Interview

„Das Publikum ist elementar wichtig“

Martin De Giorgi (l.) und Michael Dierks freuen sich über den großen Erfolg des neuen Formats im Haus Eifgen.
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Martin De Giorgi (l.) und Michael Dierks freuen sich über den großen Erfolg des neuen Formats im Haus Eifgen.

Initiator Martin de Giorgi und Vorleser Michael Dierks über die Hintergründe des Formats „LitAmAbend“.

Das Gespräch führte Wolfgang Weitzdörfer

Herr de Giorgi, was genau verbirgt sich hinter dem Format „LitAmAbend“?

Martin de Giorgi: Der Auslöser für das Format ist, dass ich selbst unglaublich gerne vorgelesen bekomme – aus den unterschiedlichsten Genres. Und irgendwann habe ich festgestellt, dass ich nicht alleine bin. Es gibt sehr viele Menschen, die auch gerne beim Vorlesen zuhören. Noch nicht einmal, weil sie zu faul zum Selberlesen wären, sondern, weil es eine besonders schöne Atmosphäre schafft, wenn man vorgelesen bekommt. Das Programm im Haus Eifgen ist traditionell sehr musiklastig – und da habe ich gedacht, es doch einfach mal mit einem Vorleseabend zu versuchen. Anfangs habe ich alleine vorgelesen, dann sind aber sehr schnell andere mit ins Boot gekommen, die das auch mal machen wollten. Mittlerweile habe ich eine ganze Zahl an Mit-Lesern im Boot, die auch aus ganz unterschiedlichen Genres lesen – von der Kurzgeschichte über den Thriller bis zur Comedy. Grundsätzlich wollen wir nur keinen Mainstream bieten – ohne dass der schlecht sein muss, aber Rosamunde Pilcher und Heinz G. Konsalik passen einfach nicht so gut hierher, finde ich.

Seit wann und wie oft gibt es das Format?

De Giorgi: Der erste Abend war im November 2021 – seitdem bieten wir einmal im Monat eine „LitAmAbend“-Veranstaltung an. Mit Ausnahme der Sommermonate. Vorlesen ist meiner Meinung nach nichts, was zum Sommer passt, das ist eher was für die dunkle Jahreszeit mit Rotwein und Kaminfeuer. Deswegen haben wir von Juni bis Oktober eine Sommerpause.

Wer ist die Zielgruppe und wie wird es angenommen?

De Giorgi: „LitAmAbend“ war – was mich wirklich sehr gefreut und auch ein bisschen überrascht hat – von der ersten Veranstaltung an richtig gut besucht. Es kann jeder kommen, der gerne vorgelesen bekommt, der gerne anderen Menschen dabei zuhört, wenn sie Geschichten vorlesen. So gesehen ist die Zielgruppe sehr weit und offen gefasst.

Wie wählen Sie die Themen aus?

De Giorgi: Es gibt für jeden Abend ein grobes Überthema. Etwa Musik, wie beim nächsten Mal wieder. Ich habe aber auch schon Lesungen zu Annette von Droste-Hülshoff gemacht. Oder zur Musik und Kultur der Aborigines. Jemand hat einmal zum Leben der Clara Schumann gelesen. Es gibt also jedes Mal ein neues Thema.

Wie wichtig ist das Publikum an diesen Abenden?

De Giorgi: Das Publikum ist elementar wichtig. Natürlich geht es zunächst ums Zuhören – und das ist auch sehr konzentriert und aufmerksam der Fall. Der Abend ist zweigeteilt, es gibt zwei Blöcke zu je etwa einer Dreiviertelstunde. Länger kann man sich auch nicht gut konzentrieren. In den Pausen wird dann durchaus auch über die Inhalte geredet, man kommt ins Gespräch – und das gehört ganz einfach dazu.

Herr Dierks, warum haben Sie sich gerade Paul McCartneys Texte vorgenommen?

Michael Dierks: Ich habe das Buch „Lyrics“ von Paul McCartney geschenkt bekommen – was im Prinzip der Ersatz für eine Autobiografie des Ex-Beatles ist. Weil er quasi kein Tagebuch geführt hat, sondern nur an die 150 Songtexte verfasst hat, hat er sich entschieden, die Texte alle aufzuschreiben und dazu kleine Geschichten zu schreiben – über den Hintergrund oder die Entstehungsgeschichte des jeweiligen Textes. Das Buch ist wirklich inspirierend. Ich habe dann gedacht, dass das doch zu „LitAmAbend“ passen würde. Ergänzen möchte ich mein Vorlesen dann durch das Anspielen der Songs auf dem Klavier, die ich vorgelesen habe.

Welche Texte haben Sie sich ausgesucht?

Dierks: Das verrate ich im Vorfeld natürlich noch nicht. Ich bin das Buch alphabetisch durchgegangen, bin hier und da hängengeblieben, etwa bei „Fool On The Hill“ und „Fixing A Hole“, und habe mir gedacht, dass die gut passen würden. Aber dann habe ich noch ganz viele andere Sachen gefunden, etwa das Wings-Lied „Give Ireland Back To The Irish“, ein hochpolitischer Song. Oder Familiengeschichten in Textform. Ich bin auch noch überhaupt nicht sicher, was ich auswählen werde. Ich bin gerne spontan. Kann sein, dass ich das Publikum die Songs aussuchen lasse. Wahrscheinlich werde ich erst am Vorabend ein paar Stücke näher anschauen, um mich dann nicht ganz unvorbereitet ans Klavier zu setzen. Es ist ein Leseabend, die Musik ist dann nur Beiwerk und wird mehr zitiert als vorgetragen.

Wie wichtig sind Ihnen persönlich die Texte der Beatles?

De Giorgi: Ich finde die Beatles-Texte sehr wichtig und interessant, das ist kein einfaches Bla-bla.
Dierks: Für mich sind die Beatles-Texte ganz besonders wichtig. Ich bin mit ihnen erwachsen geworden, sie haben mich geprägt. Als erstes hörte ich „I Want To Hold Your Hand“– damals, mit zwölf Jahren, passte das perfekt zu meiner ersten Jugendliebe. Die Beatles haben die Entwicklung, die Veränderung der damaligen Gesellschaft geprägt. Die Texte waren von dieser Entwicklung beeinflusst – eigentlich aber auch umgekehrt, sie haben die gesellschaftliche Veränderung auf den Weg gebracht. Sie haben Geschichte geschrieben. Viele Songtexte von Lennon und McCartney sind meiner Meinung nach fundamental für das neue Bewusstwerden meiner Generation.

Haben Sie, unabhängig von Ihrer Auswahl, einen Lieblingstext der Beatles?

De Giorgi: Ich könnte kaum einen hervorheben, es gibt eine ganze Menge Beatles-Texte, die mir wichtig sind.
Dierks: Das ist bei mir ähnlich, aber „In My Life“ z. B. ist ein Text, der einem durch den Kopf geht, wenn man jemanden verliert oder große Veränderungen erlebt. Oder „Lady Madonna“ – ein Gassenhauer! Aber die Aussage über diese alleinerziehende Mutter, die sich durchschlägt und mit ihren Kindern nicht klarkommt, ist so aus dem Leben gegriffen – obwohl die Beatles selbst das damals gar nicht aus erster Hand kannten, sondern nur beobachtet haben.

Was ist wichtiger – Text oder Musik?

Dierks: Für mich ist der Text wichtiger. Ich habe ja nicht viele eigene Stücke geschrieben, aber meistens war da der Text zuerst da. Die Musik bringt den Text nach vorne. De Giorgi: Instrumentale Musik ist wichtig, setzt Emotionen frei – aber lässt viel Spielraum für Interpretation frei. Wenn man aber einen Text dazu nimmt, legt man sich fest, da wird es ernst.
Dierks: Ja, es sind immer die Texte, die etwas bewegt haben – auch wenn die Musik natürlich dabei helfen kann. Das zeigt auch dieses Buch – die Texte sind untrennbar von McCartneys Biografie.

Hintergrund

Termin: Die nächste Ausgabe von „LitAmAbend“ findet am Dienstag, 15. November, 19 Uhr, im Haus Eifgen statt. Eintritt frei, um eine Spende wird gebeten.

Thema: „Lesung – und ein bisschen Musik“ – Michael Dierks wird auf der Bühne Songtexte und Geschichten des Ex-Beatles Paul McCartney lesen und die Songs auch spielen.

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