklichen Aufwärmen, um in diese anderen Innenwelten zu kommen. Ich muss mich allem öffnen und ganz durchlässig werden, damit ich während der Vorstellung offen bin für das, was raus will.

Gibt es herausragende Vorstellungen – und was macht sie dazu?

Michel: Ja, das gibt es. Und herausragend sind sie oft durch die Art und Weise, wie das Publikum mit einsteigt in die Geschichte. Ich bin zwar alleine auf der Bühne, aber meine Mitspieler sind auch die Menschen im Publikum.

Wie viel von Antonio Ligabue steckt mittlerweile in Ihnen?

Michel: Es ist vielleicht eher andersrum: Viel von mir steckt in Antonio Ligabue. Zwar wurde ich nicht weggegeben als Kind, aber auch ich habe, wie jeder Mensch, sehr schmerzliche Erfahrungen gemacht, hatte Angst, wurde zurückgewiesen, sehnte mich nach Verständnis. Ich denke, dass wir Menschen die grundlegendsten Erfahrungen teilen – uns dessen aber oft nicht bewusst sind, weil wir eher auf das Trennende als das Verbindende schauen, und weil wir uns so sehr an unsere vermeintlichen Identitäten klammern.

Aufführung

„Ein Kuss – Antonio Ligabue“ mit Marco Michel wird am morgigen Donnerstag, 16. September, um 20 Uhr im Film-Eck an der Telegrafenstraße zur Aufführung gebracht. Eintrittskarten können telefonisch unter Tel. (0 21 93) 26 94 oder per E-Mail bestellt werden.

pscheben@web.de

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