Eisenbahn

Der Balkanexpress ist mit neuen Details zurück

1932 war die Opladener Lok 55 4536 als Wendelok zu Gast in Lennep.
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1932 war die Opladener Lok 55 4536 als Wendelok zu Gast in Lennep.

Eisenbahn-Experte Kurt Kaiß hat in der Flut viele seiner Werke verloren – Eines stellte er erneut zusammen.

Von Ludmilla Hauser

Wermelskirchen. Es gibt Leute, die lesen in einem Buch zuerst die letzten Seiten, um das Ende schon mal zu kennen. Wer im neuen Werk von Kurt Kaiß die letzten Seiten aufschlägt, der bekommt Appetit. Einen Lesehunger auf jede einzelne der fast 200 Seiten. Auf jedes Bild, auf jede Erläuterung, auf jede historische, geografische, topographische und technische Einzelheit. Denn ganz hinten hat Eisenbahnexperte Kaiß eine gehörige Portion „human touch“, also Menschelndes, platziert, Schmankerl aus der Geschichte des Balkanexpress‘, dessen letztes Kapitel möglicherweise noch gar nicht geschrieben ist. Denn die Zugverbindung zwischen Lennep und Opladen, die Güter und Menschen jahrelang zwischen dem Bergischen und dem Rheinland beförderte, sie könnte zurückkommen. Eine Machbarkeitsstudie läuft.

Vorerst ist der Balkanexpress in Papierform zurück. Und mit ihm etwa diese Geschichte: Es ist Sommer 1885, als Schreinermeister August Mai in Neukirchen „auf dem Eisenbahnkörper zwischen hier und Pattscheid die Trümmer von den kurz vorher in wilder Hast vorbeisausenden Güterwagen erblickte und schon in der Ferne den auftauchenden Personenzug gewahrte“, zitiert Kaiß aus dem „Verkündiger und Anzeiger an der Niederwupper“ von August 1885. Der Mann habe sich einen Holzpfahl gesucht, diesen mit einem großen Stück Papier versehen und ihn an einer Eisenbahnschiene als Notsignal aufgepflanzt. „Als der Mann sah, daß das Zugpersonal demselben anscheinend keine Beachtung schenkte, riß er schnell die Arbeitsschürze herunter und suchte durch fortwährendes Schwenken mit derselben und durch angestrengtes Rufen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.“ Mit Erfolg, der Zug hielt an. „Erst von den Beamten ziemlich hart angefahren, wußte man dem braven Manne nachher großen Dank....“ Folge für die Passagiere: Sie mussten aussteigen und den Weg bis Opladen zu Fuß antreten.

Das Gebäude um 1905/1906.

Es sind dramatische und heitere Geschichten, etwa auch vom Eisenbahnunglück in Pattscheid 1907, bei dem die Lok umgekippt war, eine Explosion verhindert werden konnte und der Postschaffner noch schnell die „Wertpakete“ rettete, bis zu heiß begehrten Schnitzeln in der Bahnhofsgaststätte von Tente in den 1970er Jahren. „Wenn die Lokführer ihre letzte Fahrt in Richtung Bergisch Born machten, gaben sie ihre Bestellung an das Stellwerk Opladen, und wir haben sie telefonisch weitergegeben. Wenn der Zug dann in Tente einlief, waren die Schnitzel fertig“, berichtete Hans-Jürgen Rasche 1997 der Rheinischen Post. Er war in den 1970-er Jahren im Opladener Stellwerk tätig. Kaiß hat auch dieses leckere Histörchen recherchiert für den mittlerweile dritten Band über den Balkanexpress.

Dass der nun in Buchläden wie Noworzyn in Opladen, Gottschalk in Schlebusch, Pavlik in Leichlingen und Hentschel in Burscheid steht, hat mit der Jahrhundertflut im Juli vergangenen Jahres zu tun. Kurt Kaiß hatte Exemplare der 20 Titel, die er rund ums Thema Eisenbahnen verfasst oder herausgegeben hat, im Keller seines Hauses gelagert. Die Flut zerstörte alles. „Drei der 20 Titel konnten wir nachdrucken lassen, nämlich die, bei denen die digitalen Daten komplett vorlagen“, berichtet der Leichlinger. 17 Titel, etwa die Bände über das Ausbesserungswerk Opladen, sind also verloren bis auf die Exemplare, die bei Fans regionaler Eisenbahngeschichte im Regal stehen?

Im Grunde ja, sagt Kaiß. Denn derlei extrem aufwendige Recherchen über Jahre mag er sich nicht mehr antun. In den Fingern gekribbelt hat es ihn aber doch. „Der Titel zur Eisenbahnverbindung Lennep – Marienheide konnte, weil digital vorhanden, nachgedruckt werden. Mit dem Balkanexpress funktionierte er eigentlich als Pärchen sehr gut“, berichtet Kurt Kaiß. Also beschloss er, zum Balkanexpress erneut seine Unterlagen zu durchstöbern und nochmal ausführlich zu recherchieren. Die neue Ausgabe war auch die Gelegenheit, weitere Details mit aufzunehmen. „Der Band ist erweitert, etwa um die Fabrikanschlüsse entlang der Strecke, beispielsweise in Burscheid, die zeigen, wie wichtig diese Zugstrecke für die Versorgung war“, betont der Autor. „Man könnte sagen, dass die Industrie in dem Gebiet ohne den Balkanexpress wahrscheinlich vor die Hunde gegangen wäre.“

Die Balkantrasse – mittlerweile eine beliebte Route für Wanderer, Radfahrer, Inline-Skater und Sonntagsspaziergänger – betrachtet der Autor als „technisches Denkmal“, zu dem das neue Buch einen Beitrag leisten möchte. Dass dieses Stück regionale Eisenbahn-Geschichte am Opladener Bahnhof einen so „lieblosen Anfang, beziehungsweise ein liebloses Ende findet“, macht Kurt Kaiß traurig. „Das darf nicht einfach so zwischen Autos auf einem Parkplatz aufhören.“ Dem dahinterliegenden Bahnhof Opladen hat er in der erweiterten Neuauflage ein großes Kapitel gewidmet. Dessen recht primitiver Zustand Anfang des 20. Jahrhunderts hätte im Frühjahr 1909 fast zur Katastrophe mit etlichen Toten geführt. Weil neben Schutzdächern auch eine Unterführung fehlte, querten Bahnreisende gerade die Gleise, als dort ein Schnellzug aus Köln heranbrauste, berichtet Kaiß. Geistesgegenwärtig habe ein Bahnhofsbeamter einen Nothalt eingeleitet, so dass niemand ernsthaft zu Schaden gekommen sei. Dem Bahnhof Pattscheid, den Haltepunkt in Neukirchen und dem 1954 für Schienenbusse eröffneten „Bedarfshaltepunkt“ im idyllischen Grund widmet Kurt Kaiß gleichsam informative wie unterhaltsame Abschnitte, ebenso den Haltestellen weiter im Bergischen bis Lennep. Es geht ebenso um Technik wie um die mittlerweile nicht mehr existenten Gaststätten, ohne die ein Bahnhof früher kaum denkbar war.

Rund 140 Seiten hatte Kaiß für den neuen Titel eingeplant, knapp 200 sind es geworden, „und ich hätte noch 20 mehr schreiben können“, erzählt er. „Ich musste die Notbremse ziehen.“ Nicht aber, ohne eben doch noch auf den Funken Hoffnung für alle Balkanexpress-Freunde zu sprechen zu kommen. Der Leichlinger fragte den aktuellen Stand in Sachen Reaktivierung – Balkanexpress und Freizeittrasse könnten nebeneinander existieren, so die Idee – ab. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hat laut Kaiß 2022 mitgeteilt: „Eine eingleisige Schienenlösung als Teil der Mobilitätsachse ist... umsetzungsfähig.“ Eine Kombitrasse aus einem Gleis und breitem Fuß-/Radweg passe auf die früher zweigleisige Trasse, führte der VDV unter anderen Punkten aus. Entschieden ist noch nichts. Aber die Mobilitätswende könnte, überlegt Kaiß, dem Balkanexpress wieder zum Leben verhelfen.

Buch

„Der Balkanexpress – Die Eisenbahnverbindung Remscheid-Lennep – Opladen“  (Rheinisch-Bergische Eisenbahngeschichte Nr. 3, ISBN 978-3-9818345-3-6) ist für 24 Euro etwa bei Gottschalk und Noworzyn (Leverkusen), Pavlik (Leichlingen), Hentschel (Burscheid) erhältlich.

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