Interview

Blutspende: „Den Menschen muss die Notwendigkeit bewusst werden“

Dr. Michael Kellersohn ist Oberarzt in der Inneren Medizin im Krankenhaus.
+
Dr. Michael Kellersohn ist Oberarzt in der Inneren Medizin im Krankenhaus.

Wermelskirchen. Oberarzt Dr. Michael Kellersohn spricht über das Blutspenden.

Das Gespräch führte Wolfgang Weitzdörfer

Herr Dr. Kellersohn, wann haben Sie zuletzt eine Blutspende verwendet?

Dr. Michael Kellersohn: Im Prinzip geschieht das im Krankenhaus beinahe täglich. Speziell auf der Intensivstation, die auch mein Einsatzbereich ist, werden Blutspenden bei den unterschiedlichsten Erkrankungen eingesetzt. Der klassische Fall ist hierbei natürlich der blutende Patient – im Bereich der Inneren Medizin sind das oft Blutungen im Magen-Darm-Trakt, in der operativen Medizin kommen Blutkonserven etwa bei verunfallten Patienten zum Einsatz oder wenn es zu Blutverlusten während einer Operation kommt.

Es können aber auch Patienten auf Blutkonserven angewiesen sein, bei denen etwa durch eine lange Krankheit die Eigenblutbildung im Knochenmark gestört ist und die dann in Situationen kommen, in denen sie auf Fremdblut angewiesen sind, um eine ausreichende Sauerstoffversorgung zu gewährleisten. Was eine der Hauptaufgaben des Bluts im Organismus ist: den Sauerstofftransport in die Organe aufrechtzuhalten.

Warum sind Blutspenden für die Arbeit im Krankenhaus so wichtig?

Kellersohn: Weil wir, zumindest derzeit, noch keine synthetischen Ersatzstoffe für Blut im klinischen Einsatz zur Verfügung haben. Es gibt zwar einzelne Blutkomponenten, die gentechnisch hergestellt werden können. Das gilt aber nicht für die zellulären Bestandteile – also die roten Blutkörperchen oder die Blutplättchen, die für die Blutgerinnung notwendig sind.

Welche Patientengruppen sind darauf angewiesen?

Kellersohn: Patienten, die operiert werden müssen, Patienten mit Traumata, die in der Unfallchirurgie sind. Im Bereich der Inneren Medizin sind es vor allem Tumorpatienten, deren Blutbildung durch Knochenmarkserkrankungen oder Chemotherapie gestört ist sowie Patienten, die Blutverluste im Magen-Darm-Trakt haben oder die unter blutverdünnenden Maßnahmen als Komplikation einen Blutverlust erlitten hatten.

Gibt es Blutgruppen, die besonders benötigt werden?

Kellersohn: Statistisch gesehen sind bei uns im Haus die Blutgruppen A positiv und 0 diejenigen, die am häufigsten benötigt werden. Diese beiden Blutgruppen decken zusammen etwa 70 Prozent unseres Einsatzbereiches ab.

Wie funktioniert die Beschaffung von Blutkonserven für das Krankenhaus?

Kellersohn: Wir arbeiten mit dem Blutspende-Zentrum in Hagen zusammen. Das ist unsere externe Blutbank. Wir haben auch ein Blutdepot im Haus, wo wir die erste Stufe der Bevorratung vorhalten. Wenn es um größere Mengen oder um besondere Konstellationen geht, stehen wir aber immer im Austausch mit dem Zentrum in Hagen.

Wie wird der entsprechende Bedarf berechnet?

Kellersohn: Natürlich gibt es auf der einen Seite Erfahrungswerte, die auch regelmäßig im Rahmen unserer Transfusionskommissionssitzungen hinterfragt und angepasst werden. Zudem gibt es typische Mengen für die unterschiedlichen Operationen – je nachdem, ob es sich beim Patienten um einen Risikofall handelt, wird auch mehr Blut vorgesehen. Außerdem gibt es eine Notfallreserve, die etwa für schwere Verkehrsunfälle vorgehalten wird – auch hier verlassen wir uns auf Erfahrungswerte. Nicht zuletzt gibt es dann die Möglichkeit, sich in besonderen Notfällen mit Hagen abzustimmen, so dass entsprechende Mengen zusätzlich per Notfalltransport angefordert werden können.

Werden Blutspenden immer gebrauchsfertig geliefert?

Kellersohn: Das hängt davon ab, von welchem Produkt wir reden. Die zellulären Bestandteile sind gebrauchsfertig, gewisse Eiweißkomponenten – etwa die Gerinnungseiweiße – kommen hingegen als gefriergetrocknete Trockensubstanz. In der Verpackung ist dann aber immer das dazugehörige Lösungsmittel enthalten, damit es hier nicht zu Verwechslungen kommen kann. Das Pulver wird in einer sterilen Flasche geliefert, bei Bedarf werden die Bestandteile dann gemischt und flüssig gemacht – das hat den Grund, dass diese Blutbestandteile in flüssiger Form nicht so lange haltbar sind.

Was passiert, wenn einmal tatsächlich keine Blutkonserven vorrätig sein sollten?

Kellersohn: Der erste Schritt ist eine Notfallanforderung nach Hagen. Dort wiederum ist man so vernetzt, dass man sich mit anderen Notfallzentren kurzschließen kann. Die Situation, dass tatsächlich gar keine Blutkonserve vorhanden ist, habe ich in meiner Zeit als Arzt allerdings zum Glück noch nicht erlebt.

Blutspende ist ein Akt, bei dem der Mensch selbst aktiv werden muss.

Dr. Michael Kellersohn

Wie kann man der sinkenden Zahl von Blutspendern begegnen?

Kellersohn: Man muss hier zweigleisig fahren. Die eine Frage ist – was können wir im Krankenhaus als Anwender machen, um den Blutverbrauch zu verringern? Wir haben hier eine Reihe von Möglichkeiten. Etwa können wir vorsichtiger abwägen, wann wirklich große oder kleine Mengen an Bluttransfusionen nötig sind. Vom sogenannten Transfusionstrigger, also dem Maß an Blutarmut, das noch ohne Transfusion toleriert wird, weiß man mittlerweile, dass man hier deutlich zurückhaltender handeln kann, ohne dass dadurch ein Nachteil für den Patienten entsteht.

Dann gibt es blutsparende Maßnahmen – etwa die Rückgewinnung nicht kontaminierten Blutes bei sterilen Operationen. Das kommt vor allem in der Knochenchirurgie zum Einsatz. Außerdem hilft das Führen von Transfusionsstatistiken beim Blutsparen. Dadurch kann garantiert werden, dass nicht große Mengen von Blutkonserven für bestimmte Operationen reserviert werden, bei denen das gar nicht nötig ist.

Aber auf der anderen Seite ist die Aufklärung der Bevölkerung besonders wichtig. Den Menschen muss bewusst werden, dass die Notwendigkeit einer Blutkonserve jeden zu jedem Zeitpunkt treffen kann. Ich kann jetzt das Krankenhaus verlassen, einen Verkehrsunfall haben – und bin plötzlich auf Blutspenden angewiesen. Davor ist keiner sicher, es gibt keine Risikogruppen. Man muss ins Bewusstsein bringen, dass man jederzeit selbst zum Patienten werden kann. Das war vielleicht bei früheren Generationen, gerade jener, die etwa den Krieg noch selbst erlebt hat, noch etwas präsenter.

Was, glauben Sie, hindert die Menschen daran, zur Blutspende zu gehen?

Kellersohn: Ich glaube wirklich, dass es zu wenig präsent in den Köpfen ist. Außerdem ist die Blutspende ein Akt, bei dem der Mensch selbst aktiv werden muss. Man wird nicht angeschrieben und bekommt einen Termin vorgesetzt – das hemmt vielleicht auch manche Menschen. Auch Verunsicherungen, etwa als Folge der Pandemie, spielen hier sicherlich eine zusätzliche Rolle.

Wie wichtig wäre es, die Blutspende für homosexuelle Menschen zu erleichtern?

Kellersohn: Es wird mittlerweile nicht mehr so streng gehandhabt. Das ist ja aus der Befürchtung heraus entstanden, dass durch häufig wechselnde Partner besondere Risikogruppen entstehen könnten. Allerdings sind die Testverfahren mittlerweile so sensibel, dass in irgendeiner Form belastete Blutspenden aussortiert werden. Ich glaube zudem, dass in der ganzen Sache im Moment ein Prozess abläuft. Aus medizinischer Sicht spricht im Grunde nichts dagegen, dass auch homosexuelle Menschen Blut spenden, wobei ich über statistische Häufigkeiten keine Aussagen treffen kann – das ist Sache der Dienste.

Sind Sie selbst Blutspender?

Kellersohn: Ja, ich habe auch schon Blut gespendet, meine letzte Spende liegt allerdings schon etwa zwei Jahre zurück.

Nächste Termine

Termine: Die nächsten Termine sind am Dienstag, 6. September, von 15 bis 19.30 Uhr im Bürgerzentrum an der Telegrafenstraße und am Montag, 12. September, von 15 bis 19 Uhr in der Mehrzweckhalle in Dabringhausen.

Bereitschaft: Gerade erst hat das Deutsche Rote Kreuz in Wermelskirchen im Autohaus Hildebrandt einen Blutspendentermin angeboten – mit rund 70 Spendern war der vierstündige Termin ausgebucht. Die Wermelskirchener geben offensichtlich bereitwillig Blut ab.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Brennender Pkw sorgt für Stau auf A 1
Brennender Pkw sorgt für Stau auf A 1
Brennender Pkw sorgt für Stau auf A 1
Azubis aus Forst hospitieren im Rathaus
Azubis aus Forst hospitieren im Rathaus
Azubis aus Forst hospitieren im Rathaus
Vermisstes Mädchen wieder aufgetaucht
Vermisstes Mädchen wieder aufgetaucht
Vermisstes Mädchen wieder aufgetaucht

Kommentare