Gesundheit

Der Chef erlebt Pflege-Belastung hautnah

Der Geschäftsführer Pflege und Wohnen der Diakonie Michaelshoven und frühere Hückeswagener Wirtschaftsförderer Christian Potthoff hat jetzt an drei Tagen hautnah erfahren, wie Mitarbeiter in der Pflege arbeiten (müssen).
+
Der Geschäftsführer Pflege und Wohnen der Diakonie Michaelshoven und frühere Hückeswagener Wirtschaftsförderer Christian Potthoff hat jetzt an drei Tagen hautnah erfahren, wie Mitarbeiter in der Pflege arbeiten (müssen).

Um sich einen Eindruck von der Arbeit seiner Mitarbeiter zu machen, wechselt Christian Potthof die Seiten.

Von Stephan Büllesbach

Für einen Unbeteiligten bedarf es großer Vorstellungskraft, wie es wohl sein mag, anderen, älteren Menschen die Windeln zu wechseln, offene Wunden zu versorgen oder einfach nur die Urinflasche auszuleeren. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege ist das Alltag. Mit ihnen hat Christian Potthoff tagtäglich zu tun. Der 35-jährige Wermelskirchener ist seit März 2020 als Geschäftsführer Pflege und Wohnen gGmbH, einer Tochtergesellschaft der Diakonie Michaelshoven in Köln, verantwortlich für 600 Beschäftigte. Sie arbeiten in Altenheimen, der Tagespflege für Senioren und Pflegediensten. „Wir haben außerdem eine eigene Pflegeschule, betreiben das Servicewohnen für Senioren und zusammen mit der Wissenschaft und Medizin Forschungsprojekte“, listet der frühere Mitarbeiter der Stadtverwaltung Hückeswagen auf. Allein seine Sparte macht 38 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Vertreten ist die Diakonie Michaelshoven in Köln, im Rhein-Erft- und im Oberbergischen Kreis. In Wipperfürth etwa betreibt sie eine Beratungsstelle.

Mitarbeiter sollten ihm möglichst real den Alltag zeigen

Täglich ist Potthoff mit den Pflegeprozessen befasst und muss entsprechende Entscheidungen treffen, „aber gearbeitet hatte ich in einem Pflegeheim noch nie“, sagt er. So reifte in ihm die Überlegung, den Pflegealltag einmal aus nächster Nähe zu betrachten – als Praktikant im Präses-Held-Haus in Wesseling. „Ich habe dort jeweils einen Tag in der Früh-, Spät- und Nachtschicht gearbeitet“, berichtet der 35-Jährige. „Ich wollte mir von den Mitarbeitern möglichst real ihren Alltag zeigen lassen.“ Am Anfang stieß er bei einigen auf Vorbehalte.

„Ich wollte ihnen aber zeigen, dass der Geschäftsführer auch ein Mensch ist. Jemand, der mit zu diesem System gehört“, versichert Potthoff. Um die Kontrolle der Mitarbeiter sei es ihm nicht gegangen. Nachdem darüber offen gesprochen worden war, waren die Zweifel beseitigt.

Potthoff begleitete einzelne Mitarbeiter bei ihrer Arbeit. Dabei spielte er nicht nur die Rolle des Beobachters, sondern übernahm auch deren Tätigkeiten. „Wir haben die Menschen morgens aus dem Bett geholt und gewaschen“, berichtet er. Das Wechseln von Inkontinenz-Material gehörte ebenso zu seinen Beschäftigungen wie das Versorgen von Wunden. Und wer nicht mehr selbstständig essen konnte, dem half er dabei.

Einblicke erhielt der Geschäftsführer auch in die Medikamentenversorgung und die Hauswirtschaftskonzepte, also in die Planung der Versorgung der Bewohner und die Speisenzubereitung. „Nachmittags haben wir mit den Senioren in Gruppen Memory gespielt“, erzählt er. Somit habe er den Alltag der Pflegemitarbeiter und der Bewohner „querbeet“ miterlebt.

Hatte er da schon an Respekt vor der Arbeit der Kolleginnen und Kollegen in der Pflege gewonnen, wuchs der weiter an. Etwa, als er es mit Bewohnern mit künstlichen Darm- oder Blasenausgängen zu tun bekam, gehöre der Umgang mit ihnen schließlich auch zur Pflege. „Das war meine eigene Challenge“, versichert Potthoff, der sich selbst als „etwas sensibel“ beschreibt. Aber er stellte sich den Herausforderungen, die für die Beschäftigten Alltag sind.

Eine weitere Challenge war der Nachtdienst. „Es ist komplett gegen den natürlichen Biorhythmus, wenn man von 21 bis 7 Uhr arbeitet“, hat Potthoff festgestellt. Und wenn Mitarbeiter aus der Tag- dann auch noch für die Nachtschicht einspringen müssen, bedeutet das für sie eine extrem körperliche Belastung.

Das Fazit nach den drei Tagen Pflegepraxis fällt positiv aus: „Wir haben großartige Mitarbeiter mit viel Herz, die unsere Kunden versorgen“, lobt Potthoff. Die zudem ein hohes Engagement für das Unternehmen an den Tag legten. Der Geschäftsführer entdeckte zudem eine Vielzahl an Kleinigkeiten, die es zu ändern gilt. So sei die IT-Versorgung in dem Haus sehr langsam gewesen, weswegen die Mitarbeiter für die Pflegedokumentation noch mehr Zeit benötigten. Das Problem sei inzwischen behoben, versichert Potthoff. Angesprochen wurde er etwa, dass bestimmte Pflegehilfsmittel fehlten. „Also haben wir beispielsweise eine Lifterwaage angeschafft.“

Der Wermelskirchener, der laut eigener Aussage „total happy bei der Diakonie“ ist, sieht sich und die übrigen Mitglieder des Leitungsdienstes als Kümmerer: „Wir wollen für unsere Mitarbeiter gute Rahmenbedingungen schaffen.“ Ihm sei bei seinem dreitägigen Praktikum klar geworden, welchen Stellenwert die Führungskräfte hätten. „Wir müssen uns jetzt bei der Politik dafür einsetzen, dass die Rahmenbedingungen in der Pflege verbessert werden.“

Zur Person

Schule: Christian Potthoff besuchte in Wermelskirchen die Haupt- und die Höhere Handelsschule.

Verwaltungslaufbahn: Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten bei der Stadt Hückeswagen von September 2004 bis Juni 2007. Anschließend Festanstellung in der Kämmerei. Ab Wintersemester 2007/2008 BWL-Studium parallel zur Arbeit (beendet 2010). Ab 2011 kaufmännischer Leiter des Abwasserbetriebs, ab 2012 Leiter Finanzbuchhaltung, ab Sommer 2013 stellvertretender Fachbereichsleiter, ab April 2014 Wirtschaftsförderer.

Freie Wirtschaft: Zum 1. Januar 2015 wechselte er zur Diakonie Michaelshoven in Köln. Er folgte damit seinem Mentor, dem früheren Bürgermeister Uwe Ufer, der dort seit November 2013 kaufmännischer Vorstand ist. Inzwischen ist Potthoff Geschäftsführer Pflege und Wohnen.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Schon kleine Veränderungen werden ertastet
Schon kleine Veränderungen werden ertastet
Schon kleine Veränderungen werden ertastet
Spatzenhof: Regionale Küche im ungewöhnlichen Gewand
Spatzenhof: Regionale Küche im ungewöhnlichen Gewand
Spatzenhof: Regionale Küche im ungewöhnlichen Gewand
IHK sieht eine „herausfordernde“ Lage
IHK sieht eine „herausfordernde“ Lage
IHK sieht eine „herausfordernde“ Lage
Zwei Wermelskirchener bekommen Ehrennadel in Gold
Zwei Wermelskirchener bekommen Ehrennadel in Gold
Zwei Wermelskirchener bekommen Ehrennadel in Gold

Kommentare