Der Nikolaus kommt heute zu den Kindern

Auch der Nikolaus muss sich schützen. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
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Auch der Nikolaus muss sich schützen.

Ein Interview mit dem heiligen Mann

Das Gespräch führte Wolfgang Weizdörfer

Heiliger Nikolaus, wie geht es Ihnen?

Nikolaus von Myra: Oh, an sich gut, danke! Ich bin aber am Freitag geboostert worden – das hat mich dann doch ein wenig aus der Bahn geworden. Zum Glück war die Impfung nicht am Sonntag. Sonst wäre der Tag heute ohne Hilfe kaum zu stemmen.

Sie müssen sich auch gegen Corona impfen?

Nikolaus: Ja, was denkst du denn? Ich komme mit Millionen Menschen – vor allem Kindern – in Kontakt. Glaubst du, ich will Ursache für ein solches Superspreader-Event so kurz vor Weihnachten sein, oder was?

Äh, ja, nein, okay.

Nikolaus: Hör mal, mir geht Corona auch auf die Nerven! Aber ich sehe das wie unser Chefarzt im Krankenhaus – Impfung ist der Ausweg.

Gut. Was gab es denn sonst im ablaufenden Jahr, was Ihnen nicht entgangen ist?

Nikolaus: Oh, viele Dinge, das sag ich dir, zu viele, um sie jetzt alle hier aufzuzählen. Ich bezweifle, dass wir die ganze Montagsausgabe Platz haben. Aber zuletzt war ich mir nicht sicher, ob ich FDP-Chef Christian Lindner ein Geschenk oder eher den Knecht Ruprecht vorbeischicken sollte. „Diagnose: Wermelskirchen“, sage ich nur. Ansonsten habe ich mich aber wieder meistens über die Wermelskirchener gefreut.

Hatten Sie denn auch schon eine Audienz bei Marion Lück?

Nikolaus: Ja, tatsächlich schon im letzten Jahr. Ich bin am 6. Dezember im Rathaus gewesen, wir haben über dies und das gesprochen. Wenn ich mir die Corona-Zahlen so ansehe, dann kann ich mir vorstellen, dass ich gleich ein Deja-vu-Erlebnis im Rathaus haben dürfte . . .

Wie ist es eigentlich an seinem Todesgedenktag arbeiten zu müssen?

Nikolaus: Da sprichst du einen wunden Punkt an. Zum einen hätte ich da eigentlich lieber frei, auf der anderen Seite freue ich mich immer so, wenn ich von den vielen Kindern höre, die sich über die Kleinigkeiten freuen, die ich ihnen vorbeigebracht habe. Aber ich weiß auch nicht, ich glaube, ich werde langsam zu alt für den Job.

Sie denken ans Aufhören?

Nikolaus: Alle Jahre wieder . . . Aber das auch schon seit dieser seltsamen Legende so, die ein enormes Eigenleben entwickelt hat.

Welche Legende meinen Sie?

Nikolaus: Ach, angeblich habe ich in der Zeit, noch ehe ich Bischof war, in drei Nächten drei arme Jungfrauen beschenkt, die von ihrem Vater in die Prostitution gezwungen werden sollten, weil dieser seine Schulden nicht bezahlen konnte. Ich habe in jeder Nacht einen Goldklumpen in die Zimmer der jungen Frauen geworfen. Deswegen werde ich übrigens auch auf vielen Statuen oder Bildern mit drei goldenen Kugeln oder Äpfeln dargestellt.

Und?

Nikolaus: Was, und?

Stimmt die Geschichte?

Nikolaus: Was weiß ich. Die Geschichte ist so gut, dass sie stimmen könnte, aber ich würde sie an meiner Stelle jetzt auch nicht unbedingt an die große Glocke hängen. Ich bin schließlich kein Prahlhans!

Mal Hand aufs Herz – wie finden Sie es, dass immer weniger Leute an Sie glauben?

Nikolaus: Das ist tatsächlich ein wenig schade – und ich denke nicht selten darüber nach. Ich habe ja auch genug Zeit, das ganze Jahr über. Aber mal ehrlich, ich weiß ja selber, dass ich ein althergebrachter Mythos bin, eine am Leben erhaltene Geschichte aus alten Zeiten. Aber was ist daran denn so schlimm? Unsere Welt ist doch so unübersichtlich, schnelllebig und komplex geworden – immer muss alles überall sofort verfügbar, erledigt und beschaffbar sein. Da bekommt man doch Kopfschmerzen, wenn man nur drüber nachdenkt. Ich finde, dass es ganz guttut, wenn man gerade auch in der besonders hektischen Adventszeit mal den Blick nach früher richtet und sich an alten Legenden und Bräuchen erfreut.

Der Fluch der aufgeklärten Welt?

Nikolaus: Nein, das ist schon alles gut und wichtig. Viel zu viele Menschen vertrauen heute der Wissenschaft nicht mehr – würden sie das tun, hätten wir diese dämliche Pandemie schon längst im Griff. Aber man muss für Auszeiten im Alltag sorgen. Für Momente, in denen man nicht groß nachdenken muss, sondern auch einmal abschalten kann.

Und wie machen Sie das?

Nikolaus: Indem ich einen schönen Film gucke, irgendwas Kitschiges. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ zum Beispiel. Und Plätzchen. Und Kerzen. Und ein Kaminfeuer. Und leise Adventsmusik. So in etwa.

Wie gefällt Ihnen denn eigentlich unser großer Weihnachtsbaum?

Nikolaus: Was für eine Frage, sehr gut gefällt er mir – und das schon seit Jahren! Nicht nur ist er eindrucksvoll und wunderschön – er ist auch sehr praktisch. Denn da weiß ich wenigstens, wo ich gefahrlos mit meinem Schlitten landen kann, so schön hell wie es dort immer ist. Wobei, vielleicht war es das ja bald endgültig mit dem Schlitten. Bei dem bisschen Schnee mache ich mir ja nur die Kufen kaputt.

Der Nikolaus ist ein Grüner?

Nikolaus: Für mich ist, über alle demokratischen Parteigrenzen hinweg, der Erhalt unserer Schöpfung wichtig. Und ich muss sagen, dass wir Menschen hierbei ganz schön versagen. Das kann ich nicht einfach stillschweigend hinnehmen. Aber es gibt einen Ort und eine Zeit dafür. Heute komme ich zu den Kindern. Und bringe ihnen kleine Geschenke. „All‘ Ding‘ hat seine Zeit“, musst du wissen. Bis nächstes Jahr!

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